Professor Markus Kleemann erläutert bei unserer Online-Veranstaltung am Dienstag, 10. März, 17 Uhr, wie man die »Schaufensterkrankheit« diagnostiziert.
Männlich, um die 70 Jahre alt, langjähriger Raucher und auch nach Diagnosen wie Bluthochdruck oder Diabetes nicht sonderlich besorgt um die Gesundheit: So sieht das »Profil« eines typischen Gefäßpatienten aus, weiß Prof. Markus Kleemann, Chefarzt der Viszeral- und Gefäßchirurgie an den Dr. Erler Kliniken in Nürnberg aus Erfahrung. Mit zunehmendem Alter wird der Querschnitt von Blutgefäßen ohnehin schon von Natur aus enger. Durch Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Diabetes und vor allem Rauchen kann eine Arteriosklerose – Laien sprechen oft von Gefäßverkalkung – entstehen, die die Schlagadern noch schneller altern lässt. Vereinfacht gesagt bilden sich dabei Ablagerungen in den Arterien, also den Blutgefäßen, die das Blut vom Herz zu Organen und Gewebe leiten. Diese Ablagerungen verengen die Blutgefäße, das Blut kann nicht mehr so gut durchfließen, Gewebe und Organe erhalten nicht mehr genug Sauerstoff und Nährstoffe.
Rauchen und Diabetes gehören zu den Risikofaktoren der »Schaufensterkrankheit«
Wer die beeinflussbaren Risikofaktoren einer Arteriosklerose achselzuckend hinnimmt – sprich sich nicht groß um Bluthochdruck oder Diabetes kümmert und vor allem nicht mit dem Rauchen aufhört –, der muss mit gravierenden Folgen rechnen: Kommt es zu einem Verschluss an den Herzkranzgefäßen, dann erleidet der Patient einen Herzinfarkt. Ist die Halsschlagader betroffen, droht ein Schlaganfall. Aber es gibt noch eine weitere ernstzunehmende Erkrankung, die durch Arteriosklerose entsteht: die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), auch »Schaufensterkrankheit« oder – wegen des Hauptrisikofaktors – »Raucherbein« genannt. »Dabei kommt es zu einer Verengung oder einem Verschluss einer Schlagader, die das Bein versorgt«, erklärt Prof. Markus Kleemann. Die PAVK hat sich zu einem Volksleiden entwickelt, wird aber immer noch häufig unterschätzt oder ignoriert.
Krämpfe in den Waden
Die Erkrankung beginnt schleichend, zu Beginn von Stadium eins haben die Patienten keinerlei Beschwerden. Mit der Zeit bemerken sie dann, dass sie längere Wegstrecken ohne krampfartige Schmerzen in den Füßen, Waden, Oberschenkeln oder auch im Gesäß nicht mehr bewältigen können, sie müssen immer wieder stehen bleiben. Der Grund: Der betroffene Muskel bekommt durch die Verengung einer Schlagader nicht mehr genug Sauerstoff und verkrampft. Bleibt der Betroffene stehen, nimmt die Sauerstoffversorgung des Muskels wieder zu, der Schmerz verschwindet. Gerne kaschieren Patienten diese Zwangspausen, indem sie bei dem Stopp vermeintlich die Auslagen eines Geschäfts bewundern – daher der Name »Schaufensterkrankheit«. »Über Jahre hinweg werden die schmerzfrei möglichen Wegstrecken immer kürzer, die Betroffenen schaffen mit der Zeit nur noch 200 Meter oder sogar noch weniger. Das schränkt die Lebensqualität so stark ein, dass viele doch zum Arzt gehen«, erläutert der Gefäßchirurg.
Wer dieses zweite Stadium ignoriert oder die Schmerzen etwa durch seine Diabeteserkrankung kaum spürt, dem drohen gravierende Konsequenzen. Wenn sich zum Beispiel plötzlich anhaltende Schmerzen in einem Bein einstellen (es ist fast immer nur eine Seite betroffen), könnte ein akuter Gefäßverschluss vorliegen, der sofort behandelt werden muss. »Während die Patienten selbst oder auch deren Angehörige Symptome eines Herzinfarkts oder Schlaganfalls kennen und schnell reagieren, ist das bei der ›Schaufensterkrankheit‹ leider nicht so«, meint Kleemann. Dabei spielt auch hier die Zeit eine entscheidende Rolle: Wenn bei einem Gefäßverschluss nicht innerhalb von sechs Stunden operiert wird, ist eine Amputation unausweichlich.
Qual im Bett
Selbst wenn es nicht zu einem solchen Notfall kommt, im weiteren Verlauf der »Schaufensterkrankheit« können Schmerzen schon in Ruhe auftreten, zum Beispiel nachts im Bett. Oder es bilden sich an den Füßen und Zehen schlecht heilende Wunden oder Geschwüre. Kleemann: »Diese Symptome sind jedoch noch nicht so recht in den Köpfen von Patienten oder auch Ärzten verankert. In letzter Konsequenz bedeutet das jedoch, dass Diagnostik und Therapie verzögert werden und das Bein langsam abstirbt.« Wie wird die Diagnose gestellt? Der Arzt oder die Ärztin sieht sich die Beine des Patienten an, fühlt den Puls an der Leiste, den Knien und am Sprunggelenk. Eine Blutdruckmessung am Knöchel und eine Ultraschalluntersuchung geben zusätzlich Aufschluss. Bei Bedarf liefern eine CT-Angiografie oder eine Kernspintomografie eine eindeutige Diagnose. Die Kunst eines Gefäßchirurgen, so der Chefarzt, besteht nun darin, für jeden Patienten individuell die Therapie herauszufinden, von der er am meisten profitiert.
Es bieten sich zunächst konservative Behandlungsmöglichkeiten an wie Medikamente, spezielles Gehtraining oder Physiotherapie. Es kann aber auch ein minimalinvasiver Katheter-Eingriff notwendig werden, bei dem die Engstelle wie bei einem Herzkatheter mit einem Ballon aufgedehnt und eventuell noch mit einem Stent offengehalten wird. Oder die Gefäßchirurgen legen unter Vollnarkose bei einer Bypass-Operation eine »Umleitung« um die Engstelle. Die »Schaufensterkrankheit« ist nicht heilbar. »Ziel jeder Behandlung ist es, eine Amputation zu vermeiden und dem Patienten wieder zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. Denn es macht einen großen Unterschied, ob jemand nur 50 Meter oder noch 500 Meter gehen kann«, gibt Kleemann zu bedenken. Solche Strecken entscheiden zum Beispiel auch darüber, ob sich jemand noch selbst alleine zu Hause versorgen kann oder nicht. Text: Karin Winkler Foto: Dr. Erler Kliniken
Online-Veranstaltung zur Schaufensterkrankheit: Was tun, wenn die Beine schmerzen?
Der digitale Gesundheits-Talk des Magazins sechs+sechzig am Dienstag, 10. März, 17 Uhr, informiert über die periphere arterielle Verschlusskrankheit (PAVK), besser bekannt als »Schaufensterkrankheit«. Benannt wurde das Leiden, das immer mehr Menschen betrifft, nach dem Verhalten der Kranken. Sie bleiben immer wieder stehen, häufig vor Schaufenstern, bis der Schmerz nachlässt. Prof. Markus Kleemann, Chefarzt der Klinik für Viszeral- und Gefäßchirurgie an den Dr. Erler Kliniken in Nürnberg, wird in seinem Impulsvortrag auf Ursachen und Therapiemöglichkeiten eingehen. Im moderierten Chat beantwortet der Mediziner Fragen. Anmeldung zum Gesundheits-Talk des Magazins sechs+sechzig in Kooperation mit den Dr. Erler Kliniken bis zum 8. März an info@magazin66.de oder unter service.magazin66.de/gesundheits-talk. Der Zoom-Link wird rechtzeitig zugesandt.





