Lesen bildet und unterhält. Foto:epd

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Rätsel um Tante Inge
Walter, pensionierter Finanzbeamter, Ehemann von »Tante Inge«, 64, versteht die Welt nicht mehr. Warum muss sie jetzt unbedingt weg? Warum braucht sie Zeit für sich selbst? Und warum gibt sie keine konkrete Erklärung? Es ist doch gemütlich im Dortmunder Reihenhaus, findet er. Regelmäßiger Tagesablauf, viel Zeit für die Sportschau und zur Abwechslung ein interessanter Vortragsabend über Krankheiten im Alter. Seine Frau sieht das offenbar anders. Sie packt ihre Koffer und fährt nach Sylt, wo sie ihre Kindheit und Jugend verbracht hat. Hier, an Ort und Stelle, jetzt oder nie, will sie ihr Leben umkrempeln.
Wie »Tante Inge« das anstellt, erzählt die erfolgreiche Autorin Dora Heldt mit Tempo und Witz. Sylt-Fans kommen voll auf ihre Kosten: Das turbulente Geschehen spielt sich sozusagen an Originalschauplätzen ab, denn die Autorin kennt die Insel wie ihre Westentasche; sie ist hier geboren. Die reichlich überdrehten Darsteller dieser Sommerkomödie tummeln sich zwischen Westerland und Wenningstedt, Hörnum und List und geben in spritzigen Dialogen ihre Meinung zu Tante Inges Vorhaben zum Besten. Die merkt sehr schnell, dass die lieben Verwandten auf Sylt nicht weniger nervtötend sind als Walter, der in Dortmund zurückgebliebene Gatte. Aber standhaft bleibt sie bei ihren Plänen und glaubt an ihre Chance. Denn, so lässt sie ihre Nichte wissen: »Erwarten Leute in deinem Alter eigentlich, dass wir Älteren einfach still im Sessel sitzen, bis wir zur Seite wegkippen? Glaubt ihr, dass wir mit allem durch sind? Nein, mein Kind, das sind wir noch lange nicht.«
Das Rätsel um Tante Inges Geheimnis lässt sich in dieser leichthändig erzählten Geschichte vergnüglich an einem entspannten Lesenachmittag entschlüsseln.
Brigitte Lemberger
Dora Heldt: »Tante Inge haut ab«. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009, 12,90 Euro. Auch als Hörbuch (CD) erhältlich.
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cover_babberlababbÄgtschen, los
Konrad Biller, der Nürnberger Poet mit Faible fürs Hintersinnige, hat rechtzeitig zum Herbst einen neuen kleinen Gedichtband vorgelegt. »Babberlababb« nennt sich die jüngste Sammlung satirischer Verse, die der treuen Gemeinde Billers wiederum Vergnügen bereiten wird. »Ägtschen los« heißt das Kommando, des weiteren geht es um »Küchenschaben im Weltraum« oder Volkslied-
überarbeitungen unter dem mitreißenden Titel »Schöner Arsch im treuen Wald« und manch‘ anderes komisch Verdrehte. Reizvoll und treffend illustriert hat die (selbst)-ironischen Reime auch diesmal Maler und Grafiker Manfred Schaller, seit Jahren künstlerischer Begleiter des fränkischen Dichters. Quatsch mit Tiefgang, sozusagen.
Konrad Biller: »Babberlababb«. Satirische Gedichte, Projekte-Verlag Cornelius GmbH, Halle, (www.projekte-verlag.de, oder Tel. 0345/6865665), 10,,50 Euro
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cover Moyes_Ein_ganzes_halbes_Jahr_ISBN9783499267031Ganz große Gefühle
Ein Liebesroman…? O ja, und was für einer. Er enthält alles, was sich Leser für diese Gattung Literatur wünschen: Herz und Schmerz, grausames Schicksal und große Gefühle. Kitschig muss es deshalb trotzdem nicht sein. Die Engländerin Jojo Moyes macht es vor mit »Ein ganzes halbes Jahr«, einem Roman, der es auf Anhieb auf Platz 1 der Kultur Spiegel-Bestsellerliste schaffte. So flüssig geschrieben, so spannend ist die Geschichte, dass man am liebsten der Versuchung nachgeben möchte, mal schnell auf den letzten Seiten nachzuschauen, wie die Story endet. Es geht um den attraktiven jungen Manager Will, den ein schrecklicher Verkehrsunfall in den Rollstuhl zwingt. Lou, eine unerfahrene junge Frau, die mit ihrem Leben nicht allzu viel anzufangen weiß, wird von den Eltern des Querschnittgelähmten engagiert, um ihn zu versorgen und abzulenken. Denn Will hat nur einen Wunsch: Er möchte sterben. Es kommt, wie es kommen muss. Die beiden jungen Leute entwickeln starke Gefühle füreinander, und Lou will nichts so sehr, wie ihrem Patienten den Lebenswillen zurückzugeben. Denkt man beim Lesen auch oft an das Buch von Philippe Pozzo di Borgo »Ziemlich beste Freunde«, ist Jojo Moyes Bestseller dennoch ein eigenständiger Roman, der, leichthändig geschrieben, doch eine ernste Frage aufwirft. Lesefutter für lange Wintertage.
Jojo Moyes: »Ein ganzes halbes Jahr«. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2013, € 14,99
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cover ho¦êftmannShaaaalooom!
Frisch und unbefangen berichtet Katharina Höftmann, Jahrgang 1984, über das Leben im »Holy Land«. »Guten Morgen, Tel Aviv« überschreibt sie ihre Geschichten, die sich einmal nicht um die hohe Politik, sondern um den ganz banalen Alltag normaler Bürger drehen. Die Autorin, die nach einem Studium an der Berliner Humboldt-Universität eine berufliche Tätigkeit in Israel aufnahm, sich dort verliebte und heute mit ihrem Lebensgefährten in Tel Aviv lebt, informiert uns Leser auf heitere Art über Gewohnheiten, Macken und Eigentümlichkeiten der Bewohner eines Landes, das wir auf diese spezielle Art kaum kennengelernt haben. Wir erfahren unter anderem etwas über die Beziehung der Israelis zu Kühlschränken, über die Parallelwelt der Orthodoxen, über den Handyolismus oder das Bauchtanztrauma. Als Kolumnistin der viel gelesenen Tageszeitung »Israel Hayom« hat sich Katharina Höftmann in ihrer Wahlheimat einen Namen gemacht. In Deutschland erschienen einige ihrer in dem Buch veröffentlichen Texte bereits in ihrem Blog der »Welt Online«.
Katharina Höftmann: »Guten Morgen, Tel Aviv«, , Geschichten aus dem Holy Land, Wilhelm Heyne Verlag München 2011, Heyne Taschenbuch 60209; € 8,99
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nue_kriminelle_tour.inddMord in Nürnberg
Nürnberg ist ein unsicheres Pflaster. Praktisch an jeder Ecke ereignet sich ein Mord, passiert etwas Dunkles, Unheilvolles. Da liegt etwa ein nackter toter Mann am Schönen Brunnen oder eine seriöse ältere Dame erleidet einen tödlichen Unfall  auf den steilen Stufen zum Nassauer Keller. Das Unheil ist allgegenwärtig, zumindest literarisch. »Nürnberg auf die kriminelle Tour« heißt die Anthologie aus der Reihe »Nürnberg Krimis« des Wellhöfer-Verlags, die 2012 erschien. 29 Autoren und vorwiegend Autorinnen lassen ihrer finsteren Phantasie freien Lauf und kommen äußerst schlau mysteriösen Todesfällen auf die Spur. In den »Schreibaffären«, ebenfalls eine Sammlung von Kurzgeschichten, die in und um Nürnberg herum spielen, geht es den Verfasserinnen und Verfassern nicht ausschließlich um Mord und Totschlag, sondern auch um andere merkwürdige Geschehnisse. Interessant vielleicht für andere Personen der schreibenden Zunft ist die Beschreibung der Lösung einer Schreibblockade oder die Warnung an alle Lyriker, möglichst keine schlechten Verse zu verfassen. Dann droht womöglich ein gräßlicher Tod. Art&words, der Verlag für Kunst und Literatur in Nürnberg, hat die »Schreibaffären« in diesem Jahr veröffentlicht. Mitherausgeberin ist auch hier Ursula Schmid-Spreer, die damit bereits ihre 15. Anthologie vorlegt. Die rührige Organisatorin, übrigens Mitglied bei den »Mörderischen Schwestern«, einer bundesweit agierenden Vereinigung Krimi-schreibender Frauen, ist aktiv verbunden mit dem literarischen Geschehen der Stadt, da sie u.a. die Nürnberger Autorentreffen organisiert. Ihre fränkische Lesergemeinde freut sich in der Regel schon auf jede neue Publikation, denn Spannung und Witz sind garantiert, der stete Bezug zu Nürnberg »das Salz in der Suppe«.
Anne Hassel, Ursula Schmid-Spreer (Hrsg.): »Nürnberg auf die kriminelle Tour«. Wellhöfer Verlag, Mannheim, 2012, € 11,90
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Maßlose Liebe
Der Autor Peter Schneider ist schon in den Siebzigern, als er endlich den Karton öffnet, den er seit vielen Jahren bei jedem Umzug mit sich herumschleppt, dessen Inhalt er jedoch niemals zur Kenntnis nehmen wollte. Darin: Die Briefe seiner längst verstorbenen Mutter. Es sind Liebesbriefe, die die junge Frau, Gattin eines Komponisten und Dirigenten und Mutter von vier Kindern, an ihre Geliebten richtete. Sie schrieb wie besessen, sowohl was die Zahl ihrer Briefe als auch deren Inhalt betrifft. Ihre leidenschaftlichen Gefühle für den Freund ihres Mannes, ebenfalls Dirigent, Regisseur und Intendant, offenbart sie nicht nur dem meist in der Ferne weilenden Liebhaber, sondern schreibt darüber auch ihrem Ehemann, der von dieser Verbindung nicht nur weiß, sondern auch über alle Höhen und Tiefen dieser Beziehung informiert wird. Von anscheinend unbeirrbarer Liebe zu seiner Frau erfüllt, nimmt er die Tatsachen als gegeben hin, auch, als sich seine Frau, enttäuscht von der Gleichgültigkeit des maßlos Geliebten, anderen Männern zuwendet. In der Unbedingtheit ihrer Ansprüche scheint das Scheitern jeder Verbindung vorprogrammiert. Daneben funktioniert die »Muttermaschine«, wie sie sich selbst einmal bitter bezeichnet, trotz schwierigster Umstände in den Kriegswirren so gut es geht. Sie, die häufig Leidende, schafft die Flucht aus Sachsen mitsamt ihrer Kinderschar. Auf Umwegen erreicht sie das bayerische Grainau, wo sie Unterschlupf findet. An diese Zeit erinnert sich der Autor Peter Schneider noch sehr genau. So schieben sich seine Kindheitserlebnisse zwischen die manchmal beklemmende Geschichte seiner Mutter, die kaum bemerkt, wie ihre Kinder ihr entgleiten. Es ist der Frühling des Jahres 1950, als die Mutter ihren Ehemann, der als Dirigent in Hannover arbeitet, besucht. Als Todkranke wird sie in eine Klinik gebracht, einige Wochen später stirbt sie. Wie es heißt, an Leberzirrhose, wie der Sohn meint, an tiefer Erschöpfung und gebrochenem Herzen. Ein befremdliches, faszinierendes Buch.
Peter Schneider: »Die Lieben meiner Mutter«., Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013, € 19,99
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Cover_Herzlichen-Glu¦êckwunsch-Sie-haben-gewonnenTurbulente Kaffeefahrt
Heinz und Walter, zwei ältere Ehemänner aus Sylt, fühlen sich geschmeichelt. Man hat sie ausgewählt, zu einem kleinen, ausgewählten Kreis wohlsituierter Senioren zu stoßen, der in den Genuß einer exklusiven Wochenendreise zum paradiesischen Ostseestrand kommen soll. Und zwar gratis. »Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen«  überschreibt Erfolgsautorin Dora Heldt ihren neuesten Roman, der wiederum verspricht, wie seine Vorgänger einen führenden Platz in den deutschen Buch-Hitlisten zu erobern. In gewohnt spritziger und flotter Tonart schildert Heldt, in welche Turbulenzen die beiden Herren zusammen mit ihren Mitreisenden geraten. Was der Leser längst geahnt hat, bewahrheitet sich: Das Ganze ist ein Riesenschwindel, der sich dank der kriminaltechnischen Talente der zwei  Sylter selbstverständlich lückenlos aufklärt. Dank der treffsicheren Dialoge und der augenzwinkernden Darstellung der handelnden Personen ist das Buch gut geeignet für ein kurzweiliges Lesevergnügen an einem verregneten Nachmittag auf der Couch.
 Dora Heldt, »Herzlichen Glückwunsch, Sie haben gewonnen«, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2013, € 17,90

Alle Texte von Brigitte Lemberger