Ida Hiller (61)  frühere Frauenbeauftragte der Stadt Nürnberg, seit Juli 2014 in Altersteilzeit.

Ida Hiller (61)
frühere Frauenbeauftragte der Stadt Nürnberg, seit Juli 2014 in Altersteilzeit.

Kind oder Karriere? Viele wollen beides. Elterngeld, Teilzeitmodelle sowie Kita- und Hortplätze sollen die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern. Eine Generation zuvor stellte sich diese Frage kaum: Qualifizierte Frauen, die im Beruf vorankommen wollten, mussten auf Familie in aller Regel verzichten. Bereuen diese Frauen im Alter ihre Entscheidung? Und wie sehen sie die heutige familienpolitische Debatte? Vier Nürnbergerinnen berichten.
Protokolle: Sharon Chaffin, Fotos: Mile Cindric

Ida Hiller (61), frühere Frauenbeauftragte der Stadt Nürnberg, seit Juli 2014 in Altersteilzeit
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist leider immer noch ein ungelöstes Problem. Viele Frauen wie ich, haben sich in den vergangenen Jahren auf politischer Ebene dafür eingesetzt, dass sich die Bedingungen endlich verbessern. Das läuft aber trotz aller Regelungen noch nicht optimal, weil sich die Arbeitswelt querstellt. Heute haben es Frauen in mancher Hinsicht sogar schwerer: Sie sollen Kinder bekommen und gleichzeitig im Beruf erfolgreich sein. Um die Mehrbelastung zu entzerren, müssen sich die Männer stärker um die Erziehung der Kinder kümmern.
Wenn sich eine Frau heute für die Familie entscheidet, sollte sie sich frühzeitig überlegen, ob sie später in ihren Beruf zurückkehren kann, um nicht zu sehr in Abhängigkeit zum Mann zu geraten. Nicht jede Frau muss Karriere machen, aber sie sollte in der Lage sein, ihre Existenz zu sichern – gerade auch, weil Frauen bei Scheidungen heute rascher wieder arbeiten müssen als früher.
Natürlich hat sich etwas geändert: Bis 1979 war der Mutterschutz auf sechs Wochen vor der Geburt und acht danach beschränkt. Wenn Frauen länger zu Hause bleiben wollten, mussten sie ihre Stelle kündigen. Für mich stand damals fest: Familie oder Beruf – und ich habe mich ganz bewusst für das zweite entschieden. Das hatte sicherlich auch mit meiner Prägung im Elternhaus zu tun. Mein Vater hatte mir die Vorstellung vermittelt: Eine Frau macht eine kaufmännische Lehre, bekommt Kinder und arbeitet dann Teilzeit im Büro. Ich wollte in meiner Rebellionsphase aber genau diesem Modell und dieser Zuschreibung nicht entsprechen. Als ich dann mit meinem Partner und jetzigem Ehemann zusammen war, hätte er sich als freiberuflicher Grafiker zeitlich sicher gut um Kinder kümmern können, was er auch gerne übernommen hätte. Ich wollte aber keine Abhängigkeiten. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie habe ich mir deshalb nicht vorstellen können. Es gab keine Kinderkrippen, man wäre immer auf andere Menschen angewiesen gewesen – und mir war es damals eben einfach wichtig, zu arbeiten. Ich bin im Rückblick mit dem Weg, den ich eingeschlagen habe, sehr zufrieden und bereue nichts. Wir haben Kinder von unseren Geschwistern an Wochenenden oft – in Anführungszeichen – ausgeliehen. Ich hatte Kinder also dann, wenn ich sie wollte – als begeisterte Tante.
Annemarie Rufer (66) ehemalige Abteilungsleiterin für den Bereich Politik und Gesellschaft am Nürnberger Bildungszentrum, seit 2013 im Ruhestand

Annemarie Rufer (66) ehemalige Abteilungsleiterin für den Bereich Politik und Gesellschaft am Nürnberger Bildungszentrum, seit 2013 im Ruhestand

Annemarie Rufer (66) ehemalige Abteilungsleiterin für den Bereich Politik und Gesellschaft am Nürnberger Bildungszentrum, seit 2013 im Ruhestand
Vor kurzem habe ich Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig auf einer Tagung erlebt, wo sie das so genannte Elterngeld Plus vorstellte. Die Pläne könnten ein weiterer Schritt in die richtige Richtung sein: nämlich eine Verlängerung des Erziehungsgeldes, wenn beide in Teilzeit gehen – und zwar nicht auf 20 Stunden reduziert, was karriere- und berufstätigkeitskillend ist, sondern auf etwa 32 Stunden. Wenn Frauen der Familie zuliebe ihre Stundenzahl auf 20 reduzieren, ist das immer ein Schuss nach hinten. Dabei kommt im Zweifelsfall nichts heraus – weder für die Familie noch für den Beruf.
Ich selbst konnte mir damals nicht vorstellen, dass ich beides schaffe. Zu Beginn war die Entscheidung »Kind ja oder nein« ein Hin und Her mit ständigem Hinausschieben. Zunächst habe ich gesagt, mit 35, dann mit 37, ach, dann halt mit 40 – und dann habe ich plötzlich gemerkt: Wenn du es jetzt nicht machst, geht es wirklich nicht mehr. Irgendwann habe ich bewusst gesagt: Es ist auch ohne Kinder okay – und das finde ich jetzt immer noch. Man muss auch nicht eigenen Nachwuchs bekommen, um Kinder zu haben: Mein Partner hat eine Tochter, und diese wiederum einen Sohn. Ich habe einen Vize-Enkel und mit meinen Großnichten und -neffen auch viele – in Anführungszeichen – Leihkinder. Ich habe mir die Entscheidung gut überlegt, um mit 70, 80 eben nicht zu sagen: »Hätte ich doch…«
Wenn es so gewesen wäre, dass ich schwanger wurde, ein Kind bekommen hätte und dann wieder in meinen Beruf zurückgegangen wäre und mir mit dem Partner die Zuständigkeit für die Erziehung hätte teilen können, hätte ich womöglich Beruf und Familie unter einen Hut bekommen. Gegen eine Schwangerschaft und ein Kind hätte ich nichts gehabt. Aber die Bedingungen waren damals nicht so – und ich bezweifle, dass das heute so viel anders ist. Sicher hat sich in der neuen Generation ganz viel getan. Ich sehe, dass in den Köpfen meiner Enkelgeneration etwas passiert ist, aber noch nicht das Entscheidende – nämlich zu sagen: Auch ich stelle als Mann meine Karriere zu Gunsten der Familie zurück. Das sollten dann auch endlich die Arbeitgeber akzeptieren: Dazu müssen aber erst die Männer meiner Generation abtreten.
Dr. Elisabeth Eigler (77)
langjährige Chefärztin für rehabilitative Medizin am Klinikum Nürnberg, seit 2001 im Ruhestand
Dr. Elisabeth Eigler (77)  langjährige Chefärztin für rehabilitative Medizin am Klinikum Nürnberg, seit 2001 im Ruhestand

Dr. Elisabeth Eigler (77)
langjährige Chefärztin für rehabilitative Medizin am Klinikum Nürnberg, seit 2001 im Ruhestand

Meine Vision hat eigentlich ganz anders ausgesehen: Ich wollte immer die Ehefrau eines Pfarrers oder eines Arztes auf dem Land sein und vier Kinder haben. Das war so meins – und da wurde dann so gar nichts daraus. Ich habe den richtigen Partner zum richtigen Zeitpunkt nicht gefunden und deshalb einen völlig anderen Weg beschritten. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich außerordentlich dankbar bin, dass sich das alles noch so ergeben hat. Ich habe also anstatt eine Familie zu gründen, die berufliche Laufbahn intensiver verfolgt und mich im Klinikum auf die Chefarztstelle beworben. Nachdem ich in Nürnberg Fuß gefasst hatte, war es für mich hier eine große Erfüllung. Da war ich schon älter als 45. Familie war für mich kein Thema mehr.
Später habe ich dann gesagt: Die vielen Kinder, die ich gerne selber gehabt hätte, habe ich ja reichlich in meinem Beruf erlebt. Und außerdem komme ich aus einer großen Familie, meine Geschwister und Freunde sind mit ihren Kindern immer sehr großzügig umgegangen, so dass ich für viele Nichten, Neffen, Cousinen und Kinder von Freunden die Lieblingstante bin. Ich habe so viele junge Menschen, die mich mögen und die ich mag, dass das die fehlenden eigenen Kinder kompensiert.
Hätte es damals schon »social freezing«, also das Einfrieren von Eizellen gegeben, hätte ich es wohl trotzdem nicht gemacht. Ich stehe dem Machbarkeitswahn eher skeptisch gegenüber – und bin froh, dass ich nicht zu der Generation gehöre, die darüber entscheidet, wie weit man geht.
Als Chefärztin hätte ich auf keinen Fall nebenbei Familie und Kinder verkraften können. Das hätte ich nicht geschafft. Meine drei Ärztinnen hatten alle drei Kinder. Das war aber nur mit ihrer Tätigkeit im Klinikum vereinbar, weil ich ihnen Halbtagsstellen bieten konnte. So konnten sie sich eine Stelle teilen – ohne jede Probleme. In meiner Frauen-Generation war die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ohnehin viel problematischer als heute, weil es Tagesmütter oder Kinderkrippen noch nicht gab – obwohl ich es sicher nicht übers Herz gebracht hätte, ein kleines Würmchen früh um sieben Uhr in die Kita zu geben. Befreundete Ärztinnen mit Kindern haben oft lange ausgesetzt – und im Beruf kleinere Brötchen gebacken.
 Ingegerd Ljungström (72)  Gründerin und frühere Chefin des Geschenkartikel-Geschäftes »Schweden Produkte« in Nürnberg, drei Söhne


Ingegerd Ljungström (72)
Gründerin und frühere Chefin des Geschenkartikel-Geschäftes »Schweden Produkte« in Nürnberg, drei Söhne

Ingegerd Ljungström (72)
Gründerin und frühere Chefin des Geschenkartikel-Geschäftes »Schweden Produkte« in Nürnberg, drei Söhne
Wenn ich meinen Mann nicht gehabt hätte, hätte ich Geschäft und Familie nicht unter einen Hut bekommen. Er hat mir sehr viel abgenommen. Ich glaube, keine Kita und kein Kindergarten kann die Hilfe eines Ehepartners ersetzen. Mein verstorbener Mann war da einfach super: Er hatte eben die schwedische Einstellung, dass Männer im Haushalt genauso viel machen müssen wie Frauen. Am Wochenende hat mein Mann, der ja auch seinen eigenen Beruf hatte, daheim voll mitgearbeitet und sich mit den Kindern beschäftigt. Das erleichterte vieles. In Deutschland ändern sich die Rollenbilder erst jetzt, nun helfen hier auch Männer bei der Kindererziehung mehr mit. In Schweden aber ist das schon lange so: Auch mein Vater hat im Haushalt mitangepackt und beispielsweise Geschirr gespült. Er hat zwar nicht so viel gemacht wie mein Mann, aber immerhin! Überhaupt haben es in Schweden berufstätige Mütter leichter als in Deutschland: In meiner Heimat können die Kinder in jeder Schule zu Mittag essen. Das ist hier noch nicht überall so: Wenn die Frauen arbeiten und abends noch kochen müssen, ist das viel.
Mir haben auch Nachbarn geholfen und ab und zu die Kinder von der Schule abgeholt; später haben auch die beiden älteren Söhne beim Jüngsten mitgeholfen. Das war zu der Zeit, als ich mit den aus Schweden importierten Geschenkartikeln und meinem Geschäft am meisten zu tun hatte. Wenn ich nicht so viel Unterstützung gehabt hätte, hätte das nicht funktioniert. Ich habe unheimlich viel gearbeitet. Ich habe meine Firma schließlich fast alleine geführt.
Meine Selbstständigkeit ist mehr durch Zufall entstanden. Mir war zu Hause langweilig; so habe ich mit dem Importieren begonnen – und langsam wurde das Geschäft immer größer. Auf Kinder hätte ich der Karriere wegen aber nicht verzichtet, mein Leben als Geschäftsfrau hat ja auch erst richtig begonnen, als meine Söhne geboren waren. Ich bin dankbar, dass ich alles so gut verbinden konnte. Denn neben der Familie hat mir meine Arbeit immer Freude bereitet, ich bin gerne in das Geschäft gegangen – und gehe heute zu meiner Nachfolgerin immer noch gerne hin. Ich wohne jetzt im Mehrgenerationen-Haus in der Marthastraße – und gegenüber ist meine alte Firma.
Fotos: Mile Cindric