Ab 1970 hat Beat Wyrsch als Musiktheaterregisseur die Nürnberger Kultur bereichert. In die Sebalder Altstadt kommt er gerne zurück.
Beat Wyrsch, Gründer der Nürnberger Pocket Opera, hat seine Erinnerungen aufgeschrieben: Brennende Flügel. Ein bislang ungeklärter Flugzeugabsturz in der Nähe von Bologna im Jahr 1980. Über 80 Opfer. Eine Oper darüber, komponiert von Alessandro Melchiorre. Moderne Musik. Uraufführung am 18. Februar 1997 in Atzenhof bei Fürth. Regie: Peter Beat Wyrsch. Eine Produktion der Pocket Opera Nürnberg.
Und nun ist ein Buch erschienen, das den Titel trägt: »Brennende Flügel und lächerliche Vampire«. Untertitel: »Der Musiktheaterregisseur Beat Wyrsch zwischen Stadttheater und Off-Szene«. Es enthält die Erinnerungen von Wyrsch. Erinnerungen, die sich immer wieder auf Nürnberg fokussieren – egal, wohin der Karriereweg den Musiktheater-Macher gerade geführt hatte, ob nach Ulm, Münster, nach Biel oder Solothurn in der Schweiz. Nürnberg blieb sein Lebensmittelpunkt. Hier hat er die Pocket Opera Company (POC) gegründet und sein Regie-Debüt am Opernhaus gegeben. Hierher ist er immer wieder zurückgekehrt, um mit der POC zu arbeiten. Hier hat er seinen Mann geheiratet. Hier verbringt er seinen Lebensabend. Hier hat er seine Erinnerungen aufgeschrieben.
Das Magazin sechs+sechzig hat Beat Wyrsch zu einem Gespräch getroffen. Drei Stunden voller Erinnerungen. Warum Nürnberg? »Das ist mein Rückzugsort«, sagt Wyrsch. »Das ist der Ort, an dem sich vieles entwickelt hat.« Der überschaubar sei, an dem man sich dauernd begegne, wo man sich aber auch aus dem Weg gehen könne. Anders als in Berlin oder München. »Hier ist vieles möglich gewesen, ohne dass man immer wieder übermächtigen Erwartungen ausgesetzt war. Die Stadt hat mir 2006 ihren Kulturpreis verliehen. Sie ist meine zweite Heimat.«
„Mein Geigenspiel war sehr mühselig“
Geboren ist Beat Wyrsch 1946 in der Schweiz, in Stans. »Ein musikalisches Kind war ich. Aber mein Geigenspiel war sehr mühselig.« Doch das Interesse am Theater der etwas anderen Art war schon früh da. »In Stans gab es ein Kulturzentrum. Dort haben wir eine Festwoche mit Künstlern aus der damals aufregenden Wiener Avantgarde veranstaltet. Es gab auch einen Protestabend gegen die Hungersnot in Biafra. Da haben wir auf der Bühne Texte verlesen und dabei alles Mögliche in uns reingefressen. Das gab natürlich einen Skandal.« Und es war noch kein Musiktheater. Sprechtheater aber hat Wyrsch später nie mehr gemacht. Er hat in Basel Musikwissenschaft studiert und sich gleichzeitig an vielen Theatern für eine Regie-Hospitanz beworben. In Trier und in Nürnberg hatte er Erfolg. Und in Nürnberg ist er 1971 gut angekommen. »Das war das Dürerjahr«, erinnert er sich. »Der damalige Generalmusikdirektor Hans Gierster hatte viel vor. Er wollte zum Beispiel bekannte junge Regisseure vom Sprechtheater an die Oper holen. Das ist ihm etwa mit Hans Neuenfels und seinem zuerst skandalösen, später aber sehr erfolgreichen ›Troubadour‹ gelungen.«
Zu Beginn der 1970er-Jahre wurde die Kultur in Nürnberg neu sortiert. Der Kulturreferent Herrmann Glaser entwickelte sein Konzept von Soziokultur, das Finanzmittel nicht nur für etablierte Musentempel wie das Stadttheater freisetzte. Man war bereit, auch die sogenannte Freie Szene zu unterstützen. Und so entwickelte sich aus dem Betrieb des Opernhauses heraus eine Gruppe von musikalischen Enthusiasten mit alternativen Vorstellungen. Es ging etwa darum, den gewaltigen Orchesterapparat, den eine Opernaufführung benötigt, praktikabel zu reduzieren. Das gelang dem angestellten Korrepetitor David Seaman vorzüglich. Und so versuchte sich die Gruppe, die sich zunächst »Opernstudio« nannte, erfolgreich, aber kaum beachtet an einer Mini-Produktion von Henry Purcells Barock-Werk »Dido und Aeneas«.
Eine Diva als Mann im Fummel

Näheres ist im Buch von Beat Wyrsch nachzulesen. Auch wie es 1974 zum Durchbruch kam. Im Künstlerhaus, das gerade als KOMM erobert wurde, war Jacques Offenbachs Operette »Die Großherzogin von Gerolstein« angekündigt. Nette Melodien, aber ein bisschen verstaubt. Eine ungarische Diva namens Melitta Wolke-Desinee sollte die Hauptfigur interpretieren. Und die enttarnte sich als Mann im Fummel. Mehr noch: als Bühnenbildner des Stadttheaters. Es war Chistoph Wagenknecht, jetzt ohne Bart, aber mit köstlichem Diskant. Diese Aufführung zeigte, was Offenbach mit seiner verschwurbelten Geschichte eigentlich meinte: Es geht um Sex. Und der heftig besungene Degen erwies sich als gewaltiger Phallus.
»Wir haben eine Parodie daraus gemacht und die Travestie als Mittel benutzt«, sagt Beat Wyrsch. »Mit der Parodie muss man gar nicht stark übertreiben. Es genügt manchmal, Opern des 19. Jahrhunderts beim Wort zu nehmen. Das haben wir 1978 mit Heinrich Marschners Schauer-Drama ›Der Vampyr‹ in der Katharinen-Ruine gemacht. Das ist dann fast von allein lustig geworden. Und eine Ausgrabung war die kaum gespielte Oper außerdem.« Das mit den Vampiren erklärt also die zweite Hälfte von Wyrschs Buchtitel. Seine Inszenierung erregte international Aufsehen, und das Opernstudio wurde nach Edinburgh eingeladen. »Da haben wir uns überlegt, dass wir für England vielleicht einen anderen Namen brauchen, und haben uns in Pocket Opera Company umgetauft. Handlich wie ein Taschenbuch – so wollten wir sein.«
So ist das Opernstudio zur POC geworden und geblieben. Vergangenes Jahr hat sie ihr 50. Jubiläum gefeiert. Ihre Markenzeichen waren und sind Parodien, »archäologische« Entdeckungen, ungewöhnliche Schauplätze (Steinbruch, Müllverbrennung, Waschsalon, Kinosaal, Salzbergwerk), aktuelle Kompositionen – etwa zum Eisenbahnjahr 1985, als Wyrsch fahrende Züge inszenierte. Die POC ist immer wieder politisch geworden. Und längst ist das Ensemble eine internationale Größe. Es tritt in aller Welt auf. Und seine Geschichte kann man ab dem 27. Mai in einem wunderbaren Bildband mit dem Titel »Die Pocket Opera Company – Oper am Puls der Zeit« nachblättern. Dann soll der prächtige Reader im Cadolzburger Ars Vivendi Verlag erscheinen.
Ernsthaft mit Wagner auseinandergesetzt
2007 hat Beat Wyrsch die künstlerische Leitung an Franz Killer abgegeben. Da ist er Operndirektor des Theaters Biel/Solothurn geworden. Davor war er Intendant in Ulm und in Münster – wo er sich ganz ernsthaft mit den Werken Richard Wagners auseinandersetzte. In Heidelberg war er auch noch. Und seit 2018 gibt es eine Art Ruhestand. »Ich habe etwas sehr Besonderes erlebt«, resümiert Beat Wyrsch. »Ich habe im System der Oper gearbeitet und musste nach dessen Regeln funktionieren. Gleichzeitig konnte ich mit einer Off-Gruppe diese Regeln überschreiten und Perspektiven auf ganz andere Formen des Musiktheaters entwickeln und neue Horizonte entdecken. Für den Lebensunterhalt hätte die POC kaum gereicht. Aber was wäre der Intendant und in Biel sogar der Direktor ohne sie?«
Text: Herbert Heinzelmann
Fotos: Michael Matejka, Claus Felix, Bernie Meyer
Infos
Vampirkarussell mit Astrid Kessler und Robert Eller beim Jubiläum 33 Jahre Pocket Opera Company, 2007. Brennende Flügel und lächerliche Vampire: Der Musiktheaterregisseur Beat Wyrsch zwischen Stadttheater und Off-Szene Verlag die brotsuppe, 2025, 216 S., 32 € Beat Wyrsch und Franz Killer, Die Pocket Opera Company – Oper am Puls der Zeit ars vivendi Verlag, 2026 (erscheint Ende Mai), 260 S., 40 €





