
Als ich jung war (das ist schon ein Weilchen her) bin ich leichten Herzens umgezogen. Eine »Bude« war schnell gefunden. Das Zimmer, ausgestattet meist mit ausrangierten Möbeln des Vermieters, verfügte, wenn es gut ging, über ein Waschbecken mit »fließendem kalten Wasser«. Kochen war in der Regel strikt verboten. Ein Tauchsieder musste genügen.
Von Brigitte Lemberger
Mit den Jahren wurde der Wohnungswechsel aufwändiger. Nicht nur die Familie wuchs, auch das Mobilar vermehrte sich in rasender Geschwindigkeit. Aus dem Umzugskoffer wurde ein gut gefüllter Möbelwagen. Spaß machte es noch immer: Neue Städte, neue Menschen, neue Räume – trotz des Aufwands blieb das Umziehen ein Abenteuer. Und jetzt? Mich graust‘s!
Tipps von der superschlauen Freundin
»Warum willst du denn aus deinem schönen großen Haus ausziehen!«, fragt Selma, meine superschlaue Freundin, die nie um einen Rat verlegen ist. »Für die Wohnung suchst du dir eine Putzfrau, für den Garten nimmst du einen Gärtner und wenn du Hilfe brauchst, besorgst du dir einen Handwerker. Das ist doch alles kein Problem.« Mit einer Mietwohnung wäre alles doch viel leichter, halte ich dagegen. Ich stelle mir vor, morgens in meinem schnuckeligen kleinen Schlafzimmer aufzuwachen, in mein ebenso schnuckeliges kleines Wohnzimmer zu tapsen, auf den schnuckeligen kleinen Balkon zu treten, lässig an den Geranienblättern zu zupfen und mir in der – Sie wissen schon – einen Kaffee zu brauen. Nix Gärtner, nix Putzfrau, das bisschen Haushalt schaff‘ ich auch allein.
So beginne ich mit der Suche nach einer neuen Bleibe. Heutzutage, lasse ich mich belehren, sucht man seine Wohnung über ein Immobilien-Portal im Internet. So klicke ich mich durch das gewaltige Angebot im Netz und werde im Geiste immer kleiner. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr wie eine geschätzte potenzielle Mieterin, sondern wie eine Bittstellerin. Das Formular für die unerlässliche »Mieterselbstauskunft« habe ich schon mehrfach ausgedruckt, um es bei der jeweiligen Besichtigung vorzuweisen. Mein Rentenbescheid ist kopiert, zur Not könnte ich auch Bürgen beibringen oder meine Impfausweise und Schulzeugnisse vorlegen.
Ich übertreibe? Nur ein bisschen. Da wird zum Beispiel für eine Zwei-Zimmer-Dachgeschosswohnung ein »Premium-Mieter« gewünscht, »Einkommen nicht unter 2.500 Euro.« Ausdrücklich wird im Angebot darauf hingewiesen, dass der Vermieter Schufa und Arbeitsvertrag verlangt. Infrage kommt, wenn es denn schon kein seriöser Single ist, ein Ehepaar mit höchstens zwei Kindern. Haustiere sind nicht erlaubt. »!!!Rauchen ist in der Wohnung nicht gestattet!!!« (Vorsichthalber zweimal vermerkt.) Im Gegenzug erwartet den glücklich Erwählten unter anderem ein ganz in Beige gefliestes Tageslichtbad mit Dusche, Waschbecken und Toilette, sowie ein Bodenbelag aus modernem, hochwertigem Laminat. Da kann man nur sagen: Donnerwetter!
Schiebe ich die Wohnungssuche im Geist ein wenig nach hinten, bauen sich unverhofft neue emotionale Hürden auf. Plötzlich ist mir mein altes Stadtviertel unglaublich ans Herz gewachsen. Ich entdecke meine Liebe zur Gemüsefrau, deren Kundin ich seit Jahr und Tag bin. Im Zeitschriftenladen begrüßt man mich mit Namen und im Supermarkt weiß ich auf Anhieb, wo Zucker und Marmelade stehen. Mein Doktor hat seine Praxis um die Ecke, die Bankfiliale ist nicht weit. Und da soll ich weg? Freiwillig in eine kleine Mietwohnung, irgendwo in fremder Umgebung? Heißt es nicht »Alte Bäume soll man nicht verpflanzen«? Ich finde, ich bin ein ziemlich alter Baum.
Hoffen auf pünktliche Handwerker
Dann hat er, der Baum, einen neuen Standort gefunden. Plötzlich ist die Wohnung da, die ich haben will. Problem Nummer eins ist gelöst. Doch was dann kommt, hat auch seine Tücken. Die Schilderung des Umzugs, seiner Vor- und Nachwehen lasse ich hier lieber beiseite. Sicher ist nur: Wenn die Sieben vor der Eins steht statt umgekehrt, organisiert man besser einen »Seniorenumzug«, statt seine Freunde einzuspannen. Setzt auf Handwerker, die hoffentlich pünktlich kommen, statt selbst die Bohrmaschine in Betrieb zu nehmen. Und trennt sich nicht ohne Wehmut von seinem liebgewordenen Besitz – es passt eben nur wenig Mobiliar ins pflegeleichte neue Heim. Der alte Baum vermisst seine Wurzeln.
Davon abgesehen: Meine alte Gemüseverkäuferin fehlt mir immer noch. Doch das wird schon. Kürzlich hat der nette Mann auf dem Wochenmarkt in meiner neuen Umgebung gefragt »Was darf`s denn sein, junge Frau?« »Junge Frau« – klingt doch gut! Bald werde ich mir auch gemerkt haben, wo im Supermarkt der Zucker steht.