Anzeige

Dirigent
Nicht nur in jungen Jahren, sondern bis ins hohe Alter hat Dirigent Claudio Abbado den Taktstock hochgehalten. Foto: Epd

Noch im hohen Alter schwingen sie den Taktstock, obwohl sie kaum zum Pult kommen. Und meist müssen sie dorthin sogar getragen werden. Denn Dirigenten berühmter Orchester kennen kein Aufhören, auch im Rentenalter nicht. Beste Beispiele aus der Abteilung des internationalen Dirigenten-Jet-Sets sind Herbert von Karajan (1908-1998), Sergiu Celibidache (1912-1996) oder Claudio Abbado (1933-2014). Sie waren öffentlich Leidende – um der Musik und deren Geheimnis willen.
Sie werden umjubelt wie Stars und scheinen nie in Rente zu gehen: die Dirigenten berühmter Orchester. Viele von ihnen arbeiten noch in einem Alter, in dem andere Musiker ihr Instrument längst aus der Hand gelegt haben. Sie dirigieren sogar aus dem Rollstuhl heraus wie der 87-jährige an Parkinson erkrankte Kurt Masur. Der frühere Leiter des Gewandhausorchesters Leipzig sagt von sich, er schöpfe Kraft aus der Musik. Oder Mariss Jansons (68), Chef beim Symphonie-Orchester des Bayerischen Rundfunks, der wegen schwerer Herzrhythmusstörungen immer wieder für Monate ausfällt. Wenn er zurückkehrt, jubelt alle Welt.
Woran liegt es, dass die »Alten« trotz Krankheiten und Marotten so gefeiert werden? Lucius A. Hemmer, Intendant der Nürnberger Symphoniker, meint: »Sie haben hier jemanden, der das Publikum mit extremer Erfahrung durch das Stück trägt. Der dafür schwitzt und kämpft, dass der Abend ein unmittelbarer, einmaliger Kunstgenuss wird. Die Zuhörer spüren es, sie können es nicht in Worte fassen. Es knistert einfach, es findet ein emotionaler Austausch statt.«
Gibt es ein perfektes Alter für einen Orchesterleiter? Der kürzlich verstorbene Lorin Maazel (84) wurde als einer der »letzten Klassiker« bezeichnet, er dirigierte bis kurz vor seinem Tod. Sir Neville Marriner, Gründer und Leiter der Academy of Saint Martin in the Fields aus London, hält sich für »ideal besetzt« – als 90-Jähriger. Doch bei der Frage, was er Musikern rate, wenn sie älter werden, kennt er kein Pardon: »Ich sage ihnen, vielleicht solltest du dir nächstes Jahr etwas anderes suchen. Denn wir können nicht für immer mit dir spielen.«
Das klingt nicht nach rosigen Zeiten in der Rente. Während in England Orchestermusiker selten fest angestellt sind – die meisten bekommen ein Honorar je Probe oder Konzert, es gibt keinen Kündigungsschutz – kann jeder Musiker in einem deutschen Berufsorchester mit 65 Jahren in den verdienten Ruhestand gehen. Bezahlt wird nach Tarif, der an den des öffentlichen Dienstes angelehnt ist.
Bei Dirigenten sieht das ein wenig anders aus. Lebenslange Verträge, wie sie Herbert von Karajan noch mit den Wiener Symphonikern oder Wilhelm Furtwängler mit den Berliner Philharmonikern hatten, sind längst vorbei. Chefdirigenten haben in der Regel einen Fünf-Jahres-Vertrag. Beispielsweise steht Dirigent Alexander Shelley bei den Nürnberger Symphonikern bis mindestens 2017 unter Vertrag. Auch Agenturen vermitteln Orchesterchefs, die Betreffenden arbeiten als freie Selbständige so lange, wie sie wollen.
Warum werden Dirigenten und Generäle so alt? Die ironisch-gewürzte Antwort von Leopold Stokowski, englisch-amerikanischer Dirigent und Arrangeur: »Vielleicht liegt es am Vergnügen, anderen seinen Willen aufzuzwingen.« Klar, die Musiker hocken jahrzehntelang in tristen Gräben, ertragen Lärm und neurotische Pultnachbarn – und leiden unter Dirigenten. Dass sie ihre Chefs lieben, kommt selten vor. Eher passiert es, dass ganze Orchester dem Meister des Taktstocks deutlich empfehlen, das Haus zu wechseln. Weil er von den streikenden Musikern seines eigenen Orchesters in die Knie gezwungen wurde, musste Riccardo Muti (73) als Musikdirektor der Mailänder Scala im April 2005 das Feld räumen. Muti hatte versucht, einen ihm genehmen »Subintendanten« durchzusetzen, doch das musikalische Personal sprach sich mit 700 zu 5 Stimmen dagegen aus. Auch in kleineren Orchestern kann es zu solchen Spannungen kommen.
Lucius A. Hemmer von den Nürnberger Symphonikern dazu: »Natürlich kommen die Musiker zu mir, wenn sie einem Dirigenten nicht mehr folgen können oder wollen. Wenn die Voraussetzungen für eine Zusammenarbeit nicht mehr stimmen, wenn man merkt, dass die Konzerte eines Gastdirigenten nicht erfolgreich verlaufen. Oder wenn man das Gefühl hat, der Dirigent wird vom Publikum nicht mehr toleriert. Von manchen Zuhörern bekomme ich dann Briefe. Aber das ist gut so!«
Starke Partnerschaft
Nach Ansicht von Fachleuten hat sich die Rolle der Pultstars verändert, weil die Orchester in den letzten Jahrzehnten stärker geworden sind. Früher war der Dirigent eine Art Diktator, er war unangreifbar. Das sei heute nicht mehr der Fall, erklärt Kurt Masur. Heute gehe es darum, die Partnerschaft zwischen Chef und Orchester so stark zu machen, dass die Musiker intuitiv dem Dirigenten in dem folgen, was dieser gerne möchte. Lucius A. Hemmer verweist darauf, dass einerseits die Chefdirigenten etlicher internationaler Orchester immer jünger werden.
Der Franzose Lionel Bringuier, 1986 in Nizza geboren, wurde mit 28 Jahren Leiter des Tonhalle-Orchesters Zürich, Gustavo Adolfo Dudamel Ramirez (33) aus Venezuela ist seit 2009 Chefdirigent des Los Angeles Orchestra. Andererseits werde es eine Vielzahl älterer bewährter Kollegen weiterhin geben, so Hemmer. Diese Entwicklung passe auch ins gesellschaftliche Bild, »denn die Menschen werden in Zukunft auch länger arbeiten«.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Skip to content