An psychologischer Beratung herrscht kein Mangel - selbst im Internet nicht. Foto: epd

An psychologischer Beratung herrscht kein Mangel – selbst im Internet nicht. Foto: epd

Die Entwicklung ist bedenklich: „Wir machen immer mehr Menschen zu Patienten oder Klienten einer Beratergesellschaft“, sagt Professor Wolfgang Schneider, Direktor der Rostocker Universitätsklinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin. Für alles und jedes würden Berater und Beratungsangebote gewünscht. So würden sich die vielen Anbieter gleichzeitig einen Markt schaffen.
„Hilfesuchenden steht ein ganzes Geflecht von Angeboten und Institutionen im psychosozialen Bereich gegenüber“, sagt Prof. Schneider. „Das erfordert inzwischen ein eigenes Navigationssystem“. Die Grenzen zwischen psychosozialer Beratung, die in Deutschland von etwa 12 000 zumeist kommunal kofinanzierten Einrichtungen mit psychotherapeutisch qualifizierten Mitarbeitern getragen würden, und den ambulanten Psychotherapieangeboten mit jetzt deutlich über 20 000 ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten seien fließend.
So würde oftmals eine psychotherapeutische Behandlung indiziert und vorgenommen, obwohl eine niedrigschwellige Beratung den Klienten in die Lage versetzen könnte, seine Probleme eigenständig und selbstverantwortlich zu lösen. Aber auch für die Beratungsangebote (Familien-, Erziehungsberatung etc.) gilt, dass diese oftmals zu expansiv sind und die Anlässe zur Wahrnehmung von professioneller Unterstützung zu weit gefasst werden. Mit der Folge, dass der Einzelne u.U. seine Selbstwirksamkeit und sein Vertrauen in diese einschränkt.
„Es muss Beratung geben“, unterstreicht Schneider. „Aber wir dürfen nicht alles zu professionellen Problemen definieren und somit Menschen bedürftig und abhängig machen“. Über diese Prozesse werden nach Meinung des Experten zu oft soziale Probleme in medizinische umgewandelt. „Dieses Phänomen ist auch bei den Renten wegen verminderter Erwerbsfähigkeit zu beobachten“, sagt Schneider. So liege der Anteil von Frühberentungen im Jahr 2013 wegen psychischer und psychosomatischer Erkrankungen bei 43 Prozent. Wegen körperlicher Leiden erfolgten Frühberentungen in der Regel drei Jahre später. Und wenn dieses Phänomen kritisch reflektiert werden würde, zeige sich doch häufig, dass es primäre soziale Problemstellungen – z.B. Langzeitarbeitsslosigkeit – seien, die über Diagnosenstellungen und oftmals nicht angezeigten Therapien in die „Sprache“ der Medizin übersetzt werden würden. In diesen Fällen wäre oftmals eine kompetente Beratung zur Unterstützung der Betroffenen bei der Bewältigung der mit ihrer sozialen Situation verbundenen Schwierigkeiten angezeigt.