Reine Männersache, nicht nur am Mischpult: Auf eine Sängerin verzichten die “awoRockers” bewusst. Foto: Michael Matejka.

Musik hält jung: Das beweisen nicht nur Rocklegenden wie die Rolling Stones oder Santana, sondern auch sechs fränkische Instrumentalisten zwischen 58 und 73 Jahren. »awoRockers« nennt sich die wackere Beatgruppe aus Wendelstein. Bei etwa 15 Auftritten pro Jahr heizt sie ihrem Publikum ein; die Nachfrage steigt.

Die älteren Semester sind Amateurmusiker von Jugend an und haben in verschiedenen Bands gespielt. Ihre musikalische Geschichte beginnt in den 60er bis 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts. »Das war eine großartige Zeit«, schwärmt Klaus Pusch, Bandleader und Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Wendelstein. Begeistert von Sängerlegenden wie John Lennon, Elvis Presley oder Bob Marley schossen damals zahllose Amateur-Bands wie Pilze aus dem Boden.

Eine davon, die »derry chicken group«, gründete Pusch in den 60er Jahren in Nürnberg-Steinbühl. Und war damit erfolgreich: 1967 wurde die Band bei der deutschen Beat-Meisterschaft Nürnberger Stadtmeister, 1968 in der gleichen Kategorie Stadtsieger in Erlangen. Ähnlich erfolgreich war Peter Berngruber, der heutige Bassist der »awoRockers«. Er gründete in Nürnberg schon 1962 die Band »Four Owles« (vier Eulen) und trat später mit der Gruppe »Four Francis« in der damaligen Tanzschule Meißner im Keller des heutigen Admiral-Kinos auf.

Doch dann ging jeder seiner Wege. Das Hobby geriet in den Hintergrund, wurde jedoch nie ganz vergessen – getreu dem Motto »Einmal Musiker, immer Musiker«. Klaus Pusch zog nach Wendelstein, wo er mit seiner Frau Margot wesentlich am Aufbau des AWO-Ortsvereins und des 2011 eingeweihten Mehrgenerationenhauses mitarbeitete. Noch heute leitet Pusch regelmäßig Computerkurse bei der Arbeiterwohlfahrt. Genau dort ging es eines Abends wieder um Beat und Rock. Pusch erzählte von den alten Zeiten und überlegte: »Am liebsten würde ich wieder eine Band ins Leben rufen, wenn es nicht so schwer wäre, einen guten Bassisten zu finden.«
Wie es der Zufall wollte, war Peter Berngruber unter den Zuhörern. Als der sich meldete, war der Weg für eine neue Beatgruppe im Jahr 2013 geebnet. In Reinhold Wagner, Dienstleiter im AWO-Pflegeheim, fand man sofort einen Schlagzeuger. Dazu stießen bald Karl-Heinz Nolte (Keyboard), Chris Bach (Sologitarre) und Harry Büchs am Mischpult. Pusch spielt die Rhythmusgitarre.

Wenn es die Senioren krachen lassen, stehen zusammen 320 Jahre auf der Bühne. Auf eine Sängerin verzichten sie bewusst, denn mögliche erotische Turbulenzen im Alter würden ihrer Meinung nach nur Verwirrung stiften. Ihrem Publikum serviert die Band eine Mischung aus Rock’n’Roll, Beat, Country, Blues und Schlager. Ob »Hang on Sloopy« von den McCoys, »House of Rising Sun« von den Animals, »Satisfaction« von den Rolling Stones oder »Heimweh« von Freddy Quinn: Das Programm findet großen Anklang bei den Zuhörern, für die viele Melodien auch mit besonderen Erlebnissen verbunden sind.

Die »awoRockers« spielen überwiegend Cover-Songs. Bei einem Abend mit vorwiegend Country-Melodien legen sie den eigens gestrickten »Rentner-Song« auf – der mit den schönen Worten beginnt: »Wir pfeifen auf den Rentner-Stress/Und singen dieses Lied/Alles, war für uns noch zählt,/Ist Country, Rock und Beat« (nach der Melodie von »Ich möcht‘ so gern Dave Dudley hör‘n«).

»Wir sind spielgeil«

Und die Gage? Der Auftritt bei Veranstaltungen mit einem sozialen Hintergrund (zum Beispiel bei Seniorentreffs oder in Altenheimen) kostet zwischen 350 und 500 Euro für rund zwei Spielzeiten. Bei Sommerfesten, Kirchweihen und ähnlichen Feiern verlangen die »awoRockers« zwischen 600 und 900 Euro, je nach Anfahrt und gewünschter Spieldauer von zwei oder drei Stunden.

Dass die Truppe so manches Frauenherz höher schlagen lässt, beweist ein Besuch beim Konzert im AWO-Mehrgenerationenhaus. »Ich finde es super, dass ältere Männer eine so tolle Musik machen«, meint eine begeisterte Besucherin. Eine andere gesteht: »Bei dieser Musik tut mir kein Knie mehr weh, keine Hüfte, da fühle ich mich einfach wohl.« Und wie beurteilen die Interpreten selbst ihre Leidenschaft? Pusch zitiert die Rolling Stones: »Wir strecken dem Alter die Zunge heraus und haben viel Spaß mit unseren Fans.« Außerdem, so Pusch weiter, »leisten wir einen Beitrag zur AWO-Jugendarbeit, indem wir mit 14- bis 17-Jährigen proben und sie an die Bandarbeit heranführen«. Schlagzeuger Wagner sagt, Musik verbinde, und da könne man die Energie rauslassen, die man sonst zurückhalte. »Wir sind spielgeil«, bekennt Bassist Berngruber. Und Gitarrist Bach ergänzt: »Wenn‘s gute Musik ist, dann liegt in der Luft so was wie magic«, also etwas Geheimnisvolles.

Ein kleiner Hauch von »Rüpelei«

Manchem Rockstar ist diese »magic« schon mal zu Kopf gestiegen. Dann werden Möbel zerstört oder Gläser an die Wand geworfen. Keine Spur davon bei den »awoRockers«. Wobei: Sie hätten schon mal einen Aufzug lahmgelegt, erzählt Pusch mit einem leichten Grinsen, nämlich den der Plassenburg in Kulmbach. Vor ihrem Auftritt im Obergeschoss der Burg im Sommer 2016 versuchten sie, die Instrumente und schweren Boxen per Lift in den großen Burgsaal zu transportieren. Weil der Lift nicht sehr geräumig war, waren mehrere Aufzugfahrten nötig.

Doch bei einer Auffahrt verschob sich eine Box, und die Türe sperrte, der Aufzug musste gewaltsam geöffnet werden. Dazu Pusch: »Irgendwann funktionierte die Anlage nicht mehr, weder rauf noch runter. Man warf uns vor, wir hätten den Aufzug kaputt gemacht, denn die Seile seien durcheinander geraten. Wir fluchten ganz schön, denn beim Abbau mussten wir die Geräte und Boxen über zwei Stockwerke selber runtertragen.« Heute ist der Ärger vergessen und man schmunzelt über den Vorfall – ganz nach dem fränkischen Motto »Derweiln die alden Roggersmääna es immer nu ganz subber kenna«.

Text: Horst Mayer