
Der Wandel wird nie wieder so schnell voranschreiten wie heute – diese Erkenntnis betrifft nicht nur das Digitale, sondern strahlt auch unmittelbar in den analogen Alltag. Inzwischen tun sich immer öfter schon 30-Jährige schwer, 15-Jährige zu verstehen. Umgekehrt können sich viele Kinder nicht vorstellen, wie es gewesen sein mag, wenn man in den 1940er-, 1950er- oder 1960er-Jahren aufgewachsen ist.
»Ich habe den Eindruck, dass sich die Lebenswelten immer schneller voneinander entfernen«, sagt Julius Leib. Der 43-Jährige ist beim Seniorenamt der Stadt Nürnberg für Kommunikation und Teilhabe-Angebote zuständig. Außerdem leitet er die Seniorenbegegnungsstätte Bleiweiß in der Nürnberger Südstadt. Der moderne, luftige Holzbau in der Hinteren Bleiweißstraße 15 ist seit Jahrzehnten der Anlaufpunkt für Senioren in der Noris – »wie ein Jugendzentrum, nur für Ältere« hat mal wer geschrieben. »Ältere« heißt über 65 Jahre: das alte Renteneintrittsalter, auf das man sich gemeinhin geeinigt hatte, bevor es hieß »60 ist das neue 40« und dass wir alle nach hinten raus viel länger arbeiten müssen.
Generationenarbeit ist gefragt
»Junge Menschen verstehen nicht, wie alte Menschen ticken, umgekehrt verstehen die Alten nicht, was die Jungen umtreibt – da gewinnt die Generationenarbeit unglaublich an Bedeutung«, sagt Julius Leib. Getrieben sei diese rasante Entwicklung nicht zuletzt von sich immer schneller verändernden digitalen Lebenswelten. Doch Menschen müssten einander verstehen, damit ein Zusammenleben halbwegs möglich sei. Deshalb brauche es intergenerative Angebote zur Verständigung der unterschiedlichen Altersgruppen – und Räume für Begegnungen. Das Öffnen eines solchen Raumes ist jedoch immer nur der erste Schritt – der Eintritt bleibt eine Hürde: Da kann man drinnen noch so toll willkommen sein, man muss es trotzdem erst einmal über die Türschwelle schaffen. Ein Ort, an dem diese Schwelle sehr niedrig ist, ist das hauseigene Café Bleiweiß, das Montag bis Freitag geöffnet hat und neben Kaffee und Kuchen auch einen leckeren Mittagstisch – regional, saisonal und bio – anbietet, der gerne angenommen wird. Mit dem Effekt, dass hier plötzlich Menschen von 20 bis 35 am selben Ort abhängen wie Menschen mit 70 oder 85.
Nach langer Durststrecke ohne Bewirtung leitet seit Sommer 2024 die Künstlerin und Aktivistin Simona Leyzerovich das Café – und sie hat eine Mission. »Es war mein Wunsch, mein Traum oder vielleicht sogar eine Vision, dieses Haus noch offener und zugänglicher zu machen«, erzählt sie. »Gastro dreht sich für mich vor allem darum, dass Menschen sich begegnen, austauschen und gemeinsam Dinge angehen. Der soziale Aspekt ist mir wichtiger als irgendwelche super-exklusiven Kaffeesorten, wobei unser Kaffee aus der Kaffeewerkstatt Kucha schon auch richtig lecker ist.«
Langsam mischt sich das Publikum
Und das klappt regelmäßig. Etwa beim Stammtisch »Bunte Runde der VielfALT«, der seit 2023 im Haus ist, alle zwei Wochen stattfindet und queere und nicht queere Menschen unterschiedlicher Altersgruppen zusammenbringt. Oder bei dem inzwischen abgeschlossenen Kunstprojekt »Erfahrung trifft Farbe«, das zusammen mit Studenten der Technischen Hochschule Georg Simon Ohm umgesetzt wurde, die zum Schwerpunkt »Altern in der modernen Gesellschaft« forschten. »Langsam mischt sich das Publikum bei uns«, zeigt sich Café-Chefin Simona Leyzerovich zufrieden. »Das heißt aber noch nicht, dass die Menschen immer auch gleich in den Dialog kommen …« Also setzt das Bleiweiß auf Kulturformate: Lesungen, Konzerte, Ausstellungen – aber so konzipiert, dass das Angebot alle interessiert. »Die Ansage, Junge Menschen sind auch willkommen, funktioniert da nicht«, ist sich Simona Leyzerovich sicher. Entscheidend sei der Inhalt: »Man muss schon gezielt Formate suchen, die alle Generationen gleichwertig interessieren – sonst gibt es hinterher zwangsläufig Enttäuschung, von wegen ›wir haben es versucht, aber das war voll langweilig.«
»Kooperationen sind eine ganz große Sache«
Ein Thema zu finden, das unterschiedliche Generationen gleichermaßen interessiert, ist das eine. Der nächste Punkt ist die Werbung: Wie erreicht man die unterschiedlichen Zielgruppen? Jede Generation pflegt ihre eigenen Kommunikationskanäle, die sich im Internet auch noch ständig verändern. Auf Facebook sind nur noch die Alten, wohingegen sich die Jungen – tja, wo eigentlich tummeln? Simona Leyzerovich sieht es als Herausforderung. »Wir haben zum Glück unsere Stammgäste. Ansonsten gilt auch hier wie überall in der Kunst: Kooperationen sind eine ganz große Sache. Im Idealfall schafft man es, Menschen zu begeistern, die dann ihre eigene Bubble und Community mitbringen.«
Exakt so ein Beispiel, bei dem Generationen ungekünstelt aufeinander treffen und gemeinsam etwas auf die Beine stellen, findet sich eine Tür weiter im JugendKinderKulturhaus Quibble. Dort probt seit Herbst 2018 die Improtheater-Gruppe »Jung trifft alt«. Der Name ist Programm: Die Jüngste im Team ist 15, der Älteste 70. Doch von dieser enormen Altersspanne ist wenig zu spüren, wenn die Spielerinnen und Spieler loslegen. Die Gruppe ist groß, die Stimmung bestens. Auf ein Stichwort hin werden spontan und ungeprobt Szenen auf eine Bühne geworfen. Die große ewige Regel beim Impro-Theater: Wenn wer etwas anbietet – nicht ins Leere laufen lassen, sondern unbedingt reagieren. Verwirrung entsteht da nur kurz, wenn etwa das Stichwort »Vaiana« fällt und Gustav (69) die Stirn runzelt. »Ein Disneyfilm, der in Polynesien spielt«, rufen ihm die jungen Mitstreiter zu – alles klar! Wenig später passiert das Gleiche nur umgekehrt, und diesmal ist es an Gustav, zu erklären.
Jung und alt sind gleichberechtigt
»Das läuft so unkompliziert bei uns«, freut sich Cordelia Schuster, Theaterpädagogin, Mitarbeiterin im Quibble und Trainerin bei »Jung trifft alt«. »Indem wir alle gleichberechtigt sind und einfach nur spielen wollen, ist der Austausch tatsächlich so einfach – das ist zumindest mein Eindruck und das, was ich beobachte.« Die Improtheater-Gruppe wurde bewusst als Mehrgenerationen-Theater ins Leben gerufen, nachdem die 59-Jährige im Rahmen eines Theaterworkshops erlebt hatte, wie dort drei Generationen sowohl auf als auch abseits der Bühne zusammenfanden. Ein Wochenende lang wurde viel gespielt und viel diskutiert, hinterher hieß es »Ihr Jungen/Ihr Alten habt euch endlich mal für uns interessiert!« Cordelia Schuster: »Das fand ich so toll, dass ich gesagt habe, ich will auch so eine Gruppe haben!«
Die Trainerin, die selbst seit vielen Jahren mit den Nürnberger Impro-Lokalmatadoren »6 auf Kraut« auf der Bühne steht, weiß bundesweit von weiteren intergenerativen Gruppen, doch ein so großes Altersspektrum wie im Quibble, das sei schon ungewöhnlich. »Inzwischen gibt es ja ganz viele verschiedene Mehrgenerationenprojekte, aber lange war das doch eher ungewöhnlich, wenn so ein Austausch außerhalb der eigenen Familie stattfand.«
Ganz so dramatisch sei das Thema mit dem Generationenkonflikt freilich nicht, schiebt auch Julius Leib am Ende unseres Gesprächs noch lächelnd nach. Und sieht es wie seine Kollegin Cordelia Schuster: Allein in den Familien würden ja regelmäßig unterschiedliche Generationen an einem Tisch sitzen und müssten sich im schlechtesten Fall gegenseitig aushalten. »Insoweit ist es dann doch gar nicht so einfach, zu werten, ob es zu wenig Kommunikation zwischen den Generationen gibt. Möglicherweise sind die Leerstellen in der Seniorenarbeit am Ende gar nicht so groß. Diesen Aspekt vergisst man oft, wenn man über Generationenkonflikt klagt: Es gibt schon auch genügend Kontexte, wo unterschiedliche Altersgruppen zusammengezwungen werden …«
Bleiweiß-Cafébetreiberin Simona Leyzerovich hingegen fehlen diese familiären Erfahrungen, sie ist ohne Großeltern aufgewachsen. »Vor dem Café hatte ich kaum Kontakt mit älteren Menschen – und durchaus Ängste und Sorgen, ob wir gut miteinander auskommen«, gesteht die 34-Jährige. »Aber ich muss sagen, das gestaltet sich alles viel leichter und viel intuitiver, als ich dachte. Ja, ich hatte mir die Generationenarbeit komplexer vorgestellt.«
Text: Stefan Gnad
Foto: Claus Felix Information
Information: Treff Bleiweiß, Hintere Bleiweißstraße 15, 90461 Nürnberg. Mo–Do 9–16:30 Uhr, Fr 9–15:30 Uhr, Sa + So geschlossen.




