Hohe Belastung am Arbeitsplatz: An der Supermarktkasse ist der Stress fast normal. Foto: epd

Hohe Belastung am Arbeitsplatz: An der Supermarktkasse ist der Stress fast normal. Foto: epd

Die gute Nachricht lautet: Viele psychisch Erkrankte haben Arbeit. Die schlechte: Psychisch erkrankte Personen sind deutlich häufiger arbeitslos und berentet – in Abhängigkeit von Schweregrad, Altersgruppe und Geschlecht um Faktor 2 bis 15. Das ist eines der Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland.
Dies korrespondiert mit Ergebnissen einer aktuellen Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die zeigt, dass sich unter den Empfängern von Arbeitslosengeld II rund doppelt so häufig psychisch Kranke befinden wie bei gleichaltrigen Erwerbstätigen. „Diese Befunde legen nahe, dass vor allem bei Menschen mit schwerer psychischer Erkrankung besondere Maßnahmen zur (Re-)Integration in das Berufsleben notwendig sind. Hierbei ist zu berücksichtigen, dass fehlende Erwerbsbeschäftigung wiederum negative Folgen für die psychische Gesundheit haben kann“, stellt Professor Frank Jacobi von der Psychologischen Hochschule Berlin fest.
Die IAB-Studie legt zudem deutliche, regional unterschiedliche Defizite bei der Vermittlung von Arbeitnehmern mit psychischen Erkrankungen offen: Der individuell notwendige Unterstützungsbedarf überfordert die Vermittlungsstellen, welche fachlich hierfür nicht ausgerüstet sind; die Kooperationsmöglichkeiten zwischen Arbeitsvermittlung und dem medizinischen/psychosozialen Hilfesystem bleiben ungenutzt bzw. variieren regional stark; sozialgesetzliche Möglichkeiten für die berufliche Integration werden sehr oft nicht ergriffen. Frühzeitige Erwerbsunfähigkeit ist eine wahrscheinliche Folge.
Gerade Menschen mit einer früh beginnenden, nachhaltig beeinträchtigenden, chronischen psychischen Störung, zum Beispiel einer Schizophrenie, sind oft erwerbsunfähig und lebenslang auf soziale Unterstützung angewiesen. Menschen, die aufgrund einer psychischen Beeinträchtigung aus dem Erwerbsleben ausscheiden oder gar nicht erst in Arbeit kommen, bleibt derzeit als Beschäftigungsoption oft eine Werkstatt für behinderte Menschen. Dieser zum Arbeitsmarkt parallele Sektor fungiert für immer mehr Betroffene als Auffangbecken. Im Jahr 2013 waren bundesweit in den Einrichtungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen 59.236 Menschen mit psychischer Beeinträchtigung beschäftigt (20 Prozent aller Beschäftigen), 2006 waren es noch 42.052 (17 Prozent).
Diese Statistiken belegen, dass die Integration psychisch Kranker in den ersten Arbeitsmarkt mit den gegenwärtigen Förderinstrumenten nicht gelingt. Darüber hinaus wird auch das Ziel ihrer gesellschaftlichen Inklusion durch die Beschäftigung in einer Werkstatt für Behinderte verfehlt. Dabei hat Deutschland als einer der ersten Nationen 2007 das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN BRK) unterzeichnet. Diese verbrieft das gleiche Recht von Menschen mit Behinderungen (…) den Lebensunterhalt durch Arbeit zu verdienen. „Die Chancen, die eine regelhafte Beschäftigung für psychisch Kranke bietet, bleiben indes ungenutzt: Angesichts des demografischen Wandels muss die stärkere Integration von Menschen mit einer psychischen Behinderungen eine höhere gesellschaftliche Priorität erfahren“, fordert DGPPN-Präsident Professor Wolfgang Maier.
Ulf Fink, Senator a. D. und Vorstandsvorsitzender von Gesundheitsstadt Berlin, unterstreicht diese Forderung: „Nach der durch die große Psychiatrie-Enquête angeregten erfolgreichen Enthospitalisierung psychisch Erkrankter müssen wir uns jetzt dem großen Thema „Arbeit für psychisch Erkrankte“ zuwenden. Denn eine sinnstiftende Arbeit hat einen wesentlichen Einfluss auf die seelische Gesundheit. Sie strukturiert den Tag und gibt Betroffenen die Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und von eigener Hände Arbeit zu leben.“
Wie die Integration besonders von Menschen mit schweren psychischen Beeinträchtigungen auf dem ersten Arbeitsmarkt funktionieren kann, zeigt der internationale Vergleich. Psychisch Kranke werden dort ohne Training direkt auf dem ersten Arbeitsmarkt platziert und durch einen Jobcoach begleitet. Dieser Jobcoach wird in der Vermittlung eines angemessenen Arbeitsplatzes, der Begleitung der Betroffenen in Krisen und der Kontaktaufnahme mit dem Arbeitgeber wirksam. Diese so genannten Supported Employment Ansätze („first place then train“) haben in wissenschaftlichen Studien ihre Überlegenheit gegenüber den traditionellen arbeitsrehabilitativen Ansätzen („first train then place“) auch für den deutschsprachigen Raum gezeigt. Professor Steffi G. Riedel-Heller aus dem Vorstand der DGPPN betont: „Es besteht dringender Handlungsbedarf, die berufliche Situation psychisch kranker Menschen zu verbessern. Dabei müssen neue innovative Wege gegangen werden. Supported Employment eröffnet hier besondere Chancen, psychisch Kranke in Beschäftigung zu bringen.“