Man sieht ihr das Alter nicht an: Wencke Myhre wird bald schon 70.

Man sieht ihr das Alter nicht an: Wencke Myhre wird bald schon 70.

Mit dem Song »Er hat ein knallrotes Gummiboot« avancierte sie in den 1960-er Jahren zum Teenager-Idol. Seitdem baute sie ihre Karriere kontinuierlich aus, wurde zum Weltstar. Die beliebte Künstlerin Wencke Myhre (69) war dreimal verheiratet, hat vier Kinder und zehn Enkelkinder. Das Magazin sechs+sechzig sprach in einem Telefoninterview mit der Sängerin über Kindheit, Erfolge und Schicksalsschläge.

Waren Sie schon mal in Nürnberg?
Bestimmt, ich war ja schon überall auf der Welt (sie zögert kurz). Ich weiß es nicht mehr so genau. Aber eines kann ich sicher sagen: 2017 werde ich in Nürnberg erstmals auf einer Seniorenmesse singen.

Wie kommen Sie mit dem Alter zurecht?
Ich fühle ich mich neugierig und wach, jedenfalls wacher als mit 20. Natürlich kann ich keine Saltos mehr machen, aber ich übernehme neue Aufgaben und werde dadurch auf Trab gehalten. Ich muss nicht ständig joggen, ich bin ja viel auf Shows und Konzerten unterwegs. Und ich habe genug Bewegung auf unserem Grundstück in Norwegen, wenn die ganze Familie zum Feiern zusammenkommt.

Gibt es noch Reisepläne?
Eigentlich nicht, denn ich bin, wie gesagt, viel herumgekommen. Was mich noch reizen könnte, wäre vielleicht Island oder ein Theaterwochenende in London. Aber ich muss nicht mehr auf eine einsame Insel mit einem roten Gummiboot (sie lacht).

Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Auftritt?
Mein Vater Kjell war Musiker und trat abends auf. Bei einem solchen Konzert – ich war sieben – sagte jemand: »Lass doch die Kleine mal ran«. Also sang ich an diesem Abend einige Lieder, die ich vorher zuhause mit meinem Vater auf dem Küchenboden einstudiert hatte. Mit Vater und Bruder reiste ich viel umher. 1958 gewannen wir bei den Festspielen in Bergen den Preis als Norwegens musikalischste Familie.

Wann bekamen Sie Ihren ersten Plattenvertrag?
Als ich 13 war. Bei einem Talentwettbewerb in Oslo gewann ich den ersten Preis. Daraufhin erhielt ich vom Komponisten und Produzenten Arne Bendiksen einen Vertrag. Ein Jahr später trat ich bereits im norwegischen Fernsehen auf.

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) holte Sie 1964 zu Ihrem ersten Fernsehauftritt in Deutschland in der Schaubude. War es schwer, Deutsch zu lernen?
Das war nicht leicht für mich, ich habe alles nachgeplappert, wie ein Papagei. Für meine erste deutsche Platte mussten mir noch die Wörter in Lautschrift notiert werden. Mein erstes deutsches Wort, das ich lernte, war »Hose«. Eine große Hilfe in dieser Zeit war Musikproduzent und Komponist Bobby Schmidt, der mir die Aussprache beibrachte. Schmidt war als Produzent unter anderem für mich und Max Greger tätig. Er hat auch tolle Songs für mich geschrieben.

Sie gehörten zu den absoluten Topstars in Deutschland und erhielten viele Preise. Wann kam der Durchbruch?
Bei den Deutschen Schlager-Festspielen 1966 in Baden-Baden wurde ich mit dem Schlager »Beiß nicht gleich in jeden Apfel« Siegerin. Damit war ich auf dem deutschen Schlagermarkt angekommen. Im selben Jahr erschien unter dem knappen Titel Wencke Myhre meine erste deutsche Langspielplatte.

Wie viele Sprachen können Sie?
Ich spreche Englisch, Dänisch, Schwedisch, Norwegisch und Deutsch. Ein bisschen Französisch, wenn ich muss, und ein bisschen Italienisch, wenn ich muss.

Kommt es manchmal vor, dass alle Enkelkinder gleichzeitig bei Ihnen zu Besuch sind?
Oh ja, an vielen Tagen sind alle bei mir zu Besuch. Drei wohnen bei mir in der Nähe, die sehe ich öfter. Aber wenn meine Tochter aus Schweden mit ihren beiden Kindern kommt, sind wir erst richtig komplett.

Im Sommer 2010 wurde bei Ihnen Brustkrebs diagnostiziert.
Nach dem Tod meiner Mutter – sie starb an den Spätfolgen einer Krebsbehandlung – ging ich regelmäßig zur jährlichen Vorsorgeuntersuchung. Dabei stellte sich heraus, dass ich operiert werden musste. Ich sagte sofort alle Termine ab. Das war schon hart, so was kann man nicht einfach wegstecken. Doch ich habe gelernt, dass es auch ein Leben ohne Bühne gibt. Wenn ich in der Klinik nachts wach lag, habe ich nur geschrieben. Ich hatte viel Zeit, ich begann, an meiner Biografie zu arbeiten.

Und ging es Ihnen dann besser?
Während der Chemotherapie fühlte ich mich schon sehr elend, meine Familie hat mir stark geholfen. Ich habe die Operationen und die Bestrahlung überstanden, gehe nach wie vor zur Vorsorgeuntersuchung und freue mich darüber, dass die Prognosen günstig sind. Mit einem neuen Lebensmut ist es mir gelungen, wieder ins Showgeschäft zurückzukehren.

Sie helfen anderen Frauen, mit Schicksalsschlägen fertig zu werden?
Ja, ich halte Frauen-Seminare ab zum Thema »Veränderungen im Leben«. Ich will Frauen helfen, die dieselbe Diagnose wie ich bekommen, und leider erkranken viele Frauen an Brustkrebs. Ich werde oft gefragt, ob ich Angst habe, dass die Krankheit zurückkommt. Dazu kann ich nur sagen, ich lebe mit meiner Diagnose, versuche die neue Situation anzunehmen und meine Zukunft positiv zu gestalten.

Sie waren ständiger Gast in den Musikshows des deutschen Fernsehens und traten unter andrem mit Gitte Haenning oder Siw Malmkvist auf. Treffen Sie sich noch mit befreundeten Künstlern?
Ja, die alte Musikantinnen-Garde ist im Seniorenalter angekommen. Zu meinen Freundinnen gehören die Sängerinnen Mary Rose und Ireen Sheer sowie die Fernsehmoderatorin Carmen Nebel. Bedauerlicherweise gehen auch viele Bekanntschaften auseinander.

Hören Sie auch andere Musik, Klassik zum Beispiel?
Für mich gibt es nur gute oder schlechte Musik. Musikalisch gesehen bin ich ein Allesesser …

Und was essen Sie gerne?
Am liebsten Fisch, Gemüse und Salat. Außerdem mag ich althergebrachte Hausmannskost. Bei Alkohol bin ich vorsichtig, mal ein Glas Weißwein, das reicht mir. Mein erstes Glas Wein habe ich übrigens mit 50 Jahren getrunken. Bier überhaupt noch nicht, das brauche ich nicht.

Interview: Horst Mayer