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Einmal am knallroten Mikrofon sitzen

Redakteurin Pauline Hauser sucht im ­Musikarchiv die passenden Titel aus.

Er ist eine Institution in Nürnberg, ein Sender, frei, demokratisch, emanzipatorisch, links, ohne Hierarchie, mit viel Engagement von Ehrenamtlichen. Und mit langer Tradition. Seit 1986 sendet Radio Z. Eine Gruppe des Seniorentreffs Bleiweiß war zu Besuch beim Sender am Kopernikusplatz. 

Der schönste Platz ist der vor dem knallroten Mikrophon. Kopfhörer aufsetzen, den richtigen Regler hochziehen und auf Start drücken. Sofort leuchtet ein rotes Licht an der Tür und signalisiert »auf Sendung«, niemand darf hereinkommen und stören. Reihum setzen sich Freiwillige vor das Mikro. Ein Mittsechziger nimmt Platz und spricht frank und frei: »Ich darf hier reden, habe nichts zu sagen, rede nur Blech.« Großes Gelächter. Dann kommt die Nächste dran, Brigitte. »Ich bin so alt und froh, dass ich das hier erleben darf.« 

Alt ist auch die Technik bei Radio Z, ein analoges Studio, bei dem sich Regler einfach austauschen lassen. Redakteur Chris Bellaj: »Bei uns ist alles reparierbar, Handarbeit statt Automation.« Und quasi erdbebensicher. »Wenn sich alles bewegt, der EMT-Plattenspieler mit seinen 25 Kilo wackelt nicht.« Héloise ist Moderator, einer von 200 Mitarbeitenden von Radio Z. »RADIOgays« heißt seine Sendung für Schwule und Andere, die er ein paar Mal im Monat abends produziert. Es sei ganz und gar nicht schwierig, eine Stunde, natürlich auch mit Musik, zu füllen, er hätte sogar gerne mehr Zeit. Manchmal grätscht er dazwischen, wenn nicht gegendert wird während des Besuchs. »Hey, hier wird nicht gemännlicht«, mahnt Héloise. 

Musikstudio im Kleinformat

Die Räume am Kopernikusplatz 12, Hinterhaus, 3. Stock, waren früher Heimstätte eines Yoga-Studios und der Hare Krishnas, Hinweise darauf sind bis heute an manchen Türen mit grellbunten Heiligenbildnissen zu sehen. Interne Kalauer erinnern noch an die Sekte, etwa der Running Gag, von dem Redakteur Chris Bellaj erzählt: »Was liegt am Ende des Ganges?« – »Indien und ein Musikstudio.« Der lange, sehr enge Gang jedenfalls führt hier zum Musikstudio im Kleinformat.

Es ist an diesem Tag das Reich von Pauline Hauser, gerade noch Praktikantin und schon Musikredakteurin von Radio Z. Wie sie zur Musik kam? »Ich hatte das Glück, dass meine Eltern mich oft mitgenommen haben zu Veranstaltungen. Mein erstes Konzert gaben die ›Toten Hosen‹, da war ich zehn.« Und es war um sie geschehen, möchte man ergänzen, denn die Musik ist heute ihr Zuhause. Alle Wände sind eingerahmt von Regalen voller CDs. Pauline sucht gerade Musik aus für die Sendung »Stoffwechsel – aktuelles Magazin für Kultur und Politik«, die Chris Bellaj moderiert. 

Farbe bekennen, das gehörte schon immer zum Programm von Radio Z. Ob für das Empowerment der Black People, Mütter gegen Atomkraft, überhaupt die Umweltbewegung, die griechische Polit-Community oder die Schwulen- und Lesbenbewegung – alle waren willkommene Gäste und Mitgestalter des freien Radios.

Gegenplattform zum Einheitsmedienbrei

Frei heißt für Radio Z erstmal frei zu sein von der Verfolgung von Besitzinteressen, frei von der Jagd nach Einschaltquoten und Gewinnmaximierung. Auf der eigenen Website liest sich das so: »Klar – wir wollen auch gehört werden, so ganz an uns vorbei gehen die Quoten daher auch nicht, wir freuen uns über jeden und jede, die zuhören. Aber um eines geht es dabei eben nicht – es geht nicht darum, möglichst viele ZuhörerInnen zu haben, um dann Werbeeinnahmen machen zu können, wie das sonst so üblich ist im kapitalistischen Radio- und Rundfunkalltag.« Und die Macherinnen und Macher wissen auch, was sie keinesfalls sein wollen: Ein Sprachrohr für irgendeine Organisation, sondern eine Gegenplattform zum Einheitsmedienbrei.

Geld spielt natürlich trotzdem eine Rolle, um das Radio zu finanzieren. Es tun sich immer wieder Finanzlöcher auf, da es keine Basisförderung gibt und immer weniger Projekte genehmigt werden. Deshalb ist die Finanzierung durch Mitgliedsbeiträge und Spenden für Radio Z essenziell. Es kann schon richtig eng werden. Chris Bellaj berichtet von der Bedrohung vor zwei Jahren, als öffentliche Gelder gestrichen wurden. Dank der Mobilisierung der Mitglieder samt Werbekampagne ist das Finanzloch gestopft worden.

Text: Angela Giese
Fotos: Michael Matejka

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