Hans-Werner Stedtfeld setzt den Patienten ihrem Alter entsprechend den passenden Gelenkersatz ein. Foto: Michael Matejka

Hans-Werner Stedtfeld setzt den Patienten ihrem Alter entsprechend den passenden Gelenkersatz ein. Foto: Michael Matejka

Der Patient auf dem OP-Tisch liegt auf der Seite. Er ist mit sterilen Tüchern abgedeckt und schläft tief und fest. Die Narkose wirkt. Hans-Werner Stedtfeld beginnt mit seiner Arbeit. Mit dem Skalpell setzt der Chefarzt der Klinik für Unfall- und orthopädische Chirurgie am Südklinikum Nürnberg einen Schnitt an der Hüfte, sechs bis acht Zentimeter lang. Seine Assistenten spreizen das Gewebe mit Haken auseinander. Stedtfeld trägt die verdickte Kapsel über dem Gelenk ab. Jetzt kann er den Oberschenkelkopf und die Hüftpfanne sehen. Das Gelenk ist von Arthrose schwer geschädigt, selbst einfaches Gehen ist für diesen Patienten nur noch unter Schmerzen möglich.
Stedtfeld wird ihm eine künstliche Hüfte einsetzen – die einzige Chance für den Patienten, wieder schmerzfrei leben zu können. Rund 150.000 dieser Prothesen kommen in Deutschland pro Jahr zum Einsatz, und auch wenn es für fast alle menschlichen Gelenke mittlerweile Prothesen gibt, ist die Ersatz-Hüfte am meisten gefragt.
Stedtfeld bekommt von seiner Operationsschwester die Werkzeuge gereicht. Säge, Raspeln und Fräsen liegen geordnet auf vier Zusatztischen bereit. Er sägt Oberschenkelhals und Oberschenkelhalskopf ab, mit einem Plopp lösen sie sich aus der Gelenkpfanne und können durch das Guckloch an der Hüfte herausgeholt werden. Mit Fräsen und Raspeln bearbeitet der 64-Jährige jetzt Hüftpfanne und Knochen. Zerstörte Knorpel und gewucherte Knochenteile werden abgetragen, der Oberschenkelknochen im Inneren teilweise ausgehöhlt. »An der Größe der Raspeln kann ich sehen, welche Prothesengröße für den Patienten passend ist« erklärt Stedtfeld.
Eigentlich sind es zwei Prothesen, die eingesetzt werden und die am Ende passgenau zueinander stehen müssen: Eine neue Hüftpfanne und ein neuer Gelenkkopf, der mit einem Schaft im Oberschenkelknochen steckt.
Läuft alles nach Plan, heilt die Wunde schnell. Acht bis 14 Tage nach der OP kann der Patient die Klinik wieder verlassen, die weitere Reha übernehmen Physiotherapeuten. »Nach fünf bis sechs Wochen ist die neue Hüfte dann meist schon voll belastbar«, sagt Stedtfeld, in dessen Abteilung rund 120 solcher Prothesen pro Jahr eingesetzt werden. Weitere 160 Patienten bekommen nach einem Schenkelhalsbruch ein neues Gelenk, wenn ein Ausheilen der Fraktur nach einer Verschraubung nicht erwartet werden kann. Darüber hinaus werden in den OP-Sälen an der Breslauer Straße pro Jahr 180 Kniegelenke und rund 30 Schultergelenke ausgetauscht.
Arthrose (also der Verschleiß) und gelenknahe Brüche sind die Hauptgründe für einen Gelenkersatz in der Hüfte. Die Patienten haben fast ausnahmslos die 50 überschritten, viele sind betagt oder sogar hochbetagt. »Das Alter ist kein Ausschlusskriterium für eine solche Operation«, betont Stedtfeld, der mit seinem Team auch schon Hundertjährige operiert hat.
Das Sortiment der Gelenkspezialisten ist mittlerweile breit genug, um für jedes Alter den passenden Ersatz zu finden. »Wer schon mit 50 Jahren zu uns kommt, bekommt oft erst einen Oberflächenersatz und keine Totalprothese«, sagt Stedtfeld. Das bedeutet, dass nur die zerstörten Oberflächen an Hüftpfanne und Oberschenkelkopf abgetragen werden, der gesamte Oberschenkelknochen aber erhalten bleibt. Nur was abgetragen wurde, wird dann durch eine Art Metallüberzug über den Knochen ersetzt.
Der Vorteil für den Patienten: »Man weiß, dass nach 15 bis 20 Jahren ein Wechseln des Implantats erforderlich ist«, sagt Stedtfeld. Weil dabei wieder etwas Knochenmaterial abgetragen werden muss, muss das Wechsel-Implantat größer sein als das erste. Mit dem Oberflächenersatz schaffen die Ärzte also Luft für spätere OPs. »Mit 50 einen Oberflächenersatz, mit 70 eine normale Prothese, dann können wir mit 90 auch noch mal wechseln«.
Auch die OP-Technik hängt vom Alter des Patienten ab. Wer noch über einen kräftigen Knochenbau und eine gesunde Durchblutung verfügt, bei dem wird die Prothese ohne weiteres Haftmaterial im Knochen verankert. »Der Knochen wächst dann um das Implantat herum und in feine Poren auf der Implantatoberfläche hinein«, sagt Stedtfeld. Bei Betagteren wird die Prothese einzementiert – und sitzt von Anfang an fest.
Mit Navigationsgeräten operiert Stedtfelds Team nicht. Hiervon erwarte man sich zunächst eine genauere Platzierung der Implantate, erläutert der Spezialist. Hat die Prothese eine möglichst anatomiegerechte Position, werde sie länger halten, heißt es bei den Befürwortern der Methode. Jedoch: »Wir beobachten immer häufiger fehlnavigierte und dadurch fehlpositionierte Prothesen – also verlassen wir uns auf das, was wir sehen und tasten«, sagt Stedtfeld. Operationsroboter wiederum, von denen man ein genaueres Auffräsen des Knochens erwartet hatte, sind in der Vergangenheit in Verruf geraten und werden nicht mehr verwendet: Weil die Fräse des Roboters viel Platz brauchte, waren auch die Schnitte und Weichteilverletzungen größer.
Aber ganz gleich, mit welcher Technik und wie gut operiert wurde: Nicht immer hält das künstliche Gelenk die gewünschten 20 Jahre, sondern lockert sich schon früher. »Abrieb des Materials, aber auch die individuelle Beschaffenheit des Knochens oder die jeweilige Belastung der Prothese sind Faktoren, die die Lebensdauer des Implantats beeinflussen«, klärt Stedtfeld auf. Besonders schwere Patienten oder Alkoholiker, die oft stürzen, belasteten die künstliche Hüfte extremer als der Durchschnittspatient. Rheuma oder Osteoporose machen einen vorzeitigen Wechsel ebenfalls wahrscheinlicher.
Läuft jedoch alles problemlos, erhöht sich die Lebensqualität der Patienten enorm. »Wir haben Patienten, die wieder Skilaufen, Tennis spielen, wandern und golfen«, sagt Stedtfeld. Gut so, denn wer ein künstliches Gelenk hat, soll sich gar nicht übermäßig schonen. »Der Knochen verhält sich entsprechend den Belastungen, denen er ausgesetzt ist«, sagt Stedtfeld. Sport und Bewegung stärken ihn also. »Aktivität ohne Überlast«, fasst der Mediziner zusammen: »Also das Gleiche, was man selbst tun kann, um eine Prothese möglichst gar nicht erst nötig zu machen.«
Christine Thurner
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Information
Wenn erst einmal eine Operation zum Austausch eines Hüft- oder Kniegelenks ansteht, türmen sich vor den betroffenen Patienten unzählige Fragen auf. Ist der Eingriff überhaupt jetzt nötig? Welche Art von Prothese ist geeignet? In welcher Klinik soll ich mich operieren lassen? Antworten auf diese Fragen finden Betroffene unter anderem bei der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland UPD, einer Organisation, in der sich der Sozialverband VdK, der Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Verbund unabhängige Patientenberatung zusammengeschlossen haben. Die Beratung ist kostenlos und unterliegt keinen Vorgaben von Dritten, wie zum Beispiel Krankenkassen oder Ärzten.
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