Cartoon: Sebastian Haug

Es begab sich einmal in grauer Vorzeit, genauer gesagt, Anfang der fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, als ein schwedischer Regisseur halb Europa in Aufruhr versetzte. Dieser verwegene Mann drehte einen Film um eine tragische Liebe – er hieß »Sie tanzte nur einen Sommer« – und ließ, man denke nur, im Verlauf der Handlung die zwei jugendlichen Hauptdarsteller splitterfasernackt in einen See hüpfen.

Europas Moral geriet aus den Fugen. Nach heftigem Protest aus kirchlichen und weltlichen Kreisen wurde Fassung eins der anstößigen Szene revidiert, drei weitere Fassungen wurden abgedreht, und das empörende Geschehen länderweise modifiziert. In Spanien und Italien war der Blick nur auf die halb entblößte Brust der 17-Jährigen erlaubt, in Holland zeigte man lediglich die Köpfe der Badenden, und auch die deutschen Zuschauer erhielten eine entschärfte Fassung.

Der Skandal sorgte viele Wochen und Monate für Gesprächsstoff, und ein zweiter kam gleich dazu. Im Film »Die Sünderin« entledigte sich Hildegard Knef als Prostituierte aus Liebe kurz ihrer Kleidung und rief mit dieser anrüchigen Handlung Moralhüter aller Couleur auf den Plan. Sogar der damalige Erzbischof von Köln, Kardinal Joseph Frings, meldete sich mit einem Hirtenbrief zu Wort und verurteilte das sündige Werk aufs Schärfste. Du lieber Himmel! Wie viele Hirtenbriefe müsste es heutzutage geben, zöge man gegen alle Nackten auf Leinwand und Bildschirm zu Felde? Wöchentlich kämen ganze Kompendien zustande, und es dauerte Nachmittage lang, sie alle zu verlesen. Porno- und Erotikfilme, wie sie das private Fernsehen allnächtlich ausstrahlt, gar nicht zu erwähnen: Selbst der mickrigste Krimi kommt selten ohne heißes Liebesduett aus. Da springt die taffe Kommissarin mal rasch mit dem – bis dahin noch unverdächtigen – Bösewicht ins Bett, der Kriminalist teilt sich das Lager mit der Staatsanwältin, und auch die Ermittlerin hat ein handfestes Techtelmechtel mit einem Kollegen oder Vorgesetzten. Streitende Paare versuchen es ein letztes Mal mit einer Versöhnung zwischen den Pfühlen, und Liebende versichern sich ihrer Zuneigung in sportlicher Ekstase. Mit der Handlung hat das selten etwas zu tun, die käme meistens ganz ohne Sex aus, verbale Liebesbezeugungen täten es auch.

Vielleicht ist es so, dass die Senderleute denken, junges Publikum zappte sich ohne erotische Zugabe blitzschnell davon. Was wiederum die Frage aufwirft, warum man die Öffentlich-Rechtlichen, die gern mehrmals in der Woche einen Krimi-Abend ins Programm heben, eigentlich als Oma-Fernsehen bezeichnet? Wenn das so stimmte, könnte man die Stöhn- und Fummelszenen glatt aus dem Drehbuch streichen und die Krimihandlung straff weiterführen, denn schließlich will die ältere Zuschauerriege vor allem wissen, wer der Täter ist und wie die Sache ausgeht. Ach, was für altmodische Gedanken!

Da sieht man es mal wieder: Es klafft eben ein Abgrund zwischen Jung und Alt. Da zerbreche ich mir als Alte zum Beispiel den Kopf, ob junge Leute denn wirklich so oft aufs Klo müssen. Oder was machen sie sonst während der Werbeblöcke, die die Fantasy-, Horror- und Katastrophenfilme in ihren Lieblingssendern alle naselang unterbrechen? Gehen sie zwischendurch in die Küche, erledigen den fälligen Abwasch, schauen rasch auf Facebook, twittern ein Weilchen? Also wie ist das? Oder lassen sie sich brav berieseln, bis der Film wieder weitergeht?
Man könnte glatt ins Grübeln kommen: Soll man sich lieber brave Heimatfilme anschauen, edle Adlige, die sich ins arglose Heideprinzesschen verlieben und höchstens einen zarten Kuss tauschen, als die unzensierten nackten Tatsachen? Das besser doch nicht. Haben wir es seit den Zeiten der Filme »Sie tanzte nur einen Sommer« oder der »Sünderin« in den verflossenen sechzig Jahren mit der Freiheit in punkto Sex vielleicht auch ziemlich übertrieben, zurück zur alten Verklemmtheit wollen wir doch nicht. Nicht mal wir Alten.

Brigitte Lemberger