In der Gruppe macht das Kochen Spaß, selbst man manche Zutat vergessen hat. Foto: Diakonie

In der Gruppe macht das Kochen Spaß, selbst man manche Zutat vergessen hat. Foto: Diakonie

Kartoffeln und Kräuter stehen schon auf dem Tisch. „Ich begrüße Sie herzlich zur ersten Kochgruppe nach den Sommerferien“, sagt Ergotherapeutin Elli Batz-Gumbrecht an die neun Senioren, die rund um den Tisch in der Wohnküche des Kompetenzzentrums für Menschen mit Demenz Platz genommen haben. Zwei Frauen halten sich an der Hand und freuen sich über das Wiedersehen. „Ich koche doch jeden Tag daheim. Und in meinem Garten habe ich viel zu tun“, sagt eine Bewohnerin. Petersilie und Schnittlauch erkennen die Teilnehmer der Kochgruppe sofort. Und dann geht es los mit dem Schneiden und Schälen. Elli Batz-Gumbrecht und ihre beiden Kolleginnen, Betreuungsassistentin Claudia Okafor und Ergotherapeutin Sabine Gärtner, laufen abwechselnd um den Tisch, verteilen Schneidebretter, kleine Küchenmesser und Kartoffelschäler. Pellkartoffeln mit Kräuterquark stehen heute auf dem Speiseplan. Zufrieden summt eine Bewohnerin beim Zwiebeln schneiden vor sich hin. Als ein Herr beim Kartoffelschneiden leichte Schwierigkeiten mit den Händen bekommt, greift Betreuerin Sabine Gärtner ein. „Trinken Sie mal einen Schluck. Ja, machen Sie mal eine Pause, da haben Sie schon viel gearbeitet“, lobt sie den Bewohner.
Seit etwa zwei Jahren gibt es die Kochgruppe im Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz der Diakonie Neuendettelsau. „Die Selbstständigkeit der Bewohner soll so gut wie möglich erhalten bleiben“, erklärt Ergotherapeutin Elli Batz-Gumbrecht und ergänzt: „Es geht darum, Fähigkeiten so lange wie möglich zu erhalten, die Sinne bei den Bewohnern anzusprechen und Erinnerungen aus ihrer Biografie zu aktivieren.“ Denn klar ist: Jeder der Teilnehmer am Tisch hat schon einmal Kartoffeln geschält oder Petersilie gehackt. Auch wenn das Kurzzeitgedächtnis der meisten demenziell erkrankten Menschen nicht mehr so gut funktioniert, können sie bei der Kochgruppe auf Erinnerungen zurückgreifen. Tätigkeiten eben, wie Kartoffeln schälen oder Petersilie hacken. Und die Sinne werden angeregt, etwa beim Abschmecken des Kräuterquarks.
„Die Bewohner freuen sich immer auf die Kochgruppe“, berichtet Batz-Gumbrecht. Nur wenige Teilnehmer müssen extra motiviert werden.
Die Menschen mit Demenz bei ihren Fähigkeiten abholen – und nicht die Defizite betonen. Das ist der zentrale Kern der Arbeit des Teams im Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz im Nürnberger TillyPark, das im Jahr 2006 eröffnet wurde. Es gibt eine Kunstgruppe, eine Musikgruppe, Angebote zur Sturz-Prophylaxe, Gedächtnis-Training und Filmnachmittage. Nachmittags stehen weitere Angebote von der Gymnastik bis hin zum Beeren ernten im Garten auf dem Programm. „Immer wieder geht es da um die Tagesstruktur und die Jahreszeiten. Und um den einfühlsamen und wertschätzenden Umgang mit Menschen mit Demenz“, betont Ines Müller. Denn das ist es was an Demenz erkrankte Menschen am meisten brauchen: Struktur und liebevolle Zuwendung.
Insgesamt rund 90 Mitarbeitende kümmern sich um bis zu 95 Bewohner im vollstationären Bereich, die in kleinen, überschaubaren, familienähnlichen Wohngruppen von maximal zwölf Menschen leben. Alle Bewohner, die zwischen 60 und 96 Jahren alt sind, haben eine Demenzform, von leicht bis schwer. Die häufigste Form ist Alzheimer. „Wenn auch eine Einrichtung nicht unbedingt das vertraute Zuhause ist, schaffen wir doch hier so viel alltägliche Normalität wie möglich und können mit unseren spezialisierten Mitarbeitern immer wieder neue Lebensfreude wecken“, erklärt die Einrichtungsleiterin Ines Müller. Die Mitarbeitenden, das ist innovativ in der Pflegebranche, arbeiten in so genannten multiprofessionellen Teams. Pflegekräfte, Hauswirtschafterinnen, Ergotherapeuten, Pflegehelfer, Physiotherapeuten, Sozialpädagogen, Logopäden, Musiktherapeuten und Verwaltungsfachkräfte sind im Dienst. Fachärzte aller Disziplinen kommen ins Haus.
Und schließlich ist auch die Arbeit mit den Angehörigen sehr wichtig. „Ich erlebe hier oft Angehörigen, die sagen, dass es nicht mehr geht“, erzählt Ines Müller. Spätestens, wenn ein Mensch mit Demenz eine Gefahr für sich selbst oder andere ist, kommen die Angehörigen zu ihr ins Beratungsgespräch. Nicht selten ist da von überlaufenden Badewannen, nicht ausgeschalteten Herden oder vom Weglaufen des Betroffenen die Rede. Zum Austausch treffen sich einige Angehörige des Kompetenzzentrums auch regelmäßig zum „Kaffeeklatsch“.
Inzwischen stehen die Kartoffeln, der Kräuterquark und die geschnittenen Bananen als Dessert auf dem Tisch. Auch beim Tischdecken und dem Falten der Servietten haben die Bewohner geholfen. Nach einem kurzen Tischgebet geht das Mittagessen los. Zufrieden essen die Senioren die zuvor geschälten Kartoffeln – es ist fast wie früher.
Diakonie Neuendettelsau, Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz, Einrichtungsleiterin: Ines Müller, Wallensteinstraße 65, TillyCenter, 90431 Nürnberg, Telefon 0911 / 600098-0,
Internet: www.kompetenzzentrum-demenz.de
Welt-Alzheimertag: www.deutsche-alzheimer.de
Bildunterschrift:
1Nürnberg_Kompetenzzentrum_Kochgruppe: Fühlen, sehen, schmecken, riechen: Bei der Kochgruppe im Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz greifen die Senioren auf altes Wissen zurück und erhalten Fähigkeiten so lange wie möglich.
2Ergotherapeutin Elli Batz-Gumbrecht leitet zwei Bewohnerinnen der Kochgruppe an.
3 Fühlen, sehen, schmecken, riechen: Bei der Kochgruppe im Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz greifen die Senioren auf altes Wissen zurück und erhalten Fähigkeiten so lange wie möglich.