Helmut Dach (links) mit seiner Ehefrau Angkana Dach (rechts), Sohn Theeraphong Dach mit Mischling Emma im Garten ihres Restaurants "Thai Basilikum" in Forchheim. Foto: Mile  Cindric

Helmut Dach (links) mit seiner Ehefrau Angkana Dach (rechts), Sohn Theeraphong Dach mit Mischling Emma im Garten ihres Restaurants “Thai Basilikum” in Forchheim. Foto: Mile Cindric

Die Glocken von St. Martin haben gerade zehn geschlagen. Ein langer Tag steht dem 71-jährigen Helmut Dach wieder bevor. Bis um 17 Uhr die ersten Gäste in sein Forchheimer Restaurant »Thai-Basilikum« kommen, hat er tausend Dinge zu erledigen. Angefangen von der Einteilung der Dienstpläne fürs Personal über den Einkauf auf dem Nürnberger Großmarkt bis hin zur Kontrolle der in feine Stoffservietten gehüllten Bestecke. »Das ist nicht wie früher im Büro, da konnte man es ruhiger angehen lassen. Hier ist man getrieben«, findet der ehemalige Siemensianer. »Man kann es mit einem Zirkus vergleichen: Bis zur Vorstellung wird geübt und gewuselt – hier wie da.«

Als Lohn, immerhin, gönnt sich Helmut Dach abends gegen neun regelmäßig sein Schwätzchen. Dann schlendert der Chef von Tisch zu Tisch, um mal hier, mal dort zu plaudern. »Ich muss doch wissen, ob es den Gästen bei uns gefallen hat«, meint er. Der Gastronom klingt sehr schwärmerisch, als er ergänzt: »Das Gespräch mit den Menschen ist das Schönste!« Die Sache mit dem Restaurant hielt er zunächst bloß für eine verrückte Idee seiner Frau. Angkana aber – die Frau, die er 1996 in Thailand in einem Orchideengarten kennen- und lieben gelernt hatte, mit der er 1998 die Ehe einging und deren kleinen Sohn er adoptierte – träumte nicht bloß von einem Restaurant, in dem sie thailändisch kochen konnte. Sie wollte es wirklich. Aber die Mieten waren eindeutig zu hoch in Erlangen.

Endlich wieder eingerichtet im Leben

Helmut Dach war das nur recht damals. Endlich hatte er sich nämlich wieder eingerichtet im Leben. Das war schwer genug gewesen. »Ich hatte lange zu tun, bis ich in der Rente ankam!« Das Berufsleben zuvor war abwechslungsreich und aufregend: Zunächst hatte er eine Lehre als Dreher gemacht, dann drei Jahre bei AEG in Kassel gearbeitet. Danach ging er zur Marine und fuhr acht Jahre zur See. Dann machte er Fachabitur, studierte Maschinenbau und ging nach dem Examen 1973 zu Siemens nach Erlangen. »35 Jahre war ich im Industriekraftwerksbau tätig. Ich bin viel gereist, meine Projekte lagen vor allem in Ostasien.« Mit 65 Jahren sollte längst nicht Schluss sein. Er wollte und sollte länger arbeiten. Als Freelancer, wie man heute sagt. Aber 2008 kam die Finanzkrise – und damit wurde es selbst für die eigenen Leute bei Siemens eng. »Ich musste aufhören und bin in ein Loch gefallen«, so Helmut Dach. »Siemens war mein Leben. Was kann nach 35 Jahren Siemens noch kommen?«, habe er gegrübelt. Was sollte ein Energiebündel wie er bloß mit dem Leben anfangen? Früher war Dach Marathon gelaufen und Radmarathon gefahren. Später stellten sich körperliche Beschwerden ein. Hochleistungssport kam als Rettungsanker also nicht infrage.

Die Familie wohnt seit 2008 im ländlich-idyllischen Leutenbach im Landkreis Forchheim. Im neuen Zuhause besann er sich und beschloss: »Ich will was anderes!« Er ging zu einer Holzauktion, ersteigerte Holz, kaufte sich einen alten Traktor und baute daheim einen Kachelofen, worin das selbst geschlagene Holz verschürt werden konnte. »Wenn ich fünf, sechs Stunden Holz geschlagen hatte, war das sehr entspannend. Bei meiner Heimkehr wurde ich lieb mit einem tollen Abendbrot empfangen, hinterher habe ich gerade noch die Nachrichten sehen können, dann bin ich eingeschlafen«, schildert Helmut Dach. Es war eine glückliche Zeit. Vorbei! Geblieben sind ein stattlicher Holzvorrat von 90 Ster und eine ansehnliche Zahl von Rosen, die er in seinem Garten gepflanzt hat. Doch seit sich die Familie auf den gastronomischen Neuanfang eingelassen hat, kommt der Garten etwas zu kurz.

Keine Rosen, kein Garten – nur Müll und Dreck. Entmutigend sah es im Mai 2012 rings ums ehemalige »Rote Ross« in Forchheim aus. Helmut Dach, damals 68, und seine über 30 Jahre jüngere Frau waren fest entschlossen, das einstmals erste Haus am Platze zu pachten. Wohlmeinende Freunde warnten die thailändische Küchenchefin in spe und ihren Mann. Doch die Dachs ließen sich nicht beirren und eröffneten am 24. November 2012 das »Thai-Basilikum«. »Es war eine Katastrophe«, erinnert sich Helmut Dach. »Weit über 100 Gäste waren gekommen. Allerdings war die Küche noch nicht installiert und die Getränke nicht geliefert worden. Außerdem hatte niemand Ahnung, nicht mal die Kellner.« Am Tag danach hat Angkana weinend gesagt, sie wolle aufhören. Noch einen Tag später war er selbst so weit: »Gegen Mitternacht transportierte ich den letzten Topf Currysoße von insgesamt zwölf hinüber zum Vorratsraum.« Auf dem unebenen Gelände geriet er aus dem Tritt. Er fiel hin. Die warme rote Flüssigkeit aus dem Topf ergoss sich über ihn und lief ihm bis in die Augen. In dem Augenblick sei ihm durch den Kopf geschossen: »Ich habe so viel Blödsinn im Leben gemacht, aber das ist der allergrößte!«

Angkana Dach mit einer Platte geschnitzem GemŸse, im Hintergrund Koch Suksiri Thungchua. Foto: Mile Cindric

Angkana Dach mit einer Platte geschnitzem GemŸse, im Hintergrund Koch Suksiri Thungchua. Foto: Mile Cindric

Es ging dennoch weiter. »Ich habe noch nie eine Frau so kämpfen sehen«, sagt Helmut Dach voller Bewunderung. Angkana habe auch ihn motiviert durchzuhalten. »Heute gilt das ›Thai-Basilikum‹ als Bereicherung von Forchheim und hat viele Stammgäste«, bilanziert er stolz. »Fleisch und frisches Gemüse werden ausschließlich per Hand geschnitten«, sagt er. »Wir leisten uns das, weil es uns nicht um Profit geht!« Und seine Frau fällt begeistert ein: »Kochen ist Kunst. Kochen ist Kultur!« »Warum tue ich mir 16-Stunden-Tage an?«, fragt Helmut Dach rhetorisch. »Ich könnte bequem von meiner Rente leben.« Der liebevolle Blick, den er seiner Frau zuwirft, sagt mehr als Worte. »Zwei, drei Tage in der Woche hätte ich schon gern frei, um in Leutenbach zu sein und mich mit den Leuten dort zu unterhalten, zu philosophieren und um Rad zu fahren«, seufzt der Mann mit der kräftigen Statur. Er wünsche sich, einmal den Ostseeradweg von Lübeck bis zur polnischen Grenze fahren zu können, verrät er. Bloß wann, steht noch in den Sternen.

Text: Ute Fürböter; Fotos: Mile Cindric