aikifo kern_01jpgNeun Männer und zwei Frauen zwischen 30 und 50 Jahren in schwarz-weißen und weißen Übungsgewändern knien in der Turnhalle des SV Fürth-Poppenreuth auf einer Matte. Sie schauen konzentriert auf einen großen, mächtigen Mann vor ihnen. Es ist ihr Sensei, ihr Meister und Lehrer, Edmund Kern. Er winkt einen Schüler zu sich. Dann gibt er das Kommando in japanischer Sprache. Der Schüler versucht, Edmund Kern mit einem Schlag mit der Faust zu treffen. Noch im Ansatz wird er dabei wie von einer unsichtbaren Mauer durch die Abwehrbewegungen des Meisters zurückgeworfen, rollt sich in einer weichen Bewegung blitzschnell ab und greift den Lehrer erneut mit dem gleichen Schlag an. Dies wiederholt sich mehrere Male hintereinander. Sensei Kern steht wie ein Fels in der Brandung der wellenartig anrollenden Angriffe seines Schülers. Wenn man sieht, mit welch fließenden Wendungen der große und schwere Mann sie abwehrt, nimmt man ihm seine 74 Jahre kaum ab. Dabei gehört er zur Elite der Aikido-Meister in Deutschland und auch in Europa. Seit dem Jahr 2006 wurde er zum 8. Dan Kyoshi graduiert. Dieser Ehrentitel wird von den japanischen Meistern nur für eine besonders hohe Qualifikation verliehen.
Nach dieser Demonstration erheben sich die anderen Teilnehmer und wiederholen die Übung so, wie sie sie eben bei Kern und seinem Schüler gesehen haben. Dabei wechseln sie die Rolle des Angreifers und Verteidigers hin und her. Edmund Kern blickt mit wachen Augen auf seine Schützlinge, greift hie und da ruhig, aber bestimmt korrigierend ein.
Aikido ist alles andere als ein Wettkampfsport: »Bei uns kann keiner Weltmeister werden, es gibt keine Sieger oder Gewinner«, erläutert »Sensei« Kern den Kerngedanken der Sportart. »Wir entwickeln unsere Technik in aller Stille weiter.« Dadurch werde die Wahrnehmung für den eigenen Körper und für die Bewegungen des Partners geschult. Weiterentwickeln bedeutet aber auch, dass Schüler und Lehrer in den wöchentlichen Trainingseinheiten lernen, Angriffe so abzuwehren, dass dem Gegner damit signalisiert wird, den Angriff erst gar nicht weiterzuverfolgen. Will der Angreifer aber partout nicht davon lassen, »kann ich den Schmerz, den ich ihm zufüge, genau dosieren«, sagt der Meister. Trotz solcher Möglichkeiten komme es so gut wie nie zu Verletzungen, weil der Angriff nicht dem Gegner gelte, sondern dem Angriff selbst.
Ziel des »Kampfes« ist die Verfeinerung der Verteidigungstechniken in individuellen, sich wiederholenden Übungen, bei denen sich der Schüler in den Lehrer hineindenken muss und umgekehrt. Bis man dabei den Reifegrad von Edmund Kern erreicht, muss man allerdings lange üben. Er selbst hat mit dem Sport eher zufällig begonnen. Judo und Fechten praktizierte der 1932 in Rosenheim geborene Kern Anfang der 60er Jahre. Über diese Sportarten lernte er eine Gruppe Japaner kennen, die ihn mit Aikido-Vorführungen vertraut machten. War Aikido anfangs für ihn eher noch eine Ausgleichssportart für die einseitige Belastung beim Fechten, so faszinierte ihn mit der Zeit die Kampfkunst immer mehr.
1967 begann er in Karlsruhe mit einer Aikido-Gruppe von zehn Leuten. Unter den Schülern befand sich auch Gerd Wischnewski, Bruder des bekannten SPD-Politikers Hans-Jürgen Wischnewski, der in den 70er Jahren Staatsminister im Auswärtigen Amt, später im Bundeskanzleramt war. Am Anfang, erinnert sich Edmund Kern, sei es schwierig gewesen, japanische Lehrer für die Gruppe zu bekommen. Deshalb führten ihn bald Reisen nach Japan, um im Ursprungsland die Kampfkunst zu studieren. So wurde der Deutsche »Uchideshi«, also Hausschüler, beim japanischen Meister Saito, der wiederum ein Schüler des Aikido-Begründers Ueshiba war.
Als es Kern 1981 beruflich zur Firma Quelle nach Nürnberg und Fürth verschlug, lag es nahe, den Sport in seiner neuen Heimat zu lehren. So gründete er 1988 »Takemusu Aiki Dojo Bayern e.V.« in Fürth. Daneben war er langjähriger Bundesreferent für Lehrwesen im Deutschen Aikido-Bund sowie Präsident und Gründungsmitglied des Fachverbandes Aikido Bayern, dem er als Ehrenpräsident noch immer verbunden ist. Zurzeit betreut Kern 25 Aikido-Vereine in Deutschland und lehrt darüber hinaus in Dänemark, Tschechien, Spanien und Österreich. Trotz seiner bald 75 Jahre ist er immer noch rastlos unterwegs in Sachen Kampfkunst.
Zu alt für diesen Sport fühlt er sich nicht: »Die Bewegungen beim Aikido entsprechen dem natürlichen Bewegungsablauf«, sagt er. Deshalb könne er nur jedem raten, egal in welchem Alter, den Kampfsport auszuüben. Auch älteren Menschen komme es entgegen, dass man im Zusammenspiel mit den Übungspartnern etwas über die Koordination der Bewegungen und die eigene körperliche Fitness erfahre. Das Aikido-Training lasse sich von jedem Übenden auf seine eigenen Bedürfnisse und Möglichkeiten abstimmen – keiner stehe unter Erfolgszwang.
Rainer Büschel
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Information
Kontakt:
Takemusu Aiki Dojo Bayern e.V.
im SV Fürth-Poppenreuth
Kreuzsteinweg 15, 90765 Fürth
Telefon 0911 / 47 32 58
Was ist Aikido?
Die japanischen Silben Ai (Harmonie), Ki (Kraft) und Do (Weg) bedeuten wörtlich übersetzt: der Weg (Do) der Harmonie (Ai) mit der Kraft (Ki) Aikido ist eine Kampfkunst mit rein defensivem Charakter. Die Techniken beruhen darauf, die angreifende Kraft auszunutzen und diese auf den Angreifer umzulenken. Entwickelt wurde sie von Morihei Ueshiba (1883–1969).