Der Blumenstrauß für die Mutter der Angebeteten war früher mal üblich.

Der Blumenstrauß für die Mutter der Angebeteten war früher mal üblich.

Von Zeit zu Zeit erfreuen wir Sie mit Geschichten über Dinge des Alltäglichen, die in vergangenen Jahrzehnten einmal richtig »schick« waren. Wer sie besaß, war auf der Höhe der Zeit. Doch die Kunst, genüsslich zu leben, schloss auch Verhaltensweisen mit ein, die heute nicht mehr üblich sind.

Sie sind überholt, weil wir inzwischen auf andere Dinge Wert legen. Zu den netten, lustigen und zuweilen auch skurrilen Gewohnheiten, an die man heute mit einem überraschten Ausruf: » Ach ja, das tatsächlich war mal üblich…« denkt, gehört auch der Blumenstrauß für die Mutter der Angebeteten.

Helmut hatte beim Weinabend im Herbst Heidi erspäht, die hübsche Rothaarige, die in der Ecke saß, mit einer Freundin alberte und sich immer wieder diese freche Haarsträhne aus der Stirn strich. Irgendwann schaffte es Helmut, mit einem anderen Gast den Platz zu tauschen und in Heidis Nähe zu rutschen. Plötzlich, wie es der berühmte Zufall – oder Väterchen Bacchus – so will, streiften sich die Blicke der beiden, man kam vorsichtig ins Gespräch. Und fand sich auf Anhieb sympathisch. Am Ende der Unterhaltung vereinbarte man ein Wiedersehen. Auf die Tanzveranstaltung in drei Wochen könne man ja zusammen gehen. Helmut wusste jetzt, wo Heidi wohnte. Er versprach, sie rechtzeitig abzuholen. An besagtem Abend fand er sich schon eine Viertelstunde vor dem verabredeten Termin vor dem Wohnhaus ein. Geduldig wartete er an der Hecke. Als der Rotschopf endlich heraustrat, sprang er schnell heran und zog unter seiner Jacke ein Sträußchen hervor. Doch nicht Heidi bekam die Blumen in die Hand gedrückt, sondern ihre Mutter, die hinter ihr in der Tür stand und Ausschau hielt, ob der versprochene Begleitschutz auch tatsächlich zugegen war. Helmut stellte sich kurz vor, bedankte sich artig dafür, dass er die hübsche Tochter zum Tanzen ausführen durfte und versprach, sie pünktlich um Mitternacht wieder abzuliefern.

Wie die Sache ausging? Ein Dreivierteljahr später bekam endlich auch Heidi einen Blumenstrauß von Helmut. Als er sie abholte. Diesmal morgens um 10 Uhr. Man ging zum Standesamt. Vor 43 Jahren.

Text: Elke Graßer-Reitzner

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