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Straffällige Ältere: Lebensabend hinter Gittern

Psychologie-Prof. Stefan Pohlmann forscht zum Thema Alter und Kriminalität. Foto: Stephan Rumpf

Manche ältere Menschen müssen ihren Lebensabend im Gefängnis verbringen. Warum sind sie überhaupt straffällig geworden? Was sind die typischen Verstöße? Das Magazin sechs+sechzig sprach darüber mit Professor Stefan Pohlmann von der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München. Er ist einer der wenigen Wissenschaftler, die sich schon seit Jahren mit dem Phänomen der Alterskriminalität auseinandersetzen.

sechs+sechzig: In der Werbung sieht man fast täglich fröhliche grauhaarige Menschen, die Probleme mit ihrem Rücken oder Darm haben, aber nicht mit dem Gesetz. Schwer vorstellbar, dass in unserer Gesellschaft das höhere Alter auch ein dunkles Gesicht hat. Wird das Thema ausgeblendet?

Stefan Pohlmann: Betagte Personen, die Freiheitsstrafen verbüßen oder Hochaltrige, die vor Gericht gestellt werden – all dies haben Wissenschaft, Politik und Medien viele Jahre eher ignoriert oder verharmlost. Grund dafür ist unter anderem, dass Kriminalität im Alter nicht mit den gängigen Vorstellungen über das Altwerden übereinstimmt. Senioren lassen sich aber nicht einfach in Schubladen zwängen. Gut oder böse, richtig oder falsch, sind Kategorien, die durch unser Verhalten und nicht durch unser Geburtsdatum bestimmt werden. Natürlich bleibt festzuhalten, dass andere Altersgruppen im Bereich der Kriminalität größere Probleme bereiten. Statistisch sind ältere Kriminelle gering vertreten. Aber auch kleinere Gruppen verdienen Beachtung, gerade dann, wenn wir Missstände und Probleme erkennen wollen.

Welche Delikte verüben Menschen über 60 Jahre am häufigsten?

Kapitalverbrechen treten zwar im hohen Alter ebenfalls in Erscheinung, sind aber vergleichsweise selten. Vielmehr dominieren weniger schwere Straftaten. Darunter fallen zum Beispiel Sachbeschädigung, Diebstahl und verschiedenste Bagatelldelikte. Insgesamt handelt es sich um Vergehen, die bei einer Verurteilung Geldstrafen oder kürzere Freiheitsstrafen nach sich ziehen.

Laut demografischer Entwicklung nahmen die Straftaten im Alter zu. Welche Gründe gibt es?

Wenn mehr Menschen ein langes und aktives Leben führen, nimmt auch die Wahrscheinlichkeit für antisoziales Verhalten zu. Ein solches Verhalten kann dann auch eine strafrechtliche Dimension haben, sobald Leben, Gesundheit und Eigentum von Personen oder die Sicherheit und Integrität des Staates betroffen sind. Zur Alterskriminalität kommen Strafprozesse hinzu, in denen ältere Menschen erst mit deutlichem Zeitverzug vor Gericht gestellt werden können. Hier werden dann vornehmlich nicht verjährungsfähige Taten verhandelt, die lange zurückliegen, aber ein derart erschreckendes Ausmaß haben, dass sie aufgearbeitet werden müssen – wie Mord, Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit sowie Kriegsverbrechen.

Eine Rentnerin hat fast 35 Kilo Potenzhonig aus der Türkei nach Deutschland mit sich geführt und ist bei einer Kontrolle im Flughafen Köln erwischt worden. Muss die Frau ins Gefängnis oder kommt sie mit einer Geldstrafe davon?

Welches Strafmaß hier folgt, ist schwer zu beantworten. Glücklicherweise leben wir in einem Rechtsstaat, der nicht blind ist und ohne Berücksichtigung der Umstände urteilt. So bleibt nach Klärung der Schuld zu prüfen, ob es sich um eine Erst-Tat, um ein organisiertes, bandenmäßiges Vorgehen handelt, wer durch die Tat geschädigt wurde, ob die Tat glaubhaft bereut wird, die Person schuldfähig ist und vieles andere mehr.

Manchmal tauchen Meldungen auf, es gebe Rentner, die ­lieber ins Gefängnis gehen als den Lebensabend mit ihrer Frau zu verbringen? Und wie verkraftet man einen Freiheitsentzug im Alter?

Die erste Frage kann ich nicht seriös beantworten. Auch wenn solche Dinge nicht auszuschließen sind, erscheint ein solcher Zusammenhang weit hergeholt. Kriminalität als Furcht vor der eigenen Frau, das gehört aus meiner Sicht eher ins Kuriositätenkabinett. Wie ältere Menschen eine Haft durchzustehen vermögen, ist dagegen wissenschaftlich untersucht. Hier zeigt sich, dass ältere Inhaftierte stärker von psychischen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen betroffen sind und auch das Risiko finanzieller Notlagen nach dem Aufenthalt im Gefängnis deutlich steigt. Gesellschaftliche Ächtung und Scham sind im Alter stark ausgeprägt und haben langfristige Folgen über die Haft hinaus.

Sind ältere Kriminelle mit Promi-Status wie der Koch ­Alfons Schuhbeck oder der Fußball-Funktionär Uli Hoeneß die ­Ausnahme?

Wenn Prominente straffällig werden, erzeugt dies in der Regel ein mediales Interesse. Die dahinter liegenden Delikte wie Insolvenzverschleppung oder Steuerhinterziehung finden sich aber ebenso bei weniger glamourösen Personen. Hier stellt sich eher die Frage, ob ein älterer Mensch überhaupt die Gelegenheit für bestimmte Straftatbestände hat. Da mag es gegebenenfalls Unterschiede zwischen arm und reich, bekannt und unbekannt geben.

Unsere Gesellschaft besteht zu mehr als einem Viertel aus ­Menschen über 60 Jahren. In den Gefängnissen ist diese Altersgruppe aber nur mit rund sechs Prozent vertreten. Klingt das nicht nach einer kleinen Gruppe?

Je nach Altersgrenzen finden wir in den Statistiken unterschiedliche Zahlen. In Deutschland sind beispielsweise rund 16 Prozent der Gefangenen älter als 50. Der Anteil 70-jähriger Tatverdächtiger hat im historischen Vergleich zu früher gleich alten Gruppen massiv zugenommen. Zudem ist der Prozentsatz älterer Menschen in Langzeithaft mit rund 30 Prozent derart hoch, dass es durchaus einer gesonderten Aufmerksamkeit für diese Gruppe bedarf.

Wird Deutschland also mehr kriminelle Senioren haben? Sind wir darauf vorbereitet?

Wir stehen erst am Anfang einer wissenschaftlichen Aufarbeitung. Die Erkenntnisse aus der Gerontologie können nicht nur für andere Altersgruppen relevant sein, sondern auch den unterschiedlichen beteiligten Disziplinen helfen, Straffälligkeit in der Gesellschaft besser zu verstehen und damit umzugehen. Ein gesellschaftlicher Diskurs und ein realitätsgetreues, differenziertes Altersbild sind an dieser Stelle sehr wichtig.

Interview: Horst Otto Mayer
Foto: Stephan Rumpf

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