Wie haben sich Todesvorstellungen und das menschliche Lebensende nach 1945 in Deutschland verändert? Diese Forschungsfrage versucht jetzt ein Augsburger Forschungsprojekt zu beantworten.

Foto: Jörn Neumann | epd

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Sterbehilfe, Sterbebegleitung, Palliativmedizin: Das Sterben hat sich im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zu einem kontroversen Gegenstand entwickelt. Trotz ebenso intensiver wie emotionaler öffentlicher Diskussionen ist das Thema bislang kaum zeithistorisch bearbeitet worden. Diese Lücke versucht ein neues Augsburger Forschungsprojekt zu schließen. Unter dem Arbeitstitel „In Würde sterben? Die Debatte um das menschliche Lebensende in beiden deutschen Staaten nach 1945“ untersucht der Augsburger Historiker Florian Greiner die sich wandelnden Sterbeverläufe in der Bundesrepublik und in der DDR – und die politischen und gesellschaftlichen Reaktionen auf diesen Wandel. Das am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte (Prof. Dr. Dietmar Süß) angesiedelte Projekt wird für drei Jahre von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Tabuisierung des Todes
Infolge medizinischer Fortschritte und des modernem Wohlfahrtsstaats werden Menschen immer älter. Chronische Krankheiten wie Krebs, kostenintensive lebensverlängernde Maßnahmen und neue Sterbeorte wie das Krankenhaus oder Altenheime wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zu Kennzeichen des „normalen Todes“. Seit den 1960er Jahren beklagen Beobachter eine darauf aufbauende „Tabuisierung“ des Todes und ein anonymes, technisches Sterben an Apparaten.

Was war, wurde und ist ein „guter Tod“?
Welche Auswirkungen hatten medizinischer und demographischer Wandel tatsächlich auf menschliche Sterbeverläufe? Wie reagierten Politik, Medizin und Gesellschaft auf die neuen Herausforderungen am Lebensende? Was machte für Zeitgenossen einen „guten Tod“ aus? Und mit welchen Mitteln wurde versucht, ein selbstbestimmtes „Sterben in Würde“ in der modernen Industriegesellschaft zu gewährleisten?

Indiz für gesellschaftliche Konventionen und sozialen Wandel
Das Projekt spürt diesen Fragen auf einer breiten Quellengrundlage nach. In den Blick kommen etwa die Versuche von Medizinern und Sozialwissenschaftlern, das Sterben wissenschaftlich zu erfassen, weiterhin die Formierung von Sterbehilfe- und Hospizbewegung als Neue Soziale Bewegungen sowie auch die zunehmenden Ökonomisierungstendenzen in diesem Feld. So traten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht zuletzt aufgrund der explodierenden Sterbekosten zunehmend mehr Akteure und verschiedene Interessen auf das Parkett: Kirchen, Pharmaindustrie, Gesundheitspolitik, Ärzteverbände, Medien sowie neue zivilgesellschaftliche Organisationen. Das Lebensende erweist sich so als eine Sonde für allgemeine Prozesse, die Aufschluss über gesellschaftliche Konventionen, sozialen Wandel und vorherrschende normative Grundstrukturen geben können.