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Ich weiß, was Armut heißt

Manfred Schönfelder und sein Verein helfen seit 25 Jahren Notleidenden in Rumänien. Sein Verein" Maranath, Hoffnung durch Hilfe" zählt 45 Mitlgieder und hilft Bedürftigen in diesem südosteuropäischen Land seit zwölf Jahren - auch diese Jahr.

Manfred Schönfelder weihnachtet es schon seit Wochen. Seit Anfang November treffen bei ihm und seinem Team immer mehr Päckchen ein. Sie kommen aus Kindergärten und Schulen im Erlanger und Forchheimer Raum. Spiel- und Schulsachen, Hygieneartikel sowie Süßigkeiten liegen darin. Kleinigkeiten nur. Und doch: Die Mädchen und Jungen in Rumänien, für die die Gaben bestimmt sind, werden wieder leuchtende Augen bekommen.
Ziel der Fahrt ist das kleine Städtchen Carei (Groß-Karol) mit rund 22.000 Einwohnern im Nordwesten Rumäniens, gleich hinter der ungarischen Grenze, etwa 1100 Kilometer entfernt von Franken. »In diesem Jahr werden wir zum ersten Mal nicht nur die Jüngsten beschenken, sondern auch mindestens 100 Menschen in Altenheimen«, sagt Manfred Schönfelder.
Der ehemalige Busunternehmer aus Hagenau, einem Stadtteil von Baiersdorf im Landkreis Erlangen-Höchstadt, ist der 1. Vorsitzende des Missionsvereins »Maranatha, Hoffnung durch Hilfe«. Schönfelder hat den gemeinnützigen, überkonfessionellen Verein vor zwölf Jahren ins Leben gerufen. Heute zählt er 45 Mitglieder und etwa 300 Missionsfreunde und Förderer; seit 2008 existiert eine rumänische Niederlassung des fränkischen Vereins. »Maranatha« – der Name geht auf einen Ausruf zurück, den wohl schon die frühen Christen benutzten und dessen mögliche Bedeutung »Jesus kommt wieder« lautet.
Bis zu fünf Mal im Jahr bringen die Franken tonnenschwere Container mit Kleidung und neuerdings auch Fahrräder und Nähmaschinen nach Carei und Umgebung. Im zurückliegenden Jahr gelang es dank der Unterstützung von Erlanger Kliniken, einen 25-Tonnen-Lastwagen komplett mit Krankenhausbedarf zu bestücken. Die Fracht bestand aus ausrangierten Betten mit Nachtkästen, Gehwagen und Rollstühlen.
Acht bis zehn Tage dauert die Fahrt jedes Mal. Zum Verteilen mussten lange ein mehr als 20 Jahre alter, umgebauter Bus und eine Zugmaschine mit Hänger herhalten. Seit dem Jahr 2009 gibt es zwei VW-Busse.
Ob er stolz ist auf das Erreichte? »Stolz – das Wort benutze ich nicht. Ich bin dankbar, dass ich die Arbeit machen konnte. Wir helfen den Ärmsten der Armen«, sagt der 79-Jährige.
Rumänien ist seit 2007 EU-Mitglied, trotzdem gilt es als Armenhaus Europas. Altersrenten übersteigen häufig 50 Euro nicht. »Vor drei Jahren«, berichtet Schönfelder, »hörten wir von einer Frau, die mit ihrem drei- oder auch vierjährigen Kind in einem Schweinestall lebte. Die Frau war wieder schwanger. Der Winter kam. Sie gebar das Baby. Es erfror. Es gab keinen Ofen. Wir hätten ihn besorgt, aber es war zu spät.« Es herrscht an vielen Stellen große Not. Schönfelder erzählt von Leprakranken, die in Hütten vegetieren und nicht ärztlich behandelt werden, und von jenen 28 Menschen, die in einem ehemaligen Gefängnis hausen unter Bedingungen, die man sich in Deutschland nicht vorstellen kann. Er berichtet von einer betagten Frau, einer ehemaligen Professorin, die unter kommunistischer Herrschaft verfolgt worden ist. »20 obdachlose Mädchen hat sie von der Straße geholt. Das war mitten im Winter. Für diese Mädchen haben wir Schuhe mitgenommen. Erst kürzlich haben wir noch ein Bett kaufen können.«
Bereits zu Zeiten des kommunistischen Diktators Nicolae Ceausescu, im Kalten Krieg, ist Manfred Schönfelder nach Rumänien gefahren. Anfangs unternahm er die Touren an der Seite eines rumänischen Pastors von der Initiative »Brüderliche Hilfe im Osten«. Schönfelder hatte den Geistlichen in Forchheim kennen gelernt. Dessen Worte über die Zustände in der Heimat hatten ihn tief erschüttert. Als der Pastor dann nach Amerika ging, hat Schönfelder begonnen, seine eigenen Busse zu beladen. »Ich bin geprägt. Ich war noch ein Kind, als ich zuschauen musste, wie mein Vater verhungerte. Ich weiß, was Armut heißt«, sagt er.
Auch wenn Manfred Schönfelder der Dreh- und Angelpunkt des Vereins ist, es gibt eine ganze Reihe von Mistreitern, wie etwa Walter Ankenbrand (72) aus Wiesenthau. Der 2. Vorsitzende, der seit sieben Jahren dabei ist, sagt über den Verein: »Maranatha lautet der offizielle Name, aber tatsächlich ist es der ›Verein Schönfelder‹.« Seit fünfeinhalb Jahren ist Eliane Siegel dabei, die man im Verein nur »die liebe Frau Siegel« nennt. Die 60-Jährige sortiert mit einem kleinen Kreis von etwa zehn Frauen, die sie sozusagen gleich mitgebracht hat, regelmäßig die gespendeten Kleidungsstücke und packt sie in Bananenkartons. »Spezialität des Hauses«, scherzt Eliane Siegel. Die gebürtige Französin hat nach und nach auch den Schriftverkehr des Vereins übernommen.
Einer dieser Texte, die im Internet veröffentlicht werden, stellt Familie R. aus Carei vor: Der Vater ist halbseitig gelähmt und deshalb Frührentner. Die Mutter hatte einen Tumor im Kiefer, ein Teil davon und die Zunge sind entfernt worden. Die Ernährung gestaltet sich schwierig. Das Einkommen der fünfköpfigen Familie beträgt 230 Euro. Ihr Haus hat zwei Zimmer, kein fließend Wasser, die Wände schimmeln. Es ist dringend renovierungsbedürftig. Der Verein hilft, so gut er kann, mit seinem kleinen Budget.
 
Miteinander weinen
»Es ist der Tropfen auf den heißen Stein«, gibt Manfred Schönfelder zu. »Aber das Geld für die Operation der von Geburt an kranken jungen Frau, das Baumaterial für das einsturzgefährdete Haus, der deutsche Pate für das rumänische Waisenkind – viele Tropfen füllen auch einen Eimer!«, gibt Schönfelder zu bedenken. Er hat stets ein offenes Ohr für die Sorgen der Menschen und verfolgt ihre Schicksale über viele Jahre hinweg. Es gebe Situationen, in denen sie nicht mehr sprechen können und miteinander weinen. Neuerdings verfolge ihn das Elend bis in den Schlaf, gesteht der Vater von vier erwachsenen Kindern und ebenso vielen Enkelkindern.
Seiner Familie, besonders seiner Frau Brigitte, hat er durch sein großes Engagement einiges zugemutet. »Es ist ein Vollzeitjob! Aber sie hat ihn immer mitgetragen. Jetzt ist sie krank und braucht mich. Ich muss mehr für sie da sein.« Er selbst hat sich im vergangenen Jahr einer schweren Krebsoperation unterziehen müssen. »Wirklich, ich muss endlich kürzer treten«, sagt er. »Ich kämpfe ja seit Jahren für einen Nachfolger. Aber ganz aufhören? Nein! Erst wenn ich nicht mehr kann.«
 
Text: Ute Fürböter
Fotos: Mile Cindric

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