RESSORT:  sechs+sechzig DATUM:      29.04.15 FOTO:         Michael Matejka  MOTIV:  Anne Sprößer ANZAHL:    1 von 13 "Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung"

Bild: Michael Matejka

Der Apfelbaum im Garten von Anne Sprößer ist klein. Aber er blüht so wunderschön wie ein großer. Jeden Tag nach dem Aufstehen und beim Yoga kann ihn die 77-Jährige sehen, er steht direkt vor ihrem Schlafzimmer. »Ich habe ihn wieder hochgepäppelt«, sagt sie. »Heute ist er eine wahre Freude.« Vor rund zwei Jahren hat sie ihr 300 Quadratmeter großes Haus mitsamt 700 Quadratmeter großem Garten in Nürnberg-Boxdorf verkauft und ist in eine Eigentumswohnung in der Saalfelder Straße in Fürth-Poppenreuth gezogen. Ihr war es wichtig, dass sie auch im neuen Domizil einen kleinen Garten hat: »Ich grabe gerne in der Erde.«

»Es war ein großer Schritt, sich zu lösen«
Jeder solle nach seiner Fasson selig werden, meinte einst Preußens König Friedrich II. Der Ausspruch des Alten Fritz ist längst zu einem geflügelten Wort geworden. Längst gilt er auch dann, wenn es darum geht, wie man im Alter wohnen möchte. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, wenn der große Garten einfach zu viel Arbeit macht. Oder wenn der geliebte Ehepartner verstorben ist. Wie bei Anne Sprößer.

Fast 40 Jahre lang wohnte sie mit ihrem Mann im gemeinsamen Haus in Boxdorf, dann war Schluss. »Es ist ein ganz großer Schritt, bis man sich löst und sich trennt«, gibt Anne Sprößer offen zu. Von einem Teil des Erlöses aus dem Hausverkauf hat sie ihre neue Wohnung gekauft, den Restbetrag hat sie ihren Kindern und Enkelkindern geschenkt. »Die stehen doch mitten im Leben«, sagt sie. Den Umzug bereut sie nicht. »Ich war im alten Haus manchmal sehr allein.« Sie wollte »frisch in ein neues Leben gehen«. Heute knüpft sie in der Nachbarschaft neue Kontakte. Sie genießt in ihrem Garten oder auf der kleinen Terrasse die Ruhe. Und jeden einzelnen Besuch ihrer Kinder und Enkelkinder.

Betreutes Wohnen oder der Umzug in eine Seniorenresidenz kam für Anne Sprößer nicht in Frage: »Dafür fühle ich mich noch zu fit.« Aber über eine Wohngemeinschaft hat sie nachgedacht – und diesen Plan wieder verworfen. Klaus Stuke hingegen kann sich etwas anderes als gemeinschaftliches und generationenübergreifendes Wohnen kaum vorstellen. Der 66-Jährige lebt in einem Nürnberger Wohnprojekt der Win GmbH, wo sich rund 100 Bewohner auf sechs Wohngruppen verteilt haben – nach dem Motto »gemeinsam wohnen, eigenständig leben«. Das Wohnmodell kam Stuke entgegen. Bis auf zwei Jahre seines Lebens habe er immer in Kommunen oder WGs gewohnt, sagt Stuke: »Ich liebe Kommunikation.« Seine Mitbewohner, die im barrierefrei gestalteten Neubau in der Marthastraße in Nürnberg-Gleißhammer allesamt in eigenen Wohnungen leben, kannte er bereits vorher. »Jetzt wohnen wir zusammen und lernen uns noch mal neu kennen.«

Jochen Kapelle ist der Geschäftsführer der Win GmbH, einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft des Vereins »Wohnen und Integration im Quartier e.V., WIN e.V.« in Nürnberg, der 1924 als »Nürnberger Nothilfe e.V.« gegründet wurde. Kapelle erklärt: »Es werden nur Menschen aufgenommen, die sich bei allen Mietern vorgestellt haben und von den Mietern akzeptiert werden.« Das hört sich basisdemokratisch an – und ist auch so gemeint. Vermietet sind die Wohnungen im Drittelmix: jeweils ein Drittel Menschen bis 40 Jahre, Mieter zwischen 40 und 60 Jahren und dann die Gruppe 60 plus. »Das halten wir ziemlich genau ein«, sagt Kapelle, denn: »Wir wollen kein Altersheim sein.« So gibt es etwa eine Arbeitsgruppe für die gemeinsame Gartengestaltung, auch die Hausordnung wird selbst organisiert. Alle, die in den Neubau eingezogen sind, haben dies ganz bewusst getan, erzählt Klaus Stuke.

Unterstützung bei der Gartenarbeit
Eine bewusste Entscheidung für ein ganz spezielles Wohnmodell haben auch jene Senioren getroffen, die an »Wohnen für Hilfe« teilnehmen, einem Projekt der Stadt Erlangen in Kooperation mit dem Studentenwerk Erlangen-Nürnberg, das Alt und Jung zusammenführt. Studenten oder Auszubildende ziehen bei Älteren ein, die noch mindestens ein Zimmer frei und ungenutzt haben. Statt Miete zu zahlen, helfen die jungen Mitbewohner bei der Gartenarbeit oder beim Schneeräumen, erledigen Besorgungen, begleiten ihre »Vermieter« ins Theater oder gehen mit dem Hund Gassi – nach der Faustregel: ein Quadratmeter Wohnfläche gegen eine Stunde Hilfe pro Monat, zuzüglich Nebenkosten. Das klappt meistens ganz gut, auch wenn sich mitunter bei den jungen Mitbewohnern eine »einschlafende Bereitschaft« bemerkbar macht, sagt Ursula Andretzky, Projektleiterin bei der Stadt Erlangen.

Doch die Vorteile überwiegen klar, denn von dem Wohnmodell profitieren beide Seiten. Während sich die einen hohe Mieten sparen, wird den Senioren nicht nur geholfen, sondern sie erfahren eine ebenso wichtige soziale Unterstützung: »Der Kontakt zur Außenwelt ist wieder da«, sagt Andretzky, etwa indem die Jüngeren den Älteren den einen oder anderen Kniff in Sachen Computer zeigen oder ihren Vermieter ins Theater begleiten. Mehr noch. Weil jemand im Haus ist, kann die Wohnpartnerschaft auch die Frage beantworten: »Was, wenn ich alleine bin und nachts stürze?«

Wohnen für Hilfe gibt es seit Sommer 2011. »Wir haben mehr als 100 Partnerschaften abgeschlossen«, sagt Ursula Andretzky stolz. Zugeteilt werden die Miet-Helfer allerdings nicht. Zunächst müssen sich die Mieter in spe persönlich bei der Stadt vorstellen. »Wir begleiten die Partnerschaften und schlagen jedem Wohnraumanbieter mehrere Kandidaten vor.« Allein der Vermieter entscheidet dann, mit wem er zusammenleben möchte. Und wenn sich später herausstellt, dass die Chemie doch nicht stimmt, könne man sich »schnell und unkonventionell wieder trennen«.

Oft entstehe eine Wohnen-für-Hilfe-Partnerschaft auf Veranlassung der Kinder der Älteren, berichtet Andretzky. Etwa dann, wenn sich Berufstätigkeit, Privatleben und das Kümmern um die Eltern nicht mehr so einfach vereinbaren lassen. Wissen die Kinder dann ihre Eltern begleitet, führe dies zu einer Erleichterung. Wer sich entschließt, jemanden bei sich aufzunehmen, den er nicht kennt, rät Ursula Andretzky, flexibel zu sein. Und eine »gewisse Lockerheit« an den Tag zu legen, damit das miteinander verschiedener Generationen klappt.

Ilona Hörath