Die Persönlichkeiten nehmen an Bedeutung zu. Auf Wahlplakaten stehen sie – und nicht die Inhalte – im Mittelpunkt. Foto: Michael Matejka

Die Persönlichkeiten nehmen an Bedeutung zu. Auf Wahlplakaten stehen sie – und nicht die Inhalte – im Mittelpunkt. Foto: Michael Matejka

Momentan mischen sie die Parteien und in manchen Ländern gar die Parlamente auf: junge Politstars wie Emmanuel Macron in Frankreich oder Sebastian Kurz in Österreich. Aber auch hierzulande machen immer wieder junge Strahlemänner von sich reden. Der damalige Jungstar Karl-Theodor zu Guttenberg etwa, der freilich nach einem kometenhaften Aufstieg rasch verglüht ist, oder der junge FDP-Chef Christian Lindner. Doch wie geht das zusammen mit einer älteren Gesellschaft, wenn die Jungen am Ende die Politik machen, die das Leben der vorwiegend reiferen Wähler bestimmt?

Konrad Adenauer war 73 Jahre alt, als ihn der Bundestag an die Spitze der Regierung wählte. 14 Jahre lang, bis zu seinem Rücktritt, war er Bundeskanzler der noch jungen Republik. Bis in ein derart hohes Alter politische Verantwortung zu tragen, ist nicht unumstritten. In Bayern etwa dürfen hauptamtliche Bürgermeister und Landräte bei der Wahl nicht älter als 65 sein. Doch wer sagt, dass man ab einem gewissen Alter nicht mehr regieren solle oder könne? Sollten die Politiker nicht vielmehr den demografischen Wandel abbilden, der sich im Land vollzogen hat?

Tatsächlich werden Politiker keineswegs immer jünger, wenn man ihr Alter statistisch auswertet. »Das ist eine Fehlwahrnehmung«, sagt Dr. Thorsten Winkelmann, Politikwissenschaftler an der Universität Erlangen-Nürnberg. »Solche jungen Politsternchen sind hervorstechende Ausnahmen. Und wir wissen, hinter jedem von ihnen steht ein altgedienter Politiker – wie Wolfgang Kubicki hinter Christian Lindner.« Winkelmann fügt hinzu: »Die Jüngeren fallen nur stärker auf und verleiten vielleicht zu der Annahme, dass der Politikbetrieb jünger wird.«

Selbst wenn die Köpfe an den Parteispitzen und in Spitzenämtern jünger würden, meint der Politikwissenschaftler, gebe es keinen nachweisbaren oder erkennbaren unmittelbaren Zusammenhang zwischen dem Alter der Kandidaten und ihrer jeweils verfassten Inhalte. Das bedeutet: Ein jüngerer Politiker schreibt sich nicht zwingend Politik für Jüngere auf die Fahnen. »Die entscheidende Rolle spielt die Mobilisierung. Die Inhalte spielen in diesem Fall eine geringere Rolle«, fasst Winkelmann zusammen. Es gehe dabei im Grunde genommen um Unverbrauchtheit, um Anti-Establishment, um Populismus. Es gehe um eine Strategie und Mobilisierung auf emotionaler Ebene. »Dann gewinnt man auch Wahlen«, so Winkelmann. Denn Nichtwähler oder Unentschlossene würden eher von populistischen Kräften an die Urne gebracht.

Programme werden immer unwichtiger

Manchmal starten Politiker auch erst in höherem Alter so richtig durch und mobilisieren die Wählerschaft. Jeremy Corbyn, 68-jähriger Labour-Chef in Großbritannien, der erst 2015 den Parteivorsitz übernommen hat, oder Bernie Sanders, der im Alter von 73 Jahren gegen Hillary Clinton als Präsidentschaftskandidat der US-Demokraten antrat. »Sie gelten als Quereinsteiger, Querdenker und Außenseiter, als Anti-Establishment – und das, obwohl sie möglicherweise jahrzehntelang zu eben diesem gehört haben.«

Die Programme und Inhalte der Politiker würden immer unwichtiger, vielmehr – und das hat Winkelmann an seinen politisch interessierten Studenten getestet – geht es um das Auftreten oder die Akte öffentlichen Handelns. Alles dreht sich um das lautstarke Poltern, das Polarisieren, das arrangierte Auftreten und manchmal sogar nur um pure Effekthascherei. Winkelmann nennt das die Trennung zwischen »Issue- und Kandidaten-Orientierung bei den Wählern«, die alten Milieus lösten sich auf. »Gerade junge Leute, aber auch häufiger die Älteren, verspüren heute eine gewisse Abneigung gegenüber dem allgemeinen Politikbetrieb, sie zeigen sogar Apathien«, sagt der Erlanger Wissenschaftler.

Doch wie nehmen die Politiker sich selbst und ihren Berufsstand wahr? Katja Hessel (45), Nürnberger FDP-Politikerin, kandidiert für den Bundestag: »Natürlich nimmt man die strahlenden jungen Politikstars wie Kurz oder Macron anders war. Man findet und hofft, dass sie die Politik anders aufrollen. Aber zur Erinnerung: Auch Helmut Kohl war erst 39 Jahre alt, als er 1969 Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz wurde. Mit ihm ist die Gesellschaft alt geworden.« Tatsächlich lasse sich ein junger, dynamischer, vitaler Kandidat besser vermarkten, auch digital. Auf der anderen Seite: »Ich glaube, gerade die Politik-Senioren setzen sich vertiefter mit Themen auseinander, haben andere Erfahrungswerte und sind losgelöster von den Sympathien anderer. Sie haben ja die Zeit, die Karriereleiter zu erklimmen, hinter sich«, sagt Hessel. »Die Älteren sind oft freier in ihren Entscheidungen.«

Auf einer Podiumsdiskussion habe sie einen schönen Impuls bekommen, erzählt Hessel: »Eine Teilnehmerin meinte, dass die Älteren keineswegs nur ältere Kandidaten wählten, nur weil sie meinen, dass diese eher ihre Interessen vertreten. Sie sagte, dass viele an ihre Nachkommen denken und mit Blick auf die folgenden Generationen wählen. Sie seien da nicht egoistisch.«

Ausgewogenheit zählt
Ähnlich sieht das auch Harald Weinberg, Bundestagsabgeordneter der Linken: »Es gilt der Grundsatz: Die Probleme von heute sind auch die Probleme von morgen. Dies bedeutet für sie: Nur wenn heute gehandelt wird, kann die massenhafte Bedrohung ihrer eigenen Generationen abgewendet werden.« Die Parteien müssten von denen lernen, die aufgrund ihres Alters viel erlebt haben. Gleichzeitig müssen sie den frischen politischen Wind mitnehmen, den junge Kandidaten einbringen. Dazu gehören Weinberg zufolge auch deren Kompetenzen im Bereich der neuen Medien, »denn was bringen gute politische Ideale und zielführende Lösungen, wenn man sie nicht an alle Bürger herantragen kann«? Für den Linken-Politiker zählt vor allem die Ausgewogenheit im Politikbetrieb: »Dazu gehört auch der Ausgleich zwischen Interessenslagen bezogen auf das Alter. Dabei ist offensives, energisches Auftreten der Jungen ebenso bedeutsam wie die Erfahrung und Abgeklärtheit der Älteren.«

Markus Ganserer, Landtagsabgeordneter der Grünen sowie Vorstand im Bezirk Mittelfranken, bewundert jene, die »diesen Knochenjob« der Politikgestaltung bis ins hohe Alter machen. Und auch er ist der Meinung, dass man die Generationen nicht gegeneinander ausspielen darf. So könne eine junge Politikerin durchaus eine hohe Kompetenz in der Innenpolitik mitbringen und ein Älterer sich für den Umweltschutz stark machen. Gerade diese Mischung im Politikbetrieb sei nötig und bereichernd: »Auch Ältere fragen sich: Welche Welt hinterlassen wir den Enkeln und Urenkeln? Werden sie in Zeiten des Klimawandels mit ihren Kindern im Winter noch schlittenfahren können und im Sommer bei einer Wanderung durch die Fränkische Schweiz seltene Orchideen blühen sehen? Bei solchen Fragen ist die inhaltliche Antwort der politischen Vertreter entscheidend und nicht deren Geburtsjahr«, findet er.

»Jugend ist nicht immer ein Garant für Innovation«, weiß Michael Frieser.

»Jugend ist nicht immer ein Garant für Innovation«, weiß Michael Frieser.

»Jugend ist nicht immer ein Garant für Innovation«, findet Michael Frieser, CSU-Bundestagsabgeordneter. Als Demografie-Beauftragter seiner Fraktion ist er mit den Fragen einer älter werdenden Gesellschaft bestens vertraut. »Das wissen die mit einer gewissen Lebenserfahrung. Die Politbühne ist ja auch keine Bachelor-Veranstaltung. Außerdem muss man nicht immer alle technischen Neuerungen und Trends zwanghaft mit einem politischen Sinn verbrämen«, findet Frieser. Junge Politstars liefen daher Gefahr, viele Themen »manchmal dogmatisch und leider nicht immer mit Sinn zu besetzen«.

Der Eindruck, dass Volksvertreter im Bundestag immer jünger werden, täuscht. Derzeit sind sie im Durchschnitt 49,6 Jahre alt, 1990 waren sie noch jünger, nämlich 48,7 Jahre. »Wir werden statistisch älter, wirken aber vielleicht jünger und dynamischer – das ist doch eine erfreuliche Entwicklung!«, freut sich Frieser.
Carsten Träger, Bundestagsabgeordneter und Bezirksvorsitzender der SPD, glaubt, »dass das politische Geschick der Betreffenden den Ausschlag gibt. Jugendlichkeit allein ist kein Erfolgsfaktor, aber sicherlich auch nicht schädlich. Denn Jugendlichkeit wird heute durchaus mit gefragten Attributen wie Dynamik, Durchsetzungsstärke und Erfolg verbunden«.

Der Aufstieg der jüngeren Politstars liegt seines Erachtens daran, dass sich die Erwartungshaltung der Gesellschaft verändert hat. »Kompetenz und Handlungsstärke sind nicht mehr zwangsläufig an die vermeintliche Weisheit des Lebenserfahrenen gebunden. Aufsteiger in Unternehmen und Medien beweisen, dass auch junge Menschen klug, verantwortungsbewusst und erfolgreich entscheiden und handeln können«, sagt Träger.

Text: Andrea Munkert; Fotos: Michael Matejka