Eine älter werdende Gesellschaft ist kein Schreckensbild, sondern bietet auch neue Möglichkeiten. Foto: epd
Eine älter werdende Gesellschaft ist kein Schreckensbild, sondern bietet auch neue Möglichkeiten. Foto: epd

Die Geburtenzahlen sinken, die Lebenserwartung steigt, der Anteil älterer Menschen in der Gesellschaft wächst. Nicht nur mit den Problemen, sondern vor allem mit den Chancen dieser Entwicklung befasst sich ein europäisches Forschungsprojekt, an dem die Universität Würzburg beteiligt ist.
Bis zum Jahr 2050 wird die Bevölkerung in Deutschland um rund sieben Millionen auf dann 75 Millionen Menschen schrumpfen, so eine Prognose des Statistischen Bundesamtes. Auf 100 Personen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren sollen dann 86 Personen kommen, die älter als 60 sind. Diese Entwicklung hin zu einer „Überalterung“ der Gesellschaft wird meistens als Bedrohung gesehen – besonders mit Blick auf das Rentensystem, weil dann wenige Beitragszahler viele Rentner finanzieren müssen.
Das europäische Forschungsprojekt „Mopact“ (Mobilizing the potential of active ageing in Europe) nimmt nicht nur die Probleme, sondern auch die positiven Folgen der längeren Lebenszeit in den Blick. Die beteiligten Wissenschaftler möchten Chancen zeigen, die sich daraus für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung ergeben. Bis zum Projektende Anfang 2017 wollen sie entsprechende Strategien und Politikansätze für die europäischen Entscheidungsträger entwickeln.
Aktivere und engagiertere Senioren
„In nicht allzu ferner Zukunft werden die Menschen im Alter von 70 Jahren eine mentale und physische Verfassung wie die heute 50-Jährigen haben“, sagt Professor Hans Fehr vom Volkswirtschaftlichen Institut der Universität Würzburg. Darum würden die Menschen in dieser späten Lebensphase viel aktiver sein als heute: „Sie werden nicht nur länger produktiv arbeiten, sondern sich auch stärker ehrenamtlich in Vereinen, Parteien und Initiativen engagieren.“
Zahlen und Fakten zum Projekt
Solche Aspekte des demografischen Wandels werden im Projekt „Mopact“ analysiert, in dem der Würzburger Finanzwissenschaftler mitarbeitet. In dem Projekt kooperieren Ökonomen, Soziologen, Demografen, Mediziner und Naturwissenschaftler von 29 Institutionen aus 13 Ländern der Europäischen Union (EU). Aus Deutschland sind neben der Julius-Maximilians-Universität Würzburg Teams von den Universitäten Bochum, Braunschweig und Dortmund sowie der Fachhochschule Gelsenkirchen beteiligt. Die Europäische Union fördert „Mopact“ mit 5,9 Millionen Euro; gut 100.000 davon sind für den Würzburger Projektteil bestimmt.
Woran die Würzburger forschen
Zum Würzburger Team gehört neben Professor Fehr und Dr. Sabine Jokisch vom Volkswirtschaftlichen Institut auch Professor Larry Kotlikoff von der Boston University. Gemeinsam mit Forschern aus Finnland, Dänemark und Norwegen befasst sich die Gruppe mit ökonomischen Aspekten der Alterung. Ihre Forschungsfragen: Wie wird die längere Lebenszeit das Erwerbs-, Bildungs- und Konsumverhalten verändern? Welche Folgen ergeben sich daraus für die europäischen Sozialversicherungssysteme? Welche Reformen sind nötig? Wie wird sich die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in Europa verändern? Hat das Einfluss auf die Außenhandelsverflechtung innerhalb Europas und mit nicht-europäischen Ländern?
Simulationen zum demografischen Wandel
Konkret wird die Würzburger Gruppe ein Mehr-Länder-Simulationsmodell für den demografischen Wandel weiter ausbauen, um einzelne Regionen in der EU unterscheiden zu können. Mit dem Modell lassen sich detailliert unterschiedliche Alterungsprozesse sowie länder- und regionenspezifische Steuer- und Transfersysteme abbilden. Das Modell erlaubt zudem eine Abschätzung, wie die längere Lebenszeit die künftige Nachfrage nach Weiterbildung im Alter beeinflussen wird. Außerdem kann damit der Frage nachgegangen werden, inwieweit eine verbesserte Weiterbildung im Alter einen signifikanten gesamtwirtschaftlichen Produktivitäts- und Wachstumszuwachs erzeugen kann. „Mit unserem Modell können wir auch unterschiedliche Reformen in den Steuer- und Sozialversicherungssystemen simulieren“, so Fehr. Auf diese Weise wollen die Wissenschaftler untersuchen, wie unterschiedlich der Reformbedarf in einzelnen Ländern ist und wie sich Reformen in einem Land auf die anderen Länder auswirken.

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