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Alter weißer Mann und politische Korrektheit

Ich bin ein alter weißer Mann. Das ist zunächst einmal eine Zustandsbeschreibung. 1947 geboren – in Bayern. Und vom Phänotyp her haben meine Vorfahren offensichtlich wenig genetische Experimente mit Pigmenten gemacht. Also weiß. Ich könnte jetzt etwas von Rasse schreiben. Aber da sind wir mitten im Dilemma. Darf ich das noch sagen? Ja, ich darf alles sagen »»in diesem Land«. Ich muss nur ertragen, dass mir jemand widerspricht. Er könnte mir erklären, dass der »alte weiße Mann« eine unangenehme Erscheinung ist.

In mancher kulturellen Diskussion ist der Begriff zum Schimpfwort geworden. Er ist eine Schmähung für Patriarchen, die es ganz selbstverständlich finden, Patriarchen zu sein. Für männliche Menschen in Machtpositionen, die sich noch immer nicht vorstellen können, dass Frauen ebenfalls Macht haben; und zwar nicht als Ausnahme. Und für Hellpigmentierte, die jahrhundertelang glaubten, Dunkelpigmentierte wären Sklaven, Untertanen, dumm, faul, jedenfalls ungleich im negativen Sinn. Minderwertig. So haben wir Weißen geherrscht. Wird darüber nicht zu Recht geschmäht?

So ein alter weißer Mann bin ich aber nicht. Ich gehöre zu einer Generation, die um 1970 herum für Gleichheit auf die Straße gegangen ist. Im Ringen um Gleichheit ist das Schimpfwort entstanden. In den USA, wo die Ungleichheit noch größer ist als hierzulande. »Ich habe es satt, dass alte weiße Männer den Schwarzen vorschreiben, was sie tun dürfen«, soll 1990 ein schwarzer Konzertbesucher in Georgia einem weißen Reporter über das Verbot von anstößigen Rap-Texten ins Mikrofon gesagt haben. Das ist ein Ursprungsmoment der Phrase. Die Artikulation eines berechtigten Anliegens. Trotz der vorübergegangenen Präsidentschaft Barack Obamas gibt es in Amerika nicht viele Schwarze, die anderen etwas vorschreiben können.

Was gilt gerade als korrekt?

Und schon wieder bin ich im Dilemma. Darf ich denn »Schwarze« schreiben? Müsste ich nicht »Afroamerikaner« formulieren, um korrekt zu klingen? Doch was gilt gerade als korrekt? Und wer schreibt das vor? Ich werde doch auch »weiß« genannt. Soll ich jetzt auf »nordisch« bestehen, auf »kaukasisch«, gar »fälisch« oder sonst einem Unsinn, den sich die Nazis in ihrer abstrusen Rassenlehre einfallen ließen? Ist das Wort »Neger« wirklich her­absetzend? Ich habe Latein gelernt: niger: schwarz. Von meiner kulturellen Prägung ganz zu schweigen. In jedem Film über Afrika gab es in meiner Kindheit »Neger«. Das war fraglos. Muss ich nun bereuen? Der alte weiße Mann in mir macht sich bemerkbar. Geht es um Wörter (das berüchtigte »N-Wort«)? Oder geht es um die Menschen dahinter, mit gleichen Rechten wie ich, mit demselben Respekt behandelt, den ich für mich verlange? Dafür bin ich immer eingetreten. War das »kulturelle Anmaßung«?

Und war es kulturelle Aneignung, als ich mein Gesicht einst zu einem Faschingsball schwarz angemalt haben (»Black Facing«) und gar ein Baströckchen anzog. Ich habe mich eines Klischees bedient – freilich zu einer Zeit, als mein Herz längst für die »Black Power«-Bewegung in den USA schlug. Ich mag mich dafür nicht geißeln. Wir leben zwischen den Kulturen. Alle. Diskriminieren wir, wenn wir uns »«Winnetou»« als »edlen Wilden« vorstellen? Der von Kolumbus und Konsorten gefundene »Indianer« war ein Opfer der weißen Eroberer. Der von Karl May erfundene Indianer war ein Vorbild, sogar wenn ihn die filmische Phantasie völlig ahistorisch mit Wigwams (statt Pueblos) in die Prärie (statt in die Wüste des Südwestens) versetzt hat. Winnetou ritt durch eine Traumwelt, nicht durch die Wirklichkeit des Wilden Westens. Die kürzlich aufgeschäumte Winnetou-Debatte war nur noch grotesk. Wir können die Welt nicht von Mythen und Träumen reinigen. Wir können höchstens vorsichtiger mit ihnen umgehen.

Die Mythen der Andersfarbigen auf allen Kontinenten haben überlebt. Zugegeben: mühsam. Denn wir Weißen, damals noch nicht so alten Männer, wollten ihnen unbedingt das Christentum aufzwingen – notfalls mit Mord und Totschlag. Heute bereichern uns diese Mythen. Das ist kultureller Austausch. Beenden wir endlich den Kulturkampf, den wir begonnen haben, als wir die ganze Welt als Kolonialisten überfielen. Heute haben wir den Schlamassel, weil uns die Überfallenen die Rechnung präsentieren. Wir werden sie politisch und ökonomisch bezahlen müssen. Aber es wird uns nicht gelingen (jedenfalls nicht von heute auf morgen), unsere kulturellen Klischees abzulegen, die längst Teile der Pop-Kultur geworden sind. Man kann die »nackten Wilden« nicht aus den Donald-Duck-Heften entfernen, ohne sie zu zerstören. Diese Zerstörung können wir nicht wollen. Und gegen Versuche der scheinheiligen Moralisten sollten wir uns wehren. Wenn Astrid Lindgren das Wort »Negerkönig« benutzte, so ist das ihr Wort und nicht im Nachhinein zu korrigieren.

Fasching im Bastrock

Und jetzt noch zum Begriff »Mann«. Er bezeichnet mein Geschlecht. Das sei mir sozial zugeschrieben, behauptet eine Schule des Feminismus. Ich könne es frei wählen. Mag sein. Aber dafür bin ich nun wirklich zu alt. Ich habe mein Geschlecht immer in Hosen gelebt, nur einmal zu Fasching den Rock ausprobiert. Den männlichen Blick auf die Frau werde ich nicht los. Ich hoffe, es ist ein liebevoller Blick, nicht nur einer, der Frauen zum »sexualisierten Objekt« macht. Denn ich wollte stets Frauen treffen, die Subjekte mit eigenem »weiblichen Blick« auf den Mann waren.

Damit will ich den Streit um männliche Übergriffigkeit nicht umschiffen. Ich verabscheue sie. Denn wieder geht es um die fehlende Akzeptanz von Gleichheit, wenn Frauen »sexualisierter Gewalt« ausgesetzt sind (die in raren Fällen auch in Umkehrung der Geschlechterverhältnisse vorkommen soll). Gewalt ist stets unangemessen. Doch es gibt ja dieses berühmte Spannungsfeld zwischen den Geschlechtern (auch unter den gleichen), in dem es um »Versuchung« geht. Man versucht es, man versucht zu verführen, man fragt nach, man gibt nach und sich hin. Es ist ein Spiel, das nicht durch »Listen des Erlaubten« beeinträchtigt werden darf, wie sie an manchen US-Universitäten grassieren. Die haben Lustverlust zur Folge. Zum Spiel der Versuchung gehört im Notfall die Ohrfeige, im Glücksfall der Kuss.

Aber was habe ich im letzten Absatz überhaupt getan? »Man versucht es«, habe ich geschrieben. Wenn auch nur »man« mit einem »n« so ist das doch ein Gender-Verstoß par excellence. Eigentlich darf ich das nicht. Denn neuerlich drückt sich hier Historisches aus. Das Patriarchat herrscht (auch) in der und durch die Sprache. Das »generische Maskulinum« vereinnahmt Weibliches ungefragt. Darüber habe ich als Mann nie nachgedacht, bevor ich sensibilisiert wurde durch all die Gespräche während der letzten Jahre. Wenn es sprachlich nicht so monströs wäre, würde ich für das »Gendern« eintreten. Das Binnen-I (LeserInnen) geht mir schon flott über die Lippen. Es gibt keinen Grund, über diese Sprachverwendung in Familienfehden zu stürzen, bloß weil man sie früher nicht gekannt hat.

Das »Früher-hat-es-das-nicht-gegeben« kann auch für den alten weißen Mann mit konservativen Verwurzelungen kein Argument sein. Er muss offen bleiben für neue Gedanken, sonst wird er zu Recht beschimpft. Er muss notfalls streiten, wenn sie ihm zu weit gehen. Und er sollte gerade im Interesse der Freiheit von Gedanken vor Hysterien und Überkorrektheit warnen. Die nutzen nur den störrischen Patriarchen, die darauf warten, nach der Überhitzung der Diskurse ihre Herrschaft umso brutaler wieder aufzurichten. Für diese Vorstellung bin ich dann doch zu liberal.

Herbert Heinzelmann

Abbildungen: Claus Bergen: Illustration zu »Winnetou 2«. Aus Wolfgang Hermesmeier, Stefan Schmatz: »Traumwelten – Bilder zum Werk Karl Mays« Band1. Karl May Verlag 2004; Floyd Gottfredson: »Der Doppelhund von Rumba Dumba«. Aus »Micky Maus«, Bild Comic-Bibliothek Band 4. Weltbild Verlag 2005

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