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Mit fast 60 Jahren das Schlagzeug wiederentdeckt

Neu-Rentner Klaus Zacharias hat sichtlich Freude am Schlagzeugspielen. Beim Üben zeigt er Disziplin.

Ein Probenraum für eine Rockband? Dieses Quartier in einem früheren Quelle-Gebäude an der Nürnberger Dieselstraße kommt dem Klischee äußerst nahe. Es wirkt ein wenig düster, an einer Seite reihen sich Elektrogitarren und Stand-Mikrophone aneinander, an den Wänden sind Dämm-Matten angebracht. Vor dem Fenster stapeln sich zwei Bierkästen – davor steht ein großes Mischpult. Der Hingucker aber ist das Schlagzeug von Klaus Zacharias. Wenn der 63-Jährige loslegt, wummern die Bässe, es scheppert und rumst – der ansteckende Rhythmus gibt den Takt für die Musikstücke vor.

Der Wahl-Nürnberger ist ein »Spätberufener«. Erst als er fast 60 Jahre alt war, hat er das Schlagzeug »wiederentdeckt«. Schon in seiner Jugend hat ihn das Instrument begeistert. Damals spielte er in einer Schülerband, das Schlagzeug sei »cool« gewesen, er habe den Mädchen imponieren wollen. Dieses Drumset aus Jugendtagen hat ihn bei allen Umzügen begleitet, blieb aber über Jahrzehnte unangetastet – bis er »in einem schwachen Moment« zugesagt hat, bei einer Band mitzumachen.  »Obwohl ich gar keine besondere Begabung habe, ist der Ehrgeiz erwacht«, erzählt er.

Klaus Zacharias legte los wie ehemals als Jugendlicher, und entschloss sich schließlich, Unterricht zu nehmen. Das erste Urteil seines Lehrers: Er habe noch nie einen Schüler gehabt, der mit einer so falschen Technik spiele wie er. Inzwischen kann sich seine Darbietung aber hören lassen. Das Erfolgsrezept: »Stures Wiederholen der Bewegungsabläufe. Sie müssen in Fleisch und Blut übergehen wie beim Radfahren oder Schwimmen«, sagt Zacharias.

Im Keller seines Hauses hat er ein weiteres Schlagzeug, das zum Glück elektrisch ist. So kann er leise spielen und bewahrt dadurch seine Frau Eva vor dem Wahnsinn. Erst wenn er es an einen Verstärker anschließt, entfesselt es seine volle Power und den mitreißenden Sound.  Seit der Anwalt und ehemalige Leiter einer Rechtsabteilung in Rente ist, übt er jeden Morgen eine halbe Stunde die Handbewegungen, eine weitere halbe Stunde sind die Füße an der Reihe. Abends spielt er dann noch einmal eine Stunde zu Musik. Seine Stilrichtung? »Das ist bis heute der Hardrock, irgendwie hat sich mein Musikgeschmack seit meiner Jugend nicht weiterentwickelt«, sagt er und lacht.Seine jetzige Band »The Commoters« hat er über ein Inserat in den Kleinanzeigen von Thomann, dem weltweit größten Händler für Instrumente und Musikbedarf, gefunden. Es habe auch versiertere Mitbewerber gegeben, aber die Band wollte vor allem eines: einen unkomplizierten Schlagzeuger ohne Allüren und zu großen Ambitionen.

Miteinander und Geselligkeit sind ihm wichtig

Man trifft sich immer montags in den Räumen von »Your Music Room« an der Nürnberger Dieselstraße zum Üben – das ist ein Unternehmen, das professionelle Studios für Bands vermietet. Da werde auch das eine oder andere »Grünerle« geleert. »Das soziale Miteinander und die Geselligkeit sind mir wichtig«, sagt Klaus Zacharias.  Anfangs waren die Mitglieder hauptsächlich zusammengekommen, um miteinander zu spielen. Inzwischen haben die »Commoters« etliche Auftritte, etwa auf der Kellerbühne im E-Werk und der Kneipe »Strohalm« in Erlangen, beim Altstadtfest in Herzogenaurach und im integrativen Kultur- und Freizeittreff »Buni« in Nürnberg-Langwasser, absolviert. Ihr großer Traum: Einmal auf der MUZ-Bühne beim Nürnberger Bardentreffen zu stehen, die jedes Jahr an der Lorenzkirche lokalen und regionalen Musikern die Möglichkeit bietet, sich einem breiteren Publikum zu präsentieren. Immerhin: Von der Musikzentrale (MUZ) Nürnberg werden die »Commoters« als Aushängeschild für progressiven Sound, unverkennbare Melodien und ihre kreativen Arrangements gepriesen.

Seit mit Bianka Haas eine Social-Media-versierte Sängerin dabei ist, sind die Musiker auf Instagram und bei Spotify vertreten.   Klaus Zacharias wertet es als schönes Zeichen, dass er auch »auf seine alten Tage« noch einmal musikalisch Fuß fassen konnte. »Es zeigt, dass es nie zu spät dafür ist, ein Instrument zu erlernen oder wieder einzusteigen. Man kann das auch einfach nur für sich selbst machen.« Ihm hilft die Musik, seine Tage zu strukturieren – das sei eine echte Kunst, wenn man plötzlich, nach einem ausgefüllten Berufsleben so viel freie Zeit habe. Sein Aha-Erlebnis als Neurentner: Nach den ersten Monaten, in denen er eingekauft, gekocht und im Haus manches repariert hatte, habe ihn der Blues gepackt und das Gefühl, »seine Zeit zu vertritscheln«.

Seit er morgens und abends am Schlagzeug sitzt und sich mit seiner Band zum Proben trifft, ist das anders. »Ich sehe Fortschritte, das motiviert mich«, konstatiert der 63-Jährige. Mit Disziplin hat er sich eine Routine aufgebaut, die ihm das Gefühl gibt, etwas Gutes für seine Gesundheit zu tun. Neben dem Erfolgserlebnis und dem Musikvergnügen ist ihm das Schlagzeugspielen noch aus einem ganz anderen Grund wichtig: Er sieht es als effektive Demenz-Prävention. Hände und Füße müssen unabhängig voneinander verschiedene Rhythmen gleichzeitig oder versetzt spielen, um Grooves, Fills und Solos zu kreieren. Zacharias  ist überzeugt: »Das ist gut für das Gehirn.« Ihm ist es wichtig, die grauen Zellen zu fordern und zu fördern. »Ich weiß, welch schlimme Auswirkungen Demenz hat, meine Mutter ist mit dieser Krankheit gestorben«, sagt er. Auch Mediziner heben die Bedeutung des Musizierens hervor. Eine neue Studie zeigt, dass insbesondere das Spielen eines komplexen Instrumentes wie eines Schlagzeugs den kognitiven Alterungsprozess bremsen und das Demenzrisiko deutlich senken kann.

Für einen Neustart ist es nie zu spät

Laut der Deutschen Hirnstiftung  koordiniert das Gehirn dabei kognitive, emotionale und motorische Abläufe. Das macht das Organ widerstandsfähiger gegen Beeinträchtigungen und Abbau im Alter. Das Musizieren in Gruppen fördert zudem Sozialkontakte, die ebenfalls wichtig für die geistige Fitness sind. Die Deutsche Hirnstiftung rät deshalb, ein Musikinstrument zu erlernen oder in einem Chor mitzusingen. Für einen Neubeginn oder die Wiederaufnahme eines früher gespielten Instrumentes sei es nie zu spät. Klaus Zacharias hält das Schlagzeug für ein ideales Instrument für Späteinsteiger und Menschen, die kein ausgeprägtes musikalisches Talent mitbringen: »Die Wahrscheinlichkeit, dass man die Trommel trifft, ist doch viel größer, als einer Geige schöne Töne zu entlocken.« Man sehe vergleichsweise schnell Erfolge, der Rhythmus biete viel Raum für Freiheit. »Und ich mag es, dass es beim Schlagzeug ein bisschen wild zugeht. Schließlich sind die Senioren von heute die Rocker von gestern.«

Das Schlagzeugspielen ist keine Männerdomäne. Astrid Bönnig hat vor vier Jahren angefangen, das Instrument zu lernen.

Bis jetzt begeistern ihn Rockbands wie »The Rush« aus Kanada. Die Kultgruppe plant für 2026 eine Welttournee – mit der Deutschen Anika Nilles ist eine der führenden Schlagzeugerinnen mit dabei. Dass Schlagzeugspielen keine reine Männerdomäne ist, zeigt auch die Geschichte von Astrid Bönning, die vor vier Jahren begonnen hat, dieses Instrument zu lernen. Die Nürnbergerin spielt seit vielen Jahren Klarinette und hat unter der Leitung von Marion Ludwig die Bläserklasse für Erwachsene an der Musikschule Nürnberg absolviert, nun ist sie beim Bläser-Ensemble der Musikschule mit dem Namen »Windstärke 12« mit von der Partie. Weil man hier länger vergeblich auf der Suche nach einer Schlagzeugbegleitung war, dachte sich die heute 69-Jährige, die immer aufgeschlossen für Neues ist: »Ich mag Rhythmus und versuche das!«

Nach der ersten Probestunde beim Musiklehrer war klar, dass sie weitermacht. Das Spielen bereitet ihr bis heute großes Vergnügen. Sie freut sich, dass sich die Gelegenheit ergeben hat: »Von alleine wäre ich nie darauf gekommen«. Nun nimmt sie wöchentlich Unterricht, einmal pro Woche spielt sie außerdem im Ensemble. Die rund 50 Hobbymusiker geben mehrere Konzerte im Jahr, zum Jahreswechsel stehen Walzer und Polka im Mittelpunkt, im Sommer eher Filmmusik, Pop und Klassisches.  In der Freizeit übt Astrid Bönning mit ihrem Instrument zu Hause. Ihre größten Fans sind ihre vier Enkel: »Die finden das cool und erzählen überall: Die Oma spielt Schlagzeug!«

Text: Alexandra Voigt
Fotos: Michael Matejka; privat

Information

Neuigkeiten zur Band und zu Auftritten der »Commoters« findet man auf ihrer Facebook-Seite (@TheCommoters), auf der Instagram-Seite (@the_commoters_) gibt es Einblicke hinter die Kulissen sowie Konzertankündigungen. Das Ensemble »Windstärke 12« besteht aus Absolventen der Bläserklasse für Erwachsene an der Musikschule Nürnberg, die von Marion Ludwig geleitet wird. Die Mitglieder kommen montags zum Üben zusammen, die Bläserklasse trifft sich dienstags. Beginn ist jeweils um 19:30 Uhr in der Thusneldaschule Nürnberg (Thusneldastraße 5). Weitere Informationen gibt es unter 0911/ 231-3023 oder unter der Mailadresse musikschule.nuernberg@stadt.nuernberg.de

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