Auf ihren Bummel durch die Erlanger Innenstadt hat sich Hilde M. sehr gefreut. Mit dem Bus zum »Hugo«, und dann mal sehen, was die Geschäfte für den Geburtstag ihrer Tochter zu bieten haben, so sah ihr Tagesplan aus. Doch als die 74-Jährige am Hugenottenplatz aus dem Bus aussteigt, macht sich plötzlich ihre schwache Blase bemerkbar. Ein »stilles Örtchen« ist aber weit und breit nicht in Sicht. Hilde M. fährt umgehend mit der Linie wieder nach Hause. Die Shopping-Tour fällt aus.
»Die ›nette Toilette‹ ist leider noch nicht umgesetzt«, bedauert Helga Steeger vom Seniorenbeirat der Stadt Erlangen. Wie es anders geht, zeigt Fürth: Dort signalisieren knallrote Aufkleber an manchen Geschäften, dass man bei deren Toilette kostenlos benutzen darf.
Erlangen ist von solchem Service weit entfernt. Nicht einmal ein öffentliches WC direkt am Erlanger Hugo ist zu finden. Und wie steht es mit einem Behinderten-WC an einem der belebtesten Plätze der Stadt? Nur wenige Meter vom Busbahnhof entfernt, gleich hinter einem der Kioske vor der Sparkasse, ist ein Behinderten-WC geplant, sagt Steeger. Doch es gibt Probleme: Die deutsche DIN-Norm erfordert, dass »Behindertentoiletten beidseitig anfahrbar« sein müssen, erläutert der Behindertenbeauftragte der Stadt Erlangen, Thomas Grützner.
In Sachen Barrierefreiheit hat Erlangen also noch einige Aufgaben zu erledigen. Doch generell lobt Helga Steeger die Kommune: »Es wurde schon sehr viel getan, man ist gut vorangekommen.« Zum Beispiel beim Absenken von Bordsteinkanten. »Hier gibt es kaum noch Defizite«, sagt Behindertenbeauftragter Grützner, der die Interessen von Rollstuhlfahrern, Seh- und Hörbehinderten oder Menschen mit psychischer Erkrankung vertritt.
Bürgersteige sind oft zugeparkt
Auch bei der Anzahl der Behindertenparkplätze habe die Stadt ihr Soll erfüllt, sagt Thomas Grützner. Seiner Meinung nach sei hier Kritik verfehlt. »Behindertenparkplätze gelten bundesweit für einen bestimmten und festgelegten Personenkreis«, erläutert er. Wer auf einem solchen Parkplatz parken wolle, benötige in seinem Behindertenausweis den Eintrag »aG«, das für »außergewöhnliche Behinderung« steht. »Menschen, die in ihrem Ausweis knapp das ›aG‹ verfehlen, haben dann Schwierigkeiten«, weiß Grützner.
»Barrierefreiheit ist für uns ein Thema«, bekräftigt der Erlanger Planungs- und Baureferent Josef Weber und bekennt offen: »Wir haben bei Sanierungen noch Dinge aufzuarbeiten.« Denn Weber weiß auch, dass der öffentliche Raum begrenzt ist und deswegen Schwierigkeiten auftreten. Zum Beispiel beim Thema Gehwege, die ausreichend breit sein sollten. Allzu oft sind die Bürgersteige zugeparkt, so dass weder ein Rollstuhl oder ein Rollator noch eine Mutter mit einem Kinderwagen durchpassen. Gemäß eines Stadtratsbeschlusses müsse dort, wo Autos parken, ein 1,20 Meter breiter Gehweg freigehalten werden. Das klappt nicht immer. »Derzeit wird überprüft, welche Straßen es betrifft und wie hoch dort die Frequenz von Rollatoren und Kinderwagen ist«, sagt Weber.
Auf der Erlanger Agenda steht außerdem das Thema Induktionsanlagen für Hörgeschädigte. »Auch das ist für mich Barrierefreiheit, indem Schwer- und Schwersthörige am öffentlichen Leben teilnehmen können«, sagt Helga Steeger vom Seniorenbeirat. Mit Induktionsschleifen, die den Ton direkt an ein Hörgerät senden, befinde man sich »ziemlich am Anfang«. Eine freiwillige Selbstverpflichtung der Stadt besagt, dass zum Beispiel Säle, die über Veranstaltungstechnik verfügen, entsprechend nachgerüstet werden, damit Hörbehinderte nicht leer ausgehen. So wurden bereits im Theater, im Ratssaal oder im Bürgerhaus Röthelheimpark sowie in unterschiedlichen Kirchen solche Schleifen installiert.
Baureferent Weber verweist dabei auf aktuelle Baumaßnahmen: »Im Februar wurden im kleinen Sitzungssaal des Rathauses Induktionsschleifen montiert.« Aus Helga Steegers Sicht müsse die Stadt zusätzlich zum Beispiel Kinobesitzer »besser aufklären«, damit Hörbehinderte in den vollen Genuss von Kinofilmen kommen.
Mit dem Innenstadtplan »Erlangen barrierefrei« für Rollstuhlfahrer, Blinde und Sehgeschädigte, der kürzlich in seiner vierten Auflage erschienen ist, können sich Ältere und Behinderte gut orientieren.
Ilona Hörath
Foto: Mile Cindric