»Die alten Knacker – Die übrig bleiben«. Splitter Verlag, Bielefeld 2015, € 1

Alter Knacker auf Rachfeldzug

Cover eisige Schwestern, Knauer Verlag

Cover eisige Schwestern, Knauer Verlag

In der unendlichen Comic-Strip-Serie »Touché« des Berliner Zeichners »Tom« gibt eine bissige Rentnerin am Briefmarkenschalter der Post. Immer wieder erfreut sie die Leser durch ihre entweder begriffsstutzigen oder aggressiven, manchmal auch weltklugen Sprechblasentexte. Sonst allerdings scheinen deutsche Bilderzähler mit Senioren wenig anfangen zu können.

Ganz anders in Frankreich. Dort wurde im Jahr 2014 bei weitem nicht die erste Comic-Reihe mit greisen Helden gestartet. In der deutschen Übersetzung trägt sie den Titel »Die alten Knacker«. Und beim weltweit wichtigsten Comic-Festival im westfranzösischen Angoulême hat sie sich 2015 sofort den Publikumspreis erobert. Und das mehr als verdient. Denn die Hauptfiguren sind so anarchistisch, unkorrekt, körperlich zwar gebrechlich, doch emotional auf Tempo 100, dass es eine Freude ist. In Deutschland, wo man soziale Altersbilder entweder als strotzende »Best-Ager« oder als hilflose Demente entwirft, passt das irgendwie nicht ins Konzept.

Im Comic stehen Antoine, Pierrot und Mimile als alte Freunde nach der Beerdigung von Antoines Frau vor einer Herausforderung. Denn Antoine, ein Gewerkschafts-Urgestein, ist mit seinem Gewehr losgezogen, um seinen ehemaligen Arbeitgeber umzubringen. Ihm ist nämlich testamentarisch eröffnet worden, dass der ein – wenn auch sehr kurzes – Verhältnis mit seiner verblichenen Gattin hatte. Eifersucht ist ein ewig junges Gefühl. Doch der alte Kapitalist dämmert längst im großen Vergessen auf einem Grundstück in der Toskana.

Die hochschwangere Enkelin von Antoine spielt auch eine Rolle. Sie hält gleich der ganzen Generation ihres Großvaters vor, die schlimmste in der Geschichte der Menschheit zu sein, weil sie ihr Kind einer total verkorksten Welt aussetzen muss.

Gegenwart und Erinnerung vermengen sich in der Geschichte von Wilfrid Lupano. Die Kraft des Alters, seine Nostalgie und seine Melancholie vermischen sich zu ebenso anrührenden wie amüsanten Stimmungen. Und die fängt Zeichner Paul Cauuet in großartigen Landschaftspanoramen genauso ein wie in zuschnappenden Charakter-Karikaturen. Ein wirklich großes Comic-Vergnügen .

Herbert Heinzelmann

Wilfrid Lupano (Text), Paul Cauuet (Zeichnungen):
»Die alten Knacker – Die übrig bleiben«. Splitter Verlag, Bielefeld 2015, € 14.80

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Alles Täuschung

Nichts ist, wie es zu sein scheint. Dieses Sujet thematisieren zwei spannende Romane: In S.K. Tremaynes »Eisige Schwestern« verunglückt einer der beiden sechsjährigen Zwillinge, und ein faszinierenden Spiel mit dem Schrecken beginnt: Welche der beiden Schwestern ist gestorben, welche lebt? Ist es Lydia, die stillere der beiden, Liebling der Mutter, die zu Tode kam, oder Kirstie, die lebhaftere, die nach dem Unfall ihre Mutter rief und auf den toten Zwilling wies, doch später plötzlich behauptet, Lydia zu sein?

Auf einer winzigen Insel der schottischen Hebriden versucht die Familie, nach dem Umzug aus London zur Ruhe zu kommen, doch die quälende Frage nach der Identität der überlebenden Tochter bringt die Eltern an den Rand der Verzweiflung. In einem gewaltigen Sturm erlebt die mitreißende Story ihr überraschendes Finale, und der gebannte Leser legt den geglückten Psychothriller des englischen Reisejournalisten aufatmend aus der Hand.

Ähnliches geschieht mit dem Erstlingsroman der englischen Schriftstellerin Jane Shemilt, »Am Anfang war die Schuld«. Sie erzählt von Naomi, einer 15-jährigen Schülerin, deren rätselhaftes Verschwinden eine bis dahin scheinbar glückliche Familie zerbrechen lässt. Da selbst im Hauptberuf Ärztin und zugleich Ehefrau eines Neurochirurgen, beschreibt die Autorin vermutlich authentisch den Familienalltag eines solchen Haushalts. Zwei gestresste Elternteile versuchen, ihren drei Sprößlingen – den Zwillingsbrüdern Ed und Theo sowie ihrer begabten Tochter Naomi – ein sicheres und glückliches Zuhause zu geben. Und wie es scheint, läuft alles perfekt. Dann kommt Naomi eines Nachts nicht nach Hause, und der Albtraum beginnt. Auf zwei Zeitebenen – in den Wochen vor und nach dem Verschwinden der Tochter sowie ein Jahr danach – beschreibt Jenny, die Mutter, das Unfassbare und muss im Rekapitulieren der Geschehnisse erkennen, dass nichts so war, wie es zu sein schien. Alle haben gelogen, um den Schein zu wahren. Auf der Suche nach dem Moment, als das Verhängnis seinen Anfang nahm, begreift Jenny, dass jedes Familienmitglied sein eigenes, verwickeltes Leben hatte, von dem sie nichts ahnte. Geschickt verwebt die Autorin die losen Fäden miteinander und gibt der Handlung einen teilweise kriminalistischen Verlauf. Hinter allem aber lauert der permanente Selbstvorwurf von Jenny, der Ehefrau und Mutter, ob sie, zu stark beschäftigt mit ihrem Arztberuf, der Familie zu wenig Aufmerksamkeit schenkte, bis alles aus dem Ruder lief. Darüber lässt sich streiten. Ein spannender Roman ist es allemal.

Brigitte Lemberger

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“Unser Leben mit Krebs – 36 Selbsauskünfte, die Mut machen”

Man braucht Mut, um mit dieser Krankheit umzugehen. Die Diagnose Krebs stürzt jeden, den sie ereilt, in ein tiefes Loch. Es gilt, die meist langwierige Behandlung auszuhalten, den Heilerfolg möglichst nicht anzuzweifeln, jeden einzelnen Tag zu bewältigen. Wie schwer das ist, wissen nur die Betroffenen selbst genau; die Angehörigen ahnen es und leiden oftmals mit. »Unser Leben mit Krebs« heißt ein soeben erschienenes Buch, in dem sich 36 Frauen und Männer zu Wort melden, die die Krankheit überstanden haben.

»Mut machen« sollen diese Selbstauskünfte, die in alltäglicher Sprache, ungeschönt und unsentimental Auskunft darüber erteilen, wie man sich durch körperliche und seelische Tiefen wieder an die Oberfläche kämpfen kann. »Ich schaue nicht im Zorn auf diese Zeit zurück. Sie hat mein Leben umgekrempelt«, resümiert Claudia Jaensch, 47, die ihre Brustkrebs-Erkrankung überwand, gestützt in dieser schweren Zeit von ihren Angehörigen und Freunden. Die aber auch kein Hehl daraus macht, dass die Angst bleibt. »Immer, wenn es irgendwo kneift und zwickt, befürchtet man gleich, dass wieder etwas sein könnte.«

Deutlich wird, wie unterschiedlich die Strategien sind, mit denen die Betroffenen ihrer Krankheit begegnen: verschwiegen oder offen, hoffnungsvoll oder verzweifelt. Es ist die Aufrichtigkeit, die dieses Buch von den zahllosen Krebsbewältigungspublikationen überzeugend abhebt, nicht zuletzt, weil jede der berichtenden Personen sich namentlich zu Wort meldet und im Foto zu sehen ist. Gesammelt wurden die Beiträge zu diesem Buch von einem Autorinnen-Team des Instituts für Sozialforschung und berufliche Weiterbildung in Neustrelitz.

Brigitte Lemberger

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S.K. Tremayne, “Eisige Schwestern”, Jane Shemilt, “Am Anfang war die Schuld”

Alles Täuschung

Nichts ist, wie es zu sein scheint. Dieses Sujet thematisieren zwei spannende Romane: In S.K. Tremaynes »Eisige Schwestern« verunglückt einer der beiden sechsjährigen Zwillinge, und ein faszinierenden Spiel mit dem Schrecken beginnt: Welche der beiden Schwestern ist gestorben, welche lebt? Ist es Lydia, die stillere der beiden, Liebling der Mutter, die zu Tode kam, oder Kirstie, die lebhaftere, die nach dem Unfall ihre Mutter rief und auf den toten Zwilling wies, doch später plötzlich behauptet, Lydia zu sein?

Auf einer winzigen Insel der schottischen Hebriden versucht die Familie, nach dem Umzug aus London zur Ruhe zu kommen, doch die quälende Frage nach der Identität der überlebenden Tochter bringt die Eltern an den Rand der Verzweiflung. In einem gewaltigen Sturm erlebt die mitreißende Story ihr überraschendes Finale, und der gebannte Leser legt den geglückten Psychothriller des englischen Reisejournalisten aufatmend aus der Hand.

Ähnliches geschieht mit dem Erstlingsroman der englischen Schriftstellerin Jane Shemilt, »Am Anfang war die Schuld«. Sie erzählt von Naomi, einer 15-jährigen Schülerin, deren rätselhaftes Verschwinden eine bis dahin scheinbar glückliche Familie zerbrechen lässt. Da selbst im Hauptberuf Ärztin und zugleich Ehefrau eines Neurochirurgen, beschreibt die Autorin vermutlich authentisch den Familienalltag eines solchen Haushalts. Zwei gestresste Elternteile versuchen, ihren drei Sprößlingen – den Zwillingsbrüdern Ed und Theo sowie ihrer begabten Tochter Naomi – ein sicheres und glückliches Zuhause zu geben. Und wie es scheint, läuft alles perfekt. Dann kommt Naomi eines Nachts nicht nach Hause, und der Albtraum beginnt. Auf zwei Zeitebenen – in den Wochen vor und nach dem Verschwinden der Tochter sowie ein Jahr danach – beschreibt Jenny, die Mutter, das Unfassbare und muss im Rekapitulieren der Geschehnisse erkennen, dass nichts so war, wie es zu sein schien. Alle haben gelogen, um den Schein zu wahren. Auf der Suche nach dem Moment, als das Verhängnis seinen Anfang nahm, begreift Jenny, dass jedes Familienmitglied sein eigenes, verwickeltes Leben hatte, von dem sie nichts ahnte. Geschickt verwebt die Autorin die losen Fäden miteinander und gibt der Handlung einen teilweise kriminalistischen Verlauf. Hinter allem aber lauert der permanente Selbstvorwurf von Jenny, der Ehefrau und Mutter, ob sie, zu stark beschäftigt mit ihrem Arztberuf, der Familie zu wenig Aufmerksamkeit schenkte, bis alles aus dem Ruder lief. Darüber lässt sich streiten. Ein spannender Roman ist es allemal.

Brigitte Lemberger