Südfriedhof

Verwittert: Das Kindergrab ist nur an den Figuren zu erkennen. Foto: Michael Matejka

Wenn Johanna Schiller (Name geändert) zum Grab ihrer Eltern, Groß- und Urgroßeltern auf dem Nürnberger Südfriedhof geht, dann sieht sie sich jedes Mal als achtjähriges Kind an der Hand ihrer Großmutter. “Die Bilder von den regelmäßigen, gemeinsamen Spaziergängen hierher und durch die engen Gräberreihen tauchen dann in meiner Erinnerung auf.” Das Einpflanzen der Geranien, das Säubern der Grabumrandung, die Erzählungen der Oma vom Sohn, der im Krieg gefallen war, von ihrem Mann, Johannas Opa, der hier liegt. Es sind so viele Eindrücke, die der heute 69-Jährigen in diesem Moment in den Sinn kommen. Und wenn die Oma dann nach getaner Grabpflege schweigend vor dem Grabstein stand, die kleine Johanna an der einen, die Gießkanne in der anderen Hand, entstanden für die Enkelin, heute selbst Oma von zwei Enkelsöhnen, unauslöschliche Erinnerungen.
Starke Wirkung
Doch hat ein Friedhofsbesuch immer noch diese starke Wirkung? Welche Bedeutung hat er für die Menschen?
“Kein Zweifel: Auch Friedhöfe, und damit auch die Grabkultur, befinden sich im Wandel”, schildert der Leiter der städtischen Friedhofsverwaltung in Nürnberg, Günther Gebhardt, seine Erfahrung. Ohne sich dem Zeitgeist zu unterwerfen, geht man in der Friedhofsverwaltung mit der Zeit, reagiert nicht nur auf die Bedürfnisse und Gegebenheiten der Bevölkerung, sondern macht selbst Angebote. In ansprechender und übersichtlicher Aufmachung bietet die kleine Broschüre “Friedhofswegweiser” einen Katalog von Bestattungsmöglichkeiten an.
Unsere mobile Gesellschaft wirke sich eben auch auf die Friedhofskultur aus, meint der 62-jährige Gebhardt. In Kurzfassung: Schule in Nürnberg, Studium auswärts, Berufsleben ebenfalls in einer anderen Stadt, “doch die Gräber der Angehörigen bleiben hier.”
Es sind vorwiegend Senioren wie Johanna Schiller, die sich in traditioneller Weise um die Pflege des Grabes kümmern. Auswärtige Angehörige, denen überhaupt noch etwas an einer Grabstätte liegt, sind deshalb dankbar für eine pflegefreie Ruhestätte. Sei es, dass die Urne wie im Urnenhain des Nürnberger Südfriedhofs unter Ginkgobäumen bestattet wird und sich die Asche des Toten mit den Jahren mit der Erde verbindet, sei es eine Baumbestattung, bei der 16 Urnen im Kreis um einen Baum herum in der Erde versenkt werden und eine zentrale Stele Name, Sterbedatum und Baumnummer der Verstorbenen enthält.
“Gleichwohl”, sagt Gebhardt, “kann man daraus  nicht auf einen zunehmenden Trend zur Urnenbestattung schließen.” Es habe nur marginale Veränderungen im Verhalten der Hinterbliebenen gegeben. Schon immer überwogen auf den städtischen Friedhöfen mit einem Anteil von zwei Drittel die Urnenbestattungen.
Andere Erfahrungen machen da beispielsweise die kirchlichen Friedhöfe und die Gottesäcker in kleineren Städten wie Schwabach. Angelika Becker von der Friedhofsverwaltung in der Goldschlägerstadt: “Hatten wir vor etwa zehn Jahren noch 70 Prozent Erd- und 30 Prozent Urnenbestattungen, so hat sich das Verhältnis fast umgekehrt.” Im Jahr 2012 verzeichneten die Schwabacher auf ihren beiden Friedhöfen 43 Prozent Erd- und 57 Prozent Urnenbestattungen. “Vielen fehlt das Geld”, weiß die 49-jährige Becker, Geld für Anschaffung und Unterhalt eines Grabes. “Und vor allem ältere Menschen schaffen aus gesundheitlichen Gründen die Pflege nicht mehr.” Die Folge: Die Zahl der Auflassungen steige. Bis es freilich soweit komme, sei oft ein nicht unerheblicher Verwaltungsaufwand nötig. Die Suche nach Angehörigen gleicht vielfach einem kriminalistischen Marathon.
Auch die kirchlichen Friedhöfe stellen einen Trend zur Urnenbestattung fest. Matthias Müller, verantwortlich für die Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus in Nürnberg, registriert immer häufiger eine “Rückgabe des Grabrechts nach Ablauf des Nutzungs-rechts”. So seien auf dem Johannesfriedhof derzeit etwa 300 und auf dem Rochusfriedhof um die 500 Grabstellen frei. Wer allerdings auf einem dieser Friedhöfe eine letzte Ruhestätte wünsche, müsse einer christlichen  Konfession angehören.
Nach Südosten ausgerichtet
Dergleichen Auflagen gibt es für die zehn städtischen Friedhöfe nicht, die rund 90.000 Gräber auf einer Fläche von 125 Hektar beherbergen. So existiert auf dem Südfriedhof ein eigens für Muslime gestaltetes Gräberfeld, wo sie nach ihren religiösen Vor-schriften die Verstorbenen in Gräbern, die nach Südosten ausgerichtet sind, bestatten können.
Ab diesem Herbst planen Gebhardt und seine rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf dem Westfriedhof auch die Anlage pflegefreier Erdgräber. Und wenn Gräber nach Ablauf der Ruhefrist und einer nicht mehr gegebenen Verlängerung eingeebnet würden, so werde die Fläche auch dazu verwendet, um die Wege für Rollstuhlfahrer und Senioren zu verbreitern, die mit einem Rollator zu einem Grab gelangen wollen. Bis ein Gräberfeld allerdings leer sei, dauere es bis zu 50 Jahre, versichert Gebhardt.
Eines haben indes alle in Friedhofsverwaltungen Tätigen festgestellt: Sterben und Tod und damit der Gedanke an eine, auch die eigene letzte Ruhestätte, sind in unserer Gesellschaft durchaus wieder ein Thema. Günther Gebhardt: “Friedhöfe sind eben auch Orte für die Lebenden und nicht nur für die Toten.”
Günter Dehn