Wie muss man sich den Alltag einer Hundertjährigen vorstellen? Lebt sie nur noch in Erinnerungen? Wartet sie auf den Tod? Der Fotograf Olaf Unverzart, Jahrgang 1972, hat seine eigenen, sehr souveränen Antworten auf diese Fragen vorgelegt, und zwar mit einem ganz besonderen Bildband.

Olaf Unverzart mit seiner Oma. Alle Abbildungen aus dem besprochenen Buch »Hundert«, erschienen im Verlag fountain books (128 Seiten, 30 €).

Olaf Unverzart mit seiner Oma. Alle Abbildungen aus dem besprochenen Buch »Hundert«, erschienen im Verlag fountain books (128 Seiten, 30 €).

In der Nürnberger Galerie Oechsner präsentierte Unverzart kürzlich »Hundert, eine fotografische Begleitung eines vertrauten Menschen im 100. Lebensjahr«. Die Bilder zeigen seine betagte Großmutter und die Auseinandersetzung mit dem Thema Altwerden.

Olaf Unverzart ist ein viel gereister, mit etlichen Preisen ausgezeichneter Künstler von internationalem Renommee. In den großen Magazinen von GEO bis Zeit kann man seine Bilder ebenso finden wie in zahlreichen Ausstellungen namhafter Kunsthäuser. Vier Jahre hatte er einen Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Er setzt Landschaften, besonders Berge, Architektur, aber auch Menschen ins Bild. Seine Arbeiten sind geprägt von einem ganz eigenen, unprätentiösen Blick auf die Welt. Die wolle er so zeigen, wie er sie sieht, hat er einmal geäußert. Unverblümt, ohne künstlerische Aufbereitung, dabei mit viel Tiefgang.

Und dann geht der Weltenbummler zurück zu seinen Wurzeln, begleitet ein Jahr lang die in der Oberpfalz lebende Großmutter Barbara. Nimmt sich Zeit, ihren Alltag im kleinen Radius zwischen Kanapee und Küche festzuhalten. Im Buch zusammengefasst sind 83 Abbildungen und ein Protokoll aus Gesprächen mit der alten Dame. Sie rühren an, zeigen aber auch schonungslos die Schattenseiten des Alterns.

Bemerkenswerter Mut
Umso bewundernswerter ist der Mut von Barbara Unverzart, sich auf den Wunsch ihres Enkels einzulassen. Und als sie dann das erste Exemplar des Buches in Händen hält, ist sie stolz und gerührt gleichzeitig. »Sie hat mich immer wieder gefragt, wieso sie das verdient hat und warum gerade sie hundert geworden ist. Sie mochte die Idee mit dem Buch von Anfang an. Dachte aber lange, es wäre lediglich eine Idee und würde nicht irgendwann gedruckt vor ihr liegen«, schildert Unverzart die erste Reaktion der Großmutter.

Ihm habe die Zeit mit der Oma viel gebracht, sagt der Künstler. Eine derart intensive Auseinandersetzung mit einem Menschen bedeute immer ein Geben und Nehmen. Die Demut vor dem Leben sowie die Fähigkeit des alltäglichen Überlebens mit Humor und Ausdauer hätten ihm auch einiges über sich und die heutige Zeit aufgezeigt.

Als einen der Gründe, dieses Buch zu machen, nennt Unverzart seinen Eindruck, dass in den Medien über das hohe Alter nicht viel zu erfahren sei. Einige seiner Aufnahmen zeigen den Alltag einer Hundertjährigen sehr realistisch. Das abgelegte Gebiss, die Situation am Krankenbett, eine Nahaufnahme der greisen Hände auf den dünnen Oberschenkeln. Bewusst dringt Olaf Unverzart in die Privatsphäre ein. »Kunst soll und muss polarisieren«, findet Unverzart. »Es geht nicht darum, Entscheidendes wegzulassen, um es vielleicht ästhetischer oder angenehmer zu machen. Diese Arbeit war von Anfang an persönlich und sehr nahe. Wenn nichts passiert, passiert es eben im Innersten. Und genau darüber müssen die Bilder auch berichten.«

Aufmerksamkeit verdient auch ein kurzer Text im Bildband, der – eingeschoben zwischen einer Aufnahme vom heimischen Scheunentor und einem Porträt einer neugierig-kritisch vor dem Haus wartenden Großmutter – den Tagesablauf der Porträtierten schildert und das, was ihr so an Gedanken kommt: »Danach bete ich den Rosenkranz und leg mich wieder hin und mach die Augen zu. Ich weiß schon, dass alle denken, dass ich schlaf, aber ich schlaf nicht, sondern denk an früher, bete oder sing ein Lied, alles still für mich, und ehrlich gesagt bete ich auch fürs Sterben, mir wäre es jederzeit recht, weil sonst doch nichts mehr kommt.«

Soll das Buch trotz solcher Betrachtungen Mut zum Alter machen? Das habe er sich so nicht überlegt, meint der Künstler. Jeder Tag bedeute älter zu werden, die Herausforderungen würden nicht weniger. Er denke nicht, dass wir als Menschen ein Anrecht auf Glück haben. Gerade deswegen sei das Leben so wertvoll. Genauso wie Gesundheit oder Freunde. Sie schätzt man oft erst, wenn man sie verliert. Zu viel Gewohnheit, zu viel Routine, das sei für ihn die größere Bürde als Alter. Seine Vorstellung vom Jungbleiben ist, neugierig zu sein, körperlich auf sich aufzupassen, Erfahrungen weiterzugeben, nicht faul zu werden.

»Geistig ist sie fit«
Zudem glaube er nicht, dass man ohne größere Beschwerden alt werden kann. Auch im hundertsten Jahr gehe es seiner Oma zwar sehr gut. »Geistig ist sie sehr fit, kann sich oft besser Dinge merken als ich. Körperlich ist es schwer. Schmerzen überall, sie hört und sieht schlecht, versucht sich zu schonen und liegt viel. Ich bin auch weiterhin regelmäßig bei meinen Eltern, und damit auch in ihrem früheren Haus und bei ihr. Manchmal führe ich sie in den Garten.«

Seine Erkenntnis aus dem Jahr mit ihr: »Meine Oma ist für mich immer dieselbe. Ohne große Launen oder Schwankungen. Was mir in Erinnerung bleibt, ist das.«

Nach dem Buch ist immer vor dem Buch, stellt Unverzart abschließend fest – und verrät: Als nächstes Projekt will er eine Arbeit über Zugvögel angehen. »Auch etwas, das mit Unterwegssein und Ankommen zu tun hat.«

Karin Jungkunz