Für einsame Menschen hat Anneliese Karl immer ein offenes Ohr. Die 96-Jährige bietet ehrenamtlich "Erzählanrufe für Senioren" an. Foto: Mile Cindric

Für einsame Menschen hat Anneliese Karl immer ein offenes Ohr. Die 96-Jährige bietet ehrenamtlich “Erzählanrufe für Senioren” an. Foto: Mile Cindric

Anneliese Karl ist 96. Als Ehrenamtliche bietet sie sogenannte “Erzählanrufe” an. Dabei spricht sie mit zwei Damen über den Alltag, die Einkäufe und Arztbesuche. Durch das Programm eines Freiwilligenzentrums sind sogar schon Freundschaften entstanden.

Anneliese Karl ist stets auf der Suche. Nach neuen Aktivitäten, nach Gleichgesinnten, nach anregenden Gesprächen. Hier erfährt sie von einem Spieletreff, dort von einem neuen Kirchenkreis – schon ist ihre Neugier geweckt. Dass sie bereits ihren 96. Geburtstag gefeiert hat, ist für Anneliese Karl kein Grund zum Rasten. Ganz im Gegenteil: »In meinem Alter muss man sich immer nach neuen Kontakten umsehen«, sagt die Fürtherin keck. »Da wird in meinem Bekanntenkreis schnell mal jemand krank und fällt aus. Je älter ich werde, desto einsamer würde ich sonst. Das will ich verhindern.«

Vor 15 Jahren sah das anders aus. Anneliese Karl hatte gerade ihren Mann verloren, weitere Verwandtschaft gab es in der Nähe nicht. Damals wandte sich die ehemalige Chefsekretärin an die Diakonie und entdeckte bei deren Angeboten dort ihre Leidenschaft für Karten- und Gesellschaftsspiele. Seither ist sie eben auf der Suche – nach Mitspielern und nach Gesprächspartnern.

Als sie dann im Frühjahr 2013 vom Programm »Zeit für Nachbarn – Besuchsdienst für Senioren« las, war Anneliese Karl sofort Feuer und Flamme. Das Freiwilligenzentrum Fürth (FZF) hatte das Programm aus der Taufe gehoben, um alleinstehenden, aber noch daheim lebenden Senioren unter die Arme zu greifen. Anneliese Karl war eine der ersten, die um den Besuch eines bzw. einer Ehrenamtlichen bat. Schon bald fanden sich zwei Frauen, die ihre Passion fürs Spielen teilten und einmal wöchentlich für eine Partie Rommee vorbeikamen.

Doch es blieb nicht nur beim Nehmen. Anneliese Karl wollte sich selbst engagieren und etwas zurückgeben – und bietet deshalb nun als Ehrenamtliche »Erzählanrufe« an. Zwei- bis dreimal pro Woche telefoniert sie mit zwei Damen und plaudert mit ihnen über den Alltag, die Einkäufe, den letzten Arztbesuch. Die Frauen, mit denen sie Telefonkontakt hält, sind beide in den 80ern. »Das sind junge Hupfer gegen mich«, sagt Anneliese Karl und lacht.

Gespräche dauern schon mal eine Stunde

Seit etwa eineinhalb Jahren hat das FZF die Erzählanrufe im Angebot. Mitarbeiterin Ruth Vogel hatte das Konzept damals entdeckt und wusste: Das ist etwas für uns! »Wir haben immer wieder Ältere, die sich zwar einsam fühlen und gern Kontakt hätten, aber die sagen: >In meine Wohnung möchte ich niemanden reinlassen<«, erzählt Vogel. »Da ist ein telefonischer Kontakt ideal.« Gemeinsam mit Jutta Lindner betreut Ruth Vogel beim Fürther Freiwilligenzentrum das Projekt »Zeit für Nachbarn«, zu dem die Anrufe gehören. Fünf Telefonpaare haben sich seither ergeben. »Manche telefonieren bis zu einer Stunde miteinander, bei anderen geht es ganz schnell«, weiß Jutta Lindner.

Sie fügt die Tandems – sowohl für die persönlichen Besuche als auch für die Telefonate – zusammen und unterstützt sie bei der ersten Kontaktaufnahme. Im Idealfall haben die Paarungen etwas gemeinsam. So hat sie zwei Gustav-Mahler-Fans vermittelt, die nun zusammen Sinfonien des Komponisten hören. In einem anderen Fall fand sie für einen kolumbianischen Senior einen Ehrenamtlichen, der Spanisch spricht und seine Fähigkeiten wieder aufpolieren wollte. »Da braucht es schon viel Fingerspitzengefühl«, sagt Lindner, die neben den Telefonkontakten auch 26 Besuchs-Tandems betreut.

Meist sind die Ehrenamtlichen selbst um die 60 Jahre alt. Jutta Lindner fragt regelmäßig nach, wie es läuft. Schließlich sind die Konstellationen nicht immer ganz einfach. Die Projektleiterin berichtet von einem Senior, der an Depressionen leidet und zu großen Stimmungsschwankungen neigt. Kein leichter Kandidat für einen Hausbesuch; und auch einen passenden Partner für die Erzählanrufe musste Lindner lange suchen. »Wir fanden dann eine Ehrenamtliche, die sehr feinfühlig ist. Sie kann gut zuhören, wenn er sich etwas von der Seele reden muss.« Der telefonische Kontakt mache beiden Spaß, berichtet Lindner, »aber ich überprüfe alle zwei bis drei Monate, ob unsere Ehrenamtliche nicht überfordert ist«.

Allzu oft geht es um Krankheiten

Überfordert ist Anneliese Karl mit ihren Erzählanrufen sicher nicht, manchmal aber ein wenig verdrossen: Wenn sie mit ihren zwei Damen telefoniert, gehe es immer und immer wieder um Krankheiten und Arztbesuche. »Ich höre mir das eine Weile an; ihnen tut das Erzählen ja auch gut. Aber wenn das Negative überhandnimmt, blocke ich ab«, sagt die 96-Jährige bestimmt. Sie versuche dann gezielt, das Thema zu wechseln, über Alltägliches zu reden. Denn darin sieht sie ihre Aufgabe als Ehrenamtliche: »Ich möchte die Damen hochziehen und ihnen etwas von meinem Optimismus abgeben!«

Dass durch das Programm auch richtige Freundschaften entstehen, beobachten die Projektleiterinnen immer wieder. Gern berichtet Jutta Lindner von der 84-Jährigen, die jemanden suchte, der mit ihr spazieren geht – allein traute sie sich nicht mehr aus dem Haus. Mit der Ehrenamtlichen Anfang 30 klappte es sofort. »Die beiden sind inzwischen wie Enkelin und Oma«, erzählt Lindner. Auch bei Anneliese Karl ist aus einem Erzählanruf eine engere Verbindung entstanden: Die 96-Jährig lud ihre Gesprächspartnerin einfach zur privaten Spielegruppe ein. Seitdem trifft man sich freitags zu Kaffee, Kuchen und Rummikub.

In Fürth dürfen der Besuchsdienst und die Erzählanrufe also als Erfolg gelten. Beides wird auch in Nürnberg angeboten, im Rahmen der Seniorennetzwerke, die für Vernetzung auf Stadtteil-Ebene sorgen wollen. Im Jahr 2014 wurde hier das vom Bund geförderte Projekt »Mach dich stark« ins Leben gerufen, das Ehrenamtliche für solche Angebote gewinnen und koordinieren will. »Wir haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass die ›Wohlfühl-Anrufe‹«, wie sie bei uns heißen, nicht so gut angenommen werden – weder von den Ehrenamtlichen noch von den Senioren«, berichtet Thomas Gunzelmann vom Nürnberger Seniorenamt.

Eine »Handvoll Leute« habe sich bisher dafür interessiert – und die meisten haben sich schließlich lieber irgendwann getroffen. »Wir glauben, dass der persönliche Kontakt für beide Seiten angenehmer ist«, sagt Gunzelmann, der in Nürnberg auf immerhin rund 45 Besuchs-Tandems blicken kann. Von Angesicht zu Angesicht erzähle es sich eben leichter. Außerdem könne man bei einem persönlichen Treffen auch mal spontan ins Café gehen oder dem anderen einen kleinen Einkauf abnehmen. So hat man die »Wohlfühl-Anrufe« in Nürnberg zwar weiter im Programm, »aber der große Gewinn sind sie nicht«, sagt Gunzelmann.

Anders sieht man das bei der Deutschen Gesellschaft für Seniorenberatung (DGS), einer Firma sowie einem gemeinnützigen Verein mit Sitz in Engelskirchen bei Köln. Hier gehören die »Erzählanrufe« zum Vereinsangebot. »Der Service steht unseren Mitgliedern bundesweit kostenlos zur Verfügung«, sagt Brigitta Müller von der DGS. Wer sich für das Angebot registrieren lässt, erhält etwa einmal pro Woche einen Anruf aus dem DGS-Team. »Die meisten Angerufenen sind über 80 Jahre alt, oft alleinstehend und haben keine Verwandtschaft in der Nähe. Da ist schon viel Vereinsamung zu spüren«, erzählt Müller, die für die Mitgliederbetreuung zuständig ist. Sie weist darauf hin, dass sich prinzipiell auch Nicht-Mitglieder für den Anrufservice anmelden können.

»Wir können Denkanstöße geben«

Geplaudert wird etwa eine halbe bis eine dreiviertel Stunde über alles, was den älteren Menschen bewegt. Das reicht vom Wetter bis hin zu sehr persönlichen Themen. »Manchmal geht es auch um ein schwieriges Verhältnis zu den Kindern oder ums Thema Vormundschaft«, berichtet Brigitta Müller, die selbst solche Anrufe übernimmt. »Natürlich können wir die Probleme nicht lösen – aber wir hören zu und versuchen, zumindest Denkanstöße zu geben.«
Denkanstöße – das ist es auch, was die Fürtherin Anneliese Karl an den Besuchsdiensten, sowohl persönlich als auch telefonisch, schätzt. »Die Gespräche regen an, man denkt nach und bleibt mobil«, schwärmt sie. Kein Wunder, dass ihr immer wieder neue Projekte einfallen. Im Moment strickt sie in jeder freien Minute Socken für die Wärmestube. Vielleicht ließen sich da ja Gleichgesinnte finden? »Einen Strickkreis könnte ich mir gut vorstellen«, sagt die 96-Jährige und lächelt. Das wird sie wohl mal im Freiwilligenzentrum vorschlagen …

Information
Wer sich für die Besuchsdienste oder die Erzählanrufe interessiert, wendet sich an:
Freiwilligenzentrum Fürth, Jutta Lindner und Ruth Vogel, Tel. 0911/ 217 47 82
Seniorenamt Nürnberg, Thomas Gunzelmann, Tel. 0911/ 231 67 44 oder Karin Gallert, Tel. 0911/ 231 66 64
In Fürth und Nürnberg werden weiter Ehrenamtliche für die Projekte gesucht.
Deutsche Gesellschaft für Seniorenberatung e.V.,
Tel. 02263 / 960 90 50

Text: Annika Peißker