Karl May Freunde Franken, von links nach rechts: Klaus Düdder, Gabi Steinel und Helmut Moritz.

Durch die Wüste« ist er geritten und »Durch das Land der Skipetaren«. »In den Schluchten des Balkan« hielt er sich auf, »Im Reiche des Silbernen Löwen« und sogar »Am Jenseits«. Was aber ist mit Franken? Hat es Karl May je in den Norden Bayerns verschlagen? Hat er von Abenteuern hier zu Lande erzählt?
Bei Karl May geht es – seine Leser wissen das – immer auch ums Spurenlesen. Man muss aber schon ganz genau hinschauen, um seine dünne Fährte ins Frankenland zu finden. Aber es gelingt. In dem oben bereits als Titel zitierten Band »In den Schluchten des Balkan« kehrt Kara ben Nemsi bei einem Wirt ein, der ihm selbst gebrautes Bier serviert. Die Brautechnik habe er gelernt »von einem Fremden, welcher aus dem Bierland gebürtig war«. Wie dieses Land denn heiße, wird der Wirt gefragt, und er antwortet: »Es heißt Elanka.« Der findige Kara erkennt sofort, dass damit nur Erlangen gemeint sein kann, »eine Stadt in Bawaria«. Wegen dieser winzigen Stelle hat die Erlanger Kitzmann-Brauerei den sächsischen Schriftsteller auf einem Bierfilz verewigt.
Auch in dem Band »Weihnacht« kann der Leser Franken in einem einzigen Satz entdecken. Da wird eine Winterreise angetreten, von der es heißt: »Es muß gesagt werden, daß unser Rendezvous das Städtchen Rehau in Oberfranken war.« In dem marginalen Frühwerk »Der beiden Quitzows letzte Fahrten« spielt der Burggraf von Nürnberg eine Rolle. Das war’s dann auch schon, was die fränkische Präsenz in den Romanen betrifft. Und dennoch ist Franken für die Verbreitung von Karl Mays Büchern gänzlich unverzichtbar. Schließlich residiert der Karl-May-Verlag seit 1960 in Bamberg (einen Vorläufer gab es dort bereits seit 1950). Fast alle Nachkriegs-Leser sind von den Ufern der Regnitz aus mit May-Lektüre beliefert worden.
100 Millionen Bücher verkauft
Warum reden wir über Karl May? Wird über Karl May nicht immer weniger geredet? Zwar ist er mit über 100 Millionen international verkauften Büchern uneingeschränkt der meistgelesene Schriftsteller deutscher Sprache. Zwar kannten nach einer Allensbach-Umfrage vor sechs Jahren 94 Prozent aller Deutschen seinen Namen und 89 Prozent der Kinder und Jugendlichen den Namen Winnetou. Doch verschwinden seine Werke nicht rasch aus den Buchhandlungen? Und schwindet er selbst nicht ebenso rasch aus dem Bewusstsein gerade der »werberelevanten Zielgruppe« zwischen 14 und 49 Jahren?
Es sieht so aus. Und doch wird Karl May demnächst eine hohe Medienpräsenz haben. Er wird in vieler Munde sein. Und man wird ihn neu kennen lernen, vielleicht gar nochmals neugierig werden auf ihn. Denn 2012 ist ein Karl-May-Jahr. Es ist 100 Jahre her, dass May gestorben ist, am 30. März 1912, wenige Tage nach einer triumphalen Friedensrede in Wien. Und nach einem Leben in der Achterbahn.
Aus dem Milieu des erzgebirgischen Weberelends hatte er sich zum Lehramtskandidaten emporgearbeitet. Als Hochstapler und Betrüger ist er in seiner Jugend kriminell geworden und ins Gefängnis gewandert. Es folgte der Aufstieg zum Redakteur und Erfolgsschriftsteller, der im Alter von juristischen Neidern und journalistischen Enthüllern beinahe gebrochen worden wäre. Siegreich starb er und sah in seinen letzten Worten angeblich alles »rosenrot«.
Ein Flunkerer ist May beinahe sein Leben lang geblieben. Denn er hat die literarischen Abenteuer seiner Ich-Helden Old Shatterhand und Kara ben Nemsi lange Zeit als Tatsachen verkauft. Er hat unter Erfolgsdruck zu viel und daher auch manchmal schlecht geschrieben. Und trotzdem hat er Millionen von Lesern zum Träumen gebracht und bestens unterhalten. Das ist sein Verdienst, egal ob sein Spätwerk (»Ardistan und Dschinnistan«, »Winnetou IV«, »Und Friede auf Erden«) nun hohe Literatur ist oder nicht. Unterhaltungsliteratur ist Moden unterworfen. Vielleicht schwindet die Mode May tatsächlich gerade. Dafür sieht ihn der Kenner Helmut Schmiedt in seiner neuen Biografie »Karl May oder Die Macht der Phantasie« auf dem Weg zum Klassiker.
Wir aber, die wir mit ihm unter der Bettdecke mit Hadschi Halef Omar über den Islam gestritten, mit Winnetou das Blut getauscht und um Nscho-tschi genauso geweint haben wie um den Rappen Rih, werden vielleicht durch die Jubiläumsaktivitäten nochmals in die Kindertage versetzt. Und einige von uns dürfen dann mit offener Brust wieder für Pierre Brice und Lex Barker schwärmen, während andere über diese filmischen Verkörperer der May-Figuren genauso ungeschützt die Nase rümpfen können.
Es ist ja schon losgegangen in Franken. Seit November und noch bis zum 22. Januar sind im Knauf-Museum Iphofen unter dem Titel »Karl Mays Traumwelten« Originale der zahllosen Illustrationen und Titelgrafiken zu Mays Büchern ausgestellt. Das Spektrum reicht vom handwerklich perfekten Realismus bis zur farbsatten Ironie. Für die May-Gemeinde werden auch einige Ikonen aus dem May-Museum in Radebeul gezeigt, darunter Bärentöter und Silberbüchse, die Phantasie-Gewehre, mit denen sich der Autor in seiner eigenen Traumwelt einst fotografieren ließ.
Die Bilder zur Ausstellung hat der Karl-May-Verlag geliefert. Er hat die Illustrationen unter dem gleichen Titel gerade in drei Prachtbänden für seine Leser herausgebracht. Auch die Audioführung in Iphofen ist nach dem Prinzip dieser Bände gestaltet. Ausführlich werden die Texte zu den dargestellten Szenen zitiert. Der Bamberger Verlag ist bei den anspruchsvollen May-Fans höchst umstritten, weil er die literarischen Vorlagen stark bearbeitet und verändert hatte. Inzwischen jedoch werden unter der Verlagsleitung von Bernard Schmid in Bamberg auch diese Vorlagen publiziert, und es entstehen zahlreiche Veröffentlichungen, die Verfasser und Werk seriös analysieren.
Junges Lesepublikum im Blick
Im Jubiläumsjahr hat der Verlag viel zu tun. Im Sommer wird es in Bamberg eine Karl-May-Woche geben, und auf der Landesgartenschau in der Domstadt wird der Sachse mit einem »Patchwork-Garten« aus der Flora des Wilden Westens und dunklem deutschen Tann geehrt. Vor allem aber versucht man das junge Lesepublikum unter der Überschrift »Eine Feder für Winnetou« mit einem Schreibwettbewerb für Kinder zwischen zehn und 15 Jahren zurückzugewinnen.
Über all diese Aktivitäten werden sie sich besonders freuen: die »Karl May-Freunde Franken«. Das ist eine Gruppe von derzeit 14 fränkischen Fans, die sich seit 1992 in jedem Jahr zu diskussionsfreudigen Stammtischen rund um ihren Lieblingsautor trifft. Menschen wie Gabi Steinel, Klaus Düdder und Helmut Moritz gehören dazu. Sie alle teilen ein ähnliches Schicksal. Als Kinder von May begeistert, haben sie ihn nach der Pubertät aus den Augen verloren, um ihn Jahre später als ernsthaften Schriftsteller und lohnendes Diskussionsobjekt neu zu entdecken. Im Januar werden sie nach Iphofen pilgern. Und Helmut Moritz, der auch Kirchenvorstand ist, bereitet sogar einen Gedächtnisgottesdienst zu Mays Todestag in der Nürnberger Reformations-Gedächtnis-Kirche am Berliner Platz vor. Im Internet trifft man die »Freunde« unter der Adresse www.karl-may-franken.de.
Man wird dem sächsischen Lügenbold und wunderbar unterhaltsamen Spinner demnächst also nicht nur »Auf fremden Pfaden« begegnen, sondern auch auf dem Kopfsteinpflaster der Nachbarschaft. Seit einiger Zeit machen außerdem Gerüchte über einen neuen Winnetou-Film die Runde. Schon Amerikas Comic-Superhelden waren fast tot und haben dann doch auf der Kinoleinwand ihre Auferstehung gefeiert. Warum soll es Karl May nicht genauso so gehen? Er hat ein langes literarisches Nachleben verdient.
Herbert halef Heinzelmann
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Helmut Schmiedt, »Karl May oder
Die Macht der Phantasie«, C.H.Beck Verlag 2011, 368 S.
»Karl Mays Traumwelten – Grafik, Illustrationen von Winnetou und Co.« Sonderausstellung bis 22. Januar im Knauf Museum Iphofen, Am Marktplatz, 97343 Iphofen, geöffnet Dienstag bis Samstag 10 bis
17 Uhr, Sonntag 11 bis 17 Uhr,
Telefon 09323 / 315 28.
www.knauf-museum.de