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Wenn bei Ute Frenzel (*) morgens um sechs das Telefon klingelt, dann ahnt die Nürnbergerin schon, dass wieder einmal ihre Hilfe benötigt wird. »Kannst Du mit dem nächsten ICE kommen?«, fragt da ihre in München lebende Tochter. Die sechsjährige Enkeltochter habe die ganze Nacht gehustet und müsse zum Arzt. Weil die junge Mutter in ihrer Arbeit einen wichtigen Termin hat, kann sie selbst nicht zu Hause bleiben. Jetzt muss die Oma ran. Ute Frenzel macht sich rasch fertig, fährt zum Bahnhof und nimmt den Zug. In München wird sie mit der kleinen Enkelin zum Kinderarzt gehen und sich dann mit ihr den ganzen Tag beschäftigen. Erst am Abend gegen neun Uhr kehrt die Großmutter in ihre Wohnung zurück.
Nicht immer müssen Großeltern so spontan und flexibel sein. Aber wenn sich bei einem jungen Paar ein Baby ankündigt, dann beginnt auch für die werdenden Großeltern ein neuer Lebensabschnitt. Und immer häufiger beobachten Oma und Opa nicht nur aus der Ferne, wie ihre Enkel langsam groß werden, sondern sie werden aktiv und regelmäßig in den Alltag der jungen Familie eingebunden. Denn seit die meisten jungen Mütter nicht mehr automatisch ihren Beruf aufgeben und zu Hause bleiben, muss die Betreuung der (kleinen) Jungen und Mädchen organisiert werden. Da vertrauen viele Paare den eigenen Eltern. Großeltern übernehmen heutzutage mehr Erziehungsaufgaben als noch vor 30 oder 40 Jahren und sind für ihre Enkel wichtige Bezugspersonen. Jedes zweite Kind gab bei einer Umfrage der Zeitschrift eltern family an, nicht nur von den Eltern, sondern auch von den Großeltern erzogen zu werden.
Da bleiben Konflikte nicht aus, weiß Sozialpädagogin Gerlinde Knopp von der Stadtmission Nürnberg, die gemeinsam mit dem Psychologen Johannes Werkshage das Großelternseminar »Oma und Opa erziehen mit« leitet. Denn erwachsene Kinder übernehmen heute nicht mehr einfach die Ansichten ihrer Mütter und Väter, sondern schaffen sich eigene Lebenswelten, die »nicht mehr so vorgefertigt sind«, wie es früher häufiger der Fall war. »Verbindliche Werte sind nicht mehr vorgegeben«, sagt Knopp. Solange jeder sein eigenes Leben führt, funktioniert das mehr oder weniger gut. Wenn aber Enkel auf der Bildfläche erscheinen, prallen die unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander. Hinzu kommt, dass junge Eltern häufig ganz andere Erwartungen an Großeltern haben als diese dann erfüllen können.
»Wir möchten die Großeltern stärken«, beschreibt Sozialpädagogin Knopp das Ziel des Seminars, das die Stadtmission seit rund eineinhalb Jahren im Programm hat. Die ältere Generation verfügt über viel Lebenserfahrung und hat schließlich selbst einmal Kinder großgezogen. Oma und Opa haben Kenntnisse, die sie an ihre Enkel weitergeben und deren Leben bereichern können.
Doch wie sehr möchte ich mich überhaupt in der Erziehung engagieren?, fragen sich viele Ältere. Mancher ist froh, wenn nach Beruf und Kinderphase endlich einmal Zeit für die eigenen Interessen vorhanden ist. Da kommen Enkel unter Umständen ungelegen. Bei Rosemarie Müdsam aus Wilhermsdorf im Kreis Fürth war dagegen ganz klar, dass sie für ihre Enkel da sein wollte. Die frühere Landwirtin empfindet es bis heute als Schande, dass sie für ihre eigenen drei Kinder vor lauter Arbeit nie Zeit hatte. Jetzt möchte sie ihrem Sohn, der mit Familie bei ihr im Haus wohnt, gerne helfen. Nachdem ihr zuweilen die Grenzen aufgezeigt wurden, hat sie sich nun angewöhnt erst zu fragen, ob ihre Unterstützung gebraucht werde.
Die Betreuung der Kleinen ist oft gar nicht so einfach, und viele Großeltern merken, dass ihre Kinder ganz anders mit ihrem Nachwuchs umgehen als sie es seinerzeit taten. »Die Erziehungsstile haben sich geändert«, hat Gertraud Bender erfahren müssen. Die Witwe fährt alle zwei Monate zu ihrem Sohn und ihrer Schwiegertochter nach Schweinfurt. Dass ihr dreijähriger Enkelsohn vehement darauf bestand, sein Getränk nur mit Strohhalm einzunehmen, hat sie anfangs irritiert, und sie wollte dies eigentlich nicht zulassen. Schließlich hat sie – ein wenig widerwillig – doch nachgegeben. »Da musste ich über meinen Schatten springen.«
Die sieben Omas und zwei Opas, die sich zum Großelternseminar in den Räumen der Stadtmission an der Burgschmietstraße zusammengefunden haben, erzählen recht freimütig von den schönen und weniger schönen Seiten des Großeltern-Daseins. Das Ehepaar Geyer (*) etwa fragt sich, wie weit ihre Betreuungsaufgabe eigentlich gehen muss. Einmal in der Woche holen sie ihre siebenjährige Enkelin von der Schule ab. Nach dem Mittagessen müssen Schularbeiten erledigt werden, denn: »Die Eltern erwarten, dass ihr Kind mit gemachten Hausaufgaben zurückkommt«, erzählt Marianne Geyer. Oft gehe der ganze Nachmittag dafür drauf, und häufig gibt es Streit und Tränen, weil das Mädchen ins Heft schmiert und die Oma das Geschriebene wieder ausradiert. Die zu Kindergartenzeiten noch mit Spiel und Spaß ausgefüllten Stunden sind inzwischen mehr Belastung als Freude. »Wir sind fix und fertig, wenn die Kleine abends heimgebracht wird«, klagt sie. »Muss ich eigentlich als Großmutter die Hausaufgaben meiner Enkelin betreuen?«, möchte sie deshalb wissen.
Es gibt aber auch schöne Erfahrungen, die Großeltern erfüllen und glücklich machen. Eva Kessler aus Nürnberg-Eibach pflegt zu ihrer Tochter und ihrer Familie, die zum zweiten Mal Nachwuchs erwartet, einen engen Kontakt. Den dreieinhalb Jahre alten Enkelsohn hat sie regelmäßig montags bei sich zu Hause, verbringt viel Zeit mit ihm und geht mit ihm sogar zum Kleinkinderturnen. Diese Gewohnheit zahlt sich aus. »Die Innigkeit ist gewachsen«, sagt die 63-Jährige.
Auch wenn die Berichte, was in den einzelnen Beziehungen gerade ansteht, einen großen Raum einnehmen, das Seminar soll auch konkrete Hilfen und Informationen an die Hand geben, damit Probleme gelöst werden können oder gar nicht erst entstehen. Es geht um solche Fragen: Wie setzen wir als Großeltern Grenzen – sowohl dem Enkel als auch seinen Eltern gegenüber? Was können Oma und Opa zu Gesundheit und Betreuung der Kleinen beitragen? Was kann man mit ihnen spielen? Aus welchem Erfahrungsschatz können Großeltern schöpfen?
Etliche Probleme tauchen immer wieder auf. Ärger mit der Schwiegertochter (manchmal auch mit dem Schwiegersohn) kommt in vielen Familien ebenso vor wie die Unsicherheit der Älteren, in den Haushalt ihrer Kinder einzugreifen. Oft haben Großeltern und Eltern unterschiedliche Vorstellungen in Sachen Hygiene und Ordnung. Soll man sich da besser zurückhalten oder nicht? »Früher habe ich mich eingemischt«, berichtet Marianne Geyer. Da hat sie schon mal die Wohnung ihres Sohnes und seiner Familie aufgeräumt. Inzwischen lässt sie es bleiben: »Jetzt hole ich ab und zu unser Enkelkind, damit die Schwiegertochter putzen kann.«
Beim Großeltern-Seminar der Stadtmission stoßen die Omas und Opas mit ihren Fragen und Sorgen nicht nur auf offene Ohren, sondern auch auf Verständnis. Gemeinsam überlegen sie, wie man auf Probleme reagieren und mit den eigenen Kindern darüber reden kann. Bei der Hausaufgaben-Frage waren sich die versammelten Großeltern im Übrigen einig. Es könne nicht Aufgabe der Älteren sein, sich darum zu kümmern. Das ist Elternsache.
Georg Klietz
Foto: Michael Matejka
(*) Name geändert
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Die nächsten Termine des Großeltern-Seminars der Stadtmission »Oma und Opa erziehen mit« stehen noch nicht fest, können aber erfragt werden bei Gerlinde Knopp, Tel. 0911/2175911, E-Mail: gerlinde.knopp@stadtmission-nuernberg.de
Das Seminar findet ca. zehn Mal pro Jahr in den Räumen des Seniorenzentrums am Tiergärtnertor, Burgschmietstraße 4, in Nürnberg statt. Eine Anmeldung ist erforderlich.
Lesetipp: Christiane von Grone, »Das Großeltern-Handbuch«, Gräfe und Unzer 2011, 14,99 Euro.

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