
Man muss, wenn man muss. Wer nicht muss, geht dort nicht hin. Doch wer auf Reisen ist, wird irgendwann müssen. Die meisten Älteren drückt die Blase öfter als die Jungen. Im Hauptbahnhof Nürnberg führen dafür alle Wege zu der Toilettenanlage von Sanifair im Obergeschoss, ob man will oder nicht.
Wer ohnehin warten muss auf den Anschluss, könnte sich auch auf der Bank vor dem Toiletten-Eingang niederlassen und beobachten. So wie die Autorin. Bunt geht es hier zu. Ein Pärchen fällt besonders auf, offensichtlich Stofftiersammler. Dick und quietschgrün sitzt Kermit der Frosch auf dem roten Koffer der Reisenden. Ihr Mann trägt Shaun das Schaf, das keck aus seinem Rucksack schaut. Die beiden sind Touristen aus Tschechien. Dort gibt es auch Bezahltoiletten auf den Bahnhöfen, doch zum Glück nur halb so teuer wie bei uns, erzählen sie.
Eine alte Dame nähert sich dem Durchgang zur Toilette, steckt hektisch einen Euro in den Schlitz des Automaten. Sie versteht nicht, warum der Durchgang verschlossen bleibt. Sie müsse noch 50 Cent hinterherwerfen, sage ich ihr, der Ehemann gibt ihr die Münze. Als nächstes kommen zwei Frauen mit Kinderwagen. Teuer sei es, sagt die eine. Sie freut sich, dass ich auf ihren Kinderwagen aufpasse.
Die meisten kramen hektisch nach Kleingeld
Am Nürnberger Hauptbahnhof geht es für die Notdurft in die obere Etage, zwischen die Werbebanner von McDonalds und Burger King hindurch. Viele Besucher haben es sehr eilig, aber bevor sie die Schranke passieren können, heißt es erst einmal bezahlen. Also kramen die meisten hektisch nach Kleingeld, der Karte oder dem Handy. Dabei ist das dringende Bedürfnis gar nicht günstig. Nürnberg gehört zu den Städten mit den teuersten Anlagen, so wie in den Hauptbahnhöfen Bremen, Dresden, Dortmund und Hannover, bestätigt ein Pressesprecher von Sanifair. Hier wie dort zahlt man inzwischen 1,50 Euro statt zuvor einen Euro. Das entspricht einer Preiserhöhung um 50 Prozent seit November 2022. Da stand der Preis noch bei 70 Cent und wurde auf einen Euro heraufgesetzt. Ende 2024 dann noch einmal um 50 Prozent auf 1,50 Euro. »Bei uns profitieren Sie doppelt. Dank kompromissloser Sauberkeit und dem Wert-Bon«, verlautet es von der Pressestelle.
Nur ein Bon pro Einkauf
Hinter den Zugängen wischt ein Arbeiter pausenlos den Boden des Pissoirs. Das Unternehmen ist stolz auf so viel Sauberkeit. »365 Tage im Jahr ein gutes und sauberes Gefühl«, lautet der Sanifair-Slogan. Die Einlösebedingungen: 50 Cent Ersparnis lassen sich anrechnen auf einen Einkauf im Wert von mindestens 2,50 Euro. Jeder darf nur einen Bon pro Kauf einlösen. Fragt sich nur wo.
Der logischste Weg führt im Hauptbahnhof Nürnberg zum Brezenstand und zum Bäcker. Nur Kopfschütteln, als ich den Coupon hinüberreichen will. In der Markthalle hätte ich Lust auf Sushi oder Frühlingsrollen und versuche mein Glück bei dem Asia-Stand. Doch die Verkäuferin am Stand winkt gleich ab: »Ich nehme keine Bons.«
Der Pizza-Verkäufer ein paar Schritte weiter nimmt nur Bons bis 50 Cent Rabatt. Ich will ihm einen geben, der gilt allerdings nur an Autobahnen, die Sanifair ebenfalls bedient.
Internationales Konsortium
Sanifair gehört zur der Autobahn Tank & Rast Gruppe GmbH & Co. KG, mit Sitz in Bonn. Dahinter steht ein internationales Investorenkonsortium. Dazu zählen Allianz Capital Partners, MEAG, die Abu Dhabi Investment Authority und OMERS Infrastructure. Diese Investorengruppe steuert ein Netzwerk von 410 Rastanlagen, 360 Tankstellen und 50 Hotels auf Deutschlands Autobahnen – und eben Sanifair mit seinen rail-&-fresh-WC-Anlagen.
Zurück in die erste Etage des Nürnberger Hauptbahnhofs. Hier zeigt sich: Der Wert-Bon wird bei derzeit acht teilnehmenden Einlösepartnern akzeptiert. Dazu zählen Backwerk, Burger King, Coffee Fellows, Ditsch, Kentucky Fried Chicken (KFC), Subway und Yorma‘s.
Wer eine kostenlose Alternative sucht, kann über die App »Toilet finder« (Android: https://play.google.com/store/apps/details?id=com.bto.toilet&hl=de&pli=1 und IOS https://apps.apple.com/de/app/toilet-finder/id311896604) oder über Google Maps fündig werden.
Text: Angela Giese
Foto: Michael Matejka




