Manfred Ritter hat sich seinen Gartentraum erfüllt. Foto: Mile Cindric

Schließlich wird sein Blick über 40 Treppenstufen zwischen Thuja-Bäumen bergan zu einem halbrunden Scheintempelchen aus sieben Säulen geführt. Sollte er hier auf eine geheime Lust-Anlage des Egloffsteiner Fürstengeschlechts gestoßen sein?
Ein wettergeschützter Zettel am Zaun ernüchtert den Entdecker rasch, denn er weist einen Manfred Ritter als »Eigentümer und Erbauer« der Anlage aus. Herr Ritter informiert: »Ich war nicht nur Bauherr und Architekt, sondern auch Maurer und Gärtner, da ich die Anlage fast vollständig allein aufgebaut habe. Begonnen habe ich den Bau vor ca. 45 Jahren mit der oberen Treppenanlage. Danach folgten zunächst nur kleinere zusätzliche Bauwerke…«
Ein Traum ist verwirklicht
Der Wanderer steht also vor einem Neubau. Kein Barockarchitekt hat dieses Ensemble entworfen. Sein Schöpfer ist ein Jurist, der seit 1949 in Nürnberg lebt, zwei Kinder zeugte, und der seine Begeisterung für die Stilepoche der Gegenreformation und des Absolutismus an diesem Hang bei Egloffstein ausgetobt hat. Er selbst spricht von einem Traum, den er sich hier verwirklicht hat. Und wenn vor rund 45 Jahren der Grund für dieses Traumgebilde gelegt wurde, so ist es mit großer Kraft- und Eigenleistung doch erst seit dem Jahr 2003 in seinen jetzigen Zustand einer überraschenden Architekturkulisse gebracht worden.
Damals ging Manfred Ritter gerade in den Ruhestand. Der gebürtige Dresdner war bei der Autobahndirektion Nordbayern tätig und musste sich hauptsächlich mit Rechtsfragen bei Grundstücksankäufen herumschlagen. Nun wollte er das Wochenendgrundstück in Egloffstein intensiver nutzen, das seine Eltern 1955 erworben hatten. Als Jugendlicher hatte er dort eine Treppe gebaut. Und weil ihn die Kultur Roms schon immer faszinierte, hatte er links und rechts der Treppe selbst gegossene Säulen aufgestellt und oben ein Scheintempelchen hingesetzt. Seit jeher verstand Manfred Ritter unter Gartenarbeit nicht Blumenpflege und Salatanbau, sondern Raumgestaltung – vor allem mit den Handwerkskünsten eines Maurers. Die hat er sich als Autodidakt erworben.
So sah es im Jahr 2003 im Paradiesweg aus: ein Hanggrundstück von rund 2500 Quadratmeter Fläche mit der beschriebenen Treppe und einem Gartenhaus aus Natursteinen. Sonst gab es noch keine barocke Inszenierung. Aber zu diesem Zeitpunkt ist Manfred Ritter an der Wallfahrtsbasilika von Gößweinstein vorbeigekommen. Und dort tauschte man gerade die Dachvasen aus, die auf den Türmen stehen. Das waren keine barocken Originale mehr, sondern Nachbildungen aus Beton von 1962. Nun kamen wieder welche aus Sandstein nach oben, und zwei Betonvasen standen herum. Das war der Kick für Manfred Ritters Barock-Ekstase. Er wollte die Vasen unbedingt für seinen Garten haben. Er bekam sie – und sie wurden zu den Auslösern für die Umgestaltung des Ortes in das heute dort aufflammende Barock-Zitat.
Vasen auf Palettenhebern
»In diesem Garten habe ich 95 Prozent Arbeitszeit und fünf Prozent Freizeit verbracht«, erzählt Manfred Ritter. Man kann sich kaum vorstellen, wie er hier geschwitzt hat – fast immer allein am Werk. Die Vasen hat er mit Palettenhebern auf ihre Sockel gewuchtet, neue Säulen gegossen, Mauern hochgezogen. Ganz stark hat Ritter auf die Symmetrie als wesentlichem barockem Markenzeichen geachtet. Die Zeichen der Moderne sollten dem raschen Blick von der Straße entzogen werden, um die Illusion römischer Ruinenarchitektur und barocken Gartenzaubers zu erzeugen – ganz so, wie man es im italienischen Barock immer wieder findet, wo römische Ruinen und Skulpturen in die barocke Gestaltung integriert wurden.
Das Ritter’sche Gartenhaus entdeckt der Gast erst, wenn er auf die Mittelterrasse kommt, wo die Treppe an einem plätschernden Brunnen endet. »Manchmal werden hier Partys gefeiert«, berichtet Ritter. »Immer häufiger werden Hochzeitsfotos gemacht. Und ein Rockvideo wurde auf dem Gelände auch schon produziert. Aber eigentlich habe ich versucht, den Geist der römischen Geschichte für mich zu beschwören.«
Den Geist der Geschichte: Manfred Ritter hat römische Adler für seinen Garten gegossen. Er hat eine Inschrift aus dem Konstantinbogen angebracht. Die Figuren, die das Terrain beleben (Diana, Apollo, eine Quellnymphe u.a.), stammen aus der italienischen Massenproduktion für antikisierenden Gartenschmuck. Auf Echtheit kommt es Ritter nicht an. Seine Arbeit zielt auf einen überwältigenden Gesamteindruck. Der ist ihm gelungen. Und der Manierismus mit seinen übertriebenen und ausgestellten Formen gehört ja auch zum Barock. Der Barock-Traum von Egloffstein trägt durchaus manieristische Züge.
Vor allem ist es »work in progress«, eine Arbeit, die kaum ein Ende finden wird. Erfüllung im Leben eines »Ruheständlers«, Herausforderung an den Geschmack, Überraschung in dieser Landschaft, deren architektonisch sichtbare Zeichen doch hauptsächlich mittelalterliche Burgen sind. Manfred Ritter hätte gern eine Schneise in der Baumreihe zwischen seinem Garten und dem Tal, über dem die Burg der Grafen von Egloffstein aufragt. Er möchte eine direkte Sichtlinie ermöglichen. Der Gemeinderat verhält sich aber zögerlich.
Zauberer mit Betonmischer
Vielleicht gibt es die Sorge, dass Manfred Ritter ein Spinner sei. Das ist er selbstverständlich auch. Sonst könnte man so ein Gebilde nicht in Eigenleistung in die Landschaft pflanzen. Der Jurist ist ein genialer Spinner, ein schuftender Träumer, ein Zauberer mit dem Epochen-Zitat aus dem eigenen Betonmischer. Er führt gern und unentgeltlich durch den Garten, wenn man ihn anruft. Er möchte seinen Traum mit den Wanderern teilen. Und er wird selbstverständlich nicht aufhören, weiterzuträumen und weiterzubauen an seiner frankenschweizerischen Barock-Vision.
Herbert Heinzelmann
Fotos: Mile Cindric