Die älteren Menschen gehen nicht so selbstverständlich mit der neuen Technik um und verstehen oft nur Bahnhof. Karikatur: Sebastian Haug
Wenn es eine Hitliste gäbe, was die Jungen an den Alten am meisten nervt, stünde an vorderer Stelle vermutlich der Satz »Früher war alles besser!« Ja klar, damals kostete ein Brötchen zehn Pfennige und an Kaisers Geburtstag war schulfrei. Aber halt, das betrifft jetzt eher die vorherige Oma-Generation, heute klingt das etwa so: »Zu meiner Zeit waren wir noch höflich und standen auf, wenn ein älterer Mensch in der Straßenbahn keinen Sitzplatz bekam.« Oder: »Wir haben uns sonntags immer fein gemacht und wären nie so schlampig aus dem Haus gegangen wie ihr heute.«
Die Reaktion auf solche Sätze ist durch die Jahrzehnte hindurch gleich geblieben. Die Jungen verdrehen die Augen oder schalten auf Durchzug, und Mama muss schnell mal schauen, ob in der Küche nichts anbrennt, während Oma erzählt. Papa hatte schon längst etwas Dringendes zu erledigen.
Nun richtet sich unser Magazin nicht an Teenies, sondern an »selbstbewusste ältere Menschen«, sodass ich meinen Beitrag zum oben genannten Thema getrost leisten kann. Beispielsweise das Reisen. Früher, wenn einen das Fernweh packte, ging man zum Bahnhof. Am Schalter verlangte man seine Fahrkarte, und die einzige Frage, die man beantworten musste, war: »Einfach oder hin-und-zurück?« Heute geht es wesentlich präziser zur Sache. Nach Bahncard, Wochenendticket, Frühbucherticket, Sparpreis und wer weiß noch was wird da gefragt.
Gepriesen sei der Fortschritt …?
In jenen vergangenen Tagen überreichte der Schalterbeamte die Fahrkarte tatsächlich persönlich und ohne Aufpreis für seine Bemühungen. Jetzt geht das so, wenigstens in unserer Stadt: Man durchquert die Vorhalle, wo die hübschen Computer stehen, und gelangt in den schönen großen Jugendstilsaal mit zahlreichen Schaltern. Brav zieht man am Eingang eine Nummer wie beim Einwohnermeldeamt und wartet, bis die Zahl an einem der Schalter aufleuchtet, zu dem man spurtet. So genau wie möglich nennt man sein Anliegen, der Beamte sucht die Verbindung heraus, alles ist geklärt und man wartet auf den Ausdruck der Fahrkarte, da kommt die Frage: »Wollen Sie die Fahrkarte am Automaten kaufen oder am Schalter bei mir?« – Nein, lieber nicht am Automaten, schießt es mir durch den Kopf, was ist, wenn ich mich vertippe? Also: »Bei Ihnen bitte.« »Das kostet aber drei Euro.« – In Gottes Namen, aber warum ???
Dieser Irrsinn, empört im Familienkreis erzählt, regt keinen auf. Im Gegenteil: »Warum buchst du deine Karte nicht einfach online?« will die jüngere Verwandtschaft wissen, die ebenso wenig kapiert, wieso kürzlich ihr Geschenk, die praktische kleine Digitalkamera, nicht auf ungetrübte Begeisterung stößt.
Weniger das Fotografieren als das Entwickeln der Bilder ist der Knackpunkt. Früher – aha, da sind wir wieder! – brachte man den vollen Film ins Fotogeschäft und freute sich, wenn man nach acht bis zehn Tagen seine Bilder in Empfang nehmen konnte. Heute ist natürlich alles »total easy«: »Pass auf, Oma. Du gehst in deine Drogerie, da stehen ein paar Automaten, an denen du deine Bilder sofort selbst entwickeln kannst. Geht schnell und ist total preiswert, du wirst schon sehen.« – Ja, das sehe ich.
Da stehe ich mit meinem Mikrochip vor dem Gerät und betrachte die Leiste unter dem Bildschirm. Lauter kleine Schlitze, unter denen folgende Abkürzungen stehen: SD/SDHC, Mini-SD, Micro-SD, Compact Flash, CF/MD, xD, MMC/RS-MMC, MS/PRO/DUO/Bluetooth, USB, Photoshop. Nach einer Weile gelingt es mir, eine hastig vorbei eilende Drogerie-Verkäuferin einzufangen, die meinen Chip blitzesschnell in den richtigen Schlitz stopft und wieder davon stürmt. Hilfsbereit steht mir nun der Computer zur Seite und gibt auf dem Bildschirm bekannt, welche weiteren Schritte ich unternehmen muss, um an meine Fotos zu kommen. Dass ich trotzdem fünf Mal neu beginnen muss, will ich jetzt lieber nicht ausführen. Neben mir steht ein älterer Herr und schaut gebannt zu. »Wissen Sie vielleicht auch, wie man Vergrößerungen macht?«, will er zaghaft wissen, und ich verweise vorsichtshalber aufs Drogerie-Personal.
Auch mit dieser Story aus meinem Seniorenleben komme ich beim Nachwuchs nicht gut an. »Warum brauchst du eigentlich noch Papierfotos? Leg dir doch in deinem PC eine Bildergalerie an. Da kommen deine Aufnahmen viel größer und leuchtender zur Geltung, und den Automaten brauchst du auch nicht mehr.«
Nein, das will ich alles nicht. Ich möchte es mir manchmal auf dem Sofa gemütlich machen und allein oder in Gesellschaft in meinen Alben blättern. Und nicht vor dem Bildschirm sitzen und ein Foto nach dem anderen »aufrufen«. Manchmal stelle ich mir vor, wie es in naher Zukunft sein wird. Statt sorgfältig geschriebener Briefe gibt es lässige E-Mails, Ansichtskarten sind megaout und Fotos aus dem Urlaub werden per Handy hin und her getauscht. Bücher liest man, wenn überhaupt, auf seinem e-book. Und eine neue Generation von Alten wird erzählen, wie es früher (also heute) war. »Gähn, gähn«, sagen dann die jungen Jungen und schalten auf Durchzug – wie gehabt.
Brigitte Lemberger

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