Das Schlankehitsbewusstsein ist auch in rieferen Jahren ungebrochen. Nur ist man manchmal etwas großzügiger als früher. Illustration: Sebastian Haug

Großmütter und Enkelinnen haben manchmal mehr gemeinsam als man denkt. Wenn die 13-Jährige bei Tisch kategorisch ihren Teller beiseite schiebt und erklärt, für sie käme höchstens ein Yoghurt infrage, denn sie sei viel zu dick, klingt das ähnlich wie bei ihrer Oma. »Für mich gibt’s heute nur einen Salat«, verkündet die agile Großmama am selben Abend beim gemütlichen Treffen mit ihrer gleichaltrigen Freundin. »Ich finde, ich sehe unmöglich aus. Schau dir bloß mal meine Speckröllchen an!« Und diskret deutet sie auf die beanstandete Taille.
Die Antwort kommt prompt: »Hör bloß auf, bei mir ist es noch viel schlimmer!« Auch die Freundin zeigt auf ihre Problem-zonen, dann widmen sich beide der Speise-karte. Nach intensivem Abwägen fällt die Sache mit dem Salatteller auch für dieses Mal flach, und die zwei bestellen wie stets die geliebte Nudelspeise. Bis das Essen kommt, jammern sie noch ein bisschen weiter. »Ich kann tun, was ich will, meine Fettpolster gehen nicht mehr weg. Glaubst du, das liegt am Alter?«
»Aber bestimmt. Ich esse auch nicht mehr als früher und nehme pausenlos zu.« Und während sich die beiden etwas später mit Genuss ihrer üppigen Pasta-Portion widmen, sinnieren sie über die Vergänglichkeit ihrer einstigen Schönheit.
»Ich hatte mal Größe 36«
»Kannst du dir vorstellen, dass ich mal Größe 36 hatte?« – »Du glaubst es nicht – hatte ich auch!« Für heute ist das Thema damit abgehakt, aber es findet garantiert beim nächsten Treffen seine Fortsetzung.
Wenn man uns so zuhört, uns in die Jahre gekommenen Ex-Elfen, müssen wir nahezu perfekt gewesen sein in jener grauen Vorzeit, also so vor etwa vierzig, fünfzig Jahren. Bloß war es uns anscheinend nicht bewusst. Auch wir damaligen »Backfische« hatten schon unsere Probleme: Der Busen zu klein, zu groß, der Po viiiel zu fett, die Arme zu dünn, zu dick, die Beine zu kurz, zu stämmig, eigentlich war nichts so wie gewünscht. Dabei hatte der ganze Schlankheitswahn noch gar nicht richtig begonnen. Models, die damals noch Modelle hießen, durften noch mit weiblichen Formen punkten, und Twiggy ruinierte erst später die Gesundheit nachfolgender Generationen.
Wenn es doch wenigstens irgendwann einmal ein Ende fände, dieses stete Gezetere um die »schlanke Linie«! Hört das denn nie auf, egal, wie alt wir werden, wir unwürdigen Omas und Uromas? Noch immer dieser kritische Blick ins Schaufenster, wo sich unser rundlicher Umriss abzeichnet, noch immer der Reflex, den Bauch einzuziehen und ein bisschen aufrechter zu gehen. Hat man das je schon bei alten Männern gesehen? Egal, wie gewaltig sich der Bauch über dem festgezurrten Hosengürtel wölbt, sie gehen selbstbewusst ihrer Wege und wagen es noch, hübschen jungen weiblichen Wesen interessierte Blicke zuzuwerfen.
Mein wertvolles Ich
Wenn zum Beispiel ich – umgekehrt – bloß daran dächte, würde mir himmelangst. Nie könnte ich mir vorstellen, so einen knackigen Jüngling zwischen zwanzig und dreißig anzumachen. Was der sich wohl dächte, wenn er mich etwas genauer unter die Lupe nähme …? Bestimmt reichten meine inneren Werte (auf die es angeblich ankommt) bei weitem nicht aus, um ihn von meinem wertvollen Ich zu überzeugen.
Lassen wir das. Kehren wir zurück zu den zwei Freundinnen, die gerade auf das Dessert warten. Sie machen sich gegenseitig Mut: »Ich finde, du siehst noch ganz toll aus mit diesem neuen Haarschnitt.« (Klar, den hat sie ja auch auf dem Kopf, der Bauch hat nichts damit zu tun!) Ihr Gegenüber revanchiert sich mit ebenfalls aufbauenden Sätzen: »Diese lange Jacke, die du neulich anhattest, macht unwahrscheinlich schlank. Steht dir richtig gut.« Und dann lassen sich die Zwei ihr köstliches Tiramisu schmecken. Wie viele Kalorien? Keine Ahnung, ist ja auch egal. Beim nächsten Mal gibt es Salat!
Brigitte Lemberger
Zeichnung: Sebastian Haug