Der ehemalige Siemensianer, Ludwig Kleiner, vor dem früheren Firmensignet.

Die Ehemaligen sind es in erster Linie, die das familiäre Gefühl hochhalten. In zwei Organisationen können sie aktiv werden: Da ist die Med-Pensionärgemeinschaft Siemens nur für die früheren Mitarbeiter des Sektors Medizin (heute Sector Healthcare), zum anderen die Siemens-Pensionärsgemeinschaft Erlangen für Ex-Angehörige aller früheren 15 Unternehmensbereiche. Beide wiederum firmieren unter dem Dach der »Freizeitgemeinschaft Siemens Erlangen«, die mit rund 10 000 Mitgliedern der größte Verein in Erlangen ist und aktiven wie früheren Siemensianern die Möglichkeit gibt, sich sportlich zu betätigen, sich mit anderen auszutauschen, gemeinsame Hobbys zu pflegen wie etwa Astronomie, Brigde oder im »Arbeitskreis Esoterik und Wissenschaft«. Oder eben, wenn sie früher im Medizin-Bereich tätig waren, bei der Med-Pensionärsgemeinschaft. Deren Vorsitzender Ludwig Kleiner mag es eigentlich gar nicht so gern, dass man seine Organisation hervorhebt. Es gebe keine Konkurrenz, sagt er, und »wir machen unsere Arbeit einfach gerne«.
Aber der Med-Zweig hat die größere Tradition in Erlangen – und damit auch eine größere Tradition zu verteidigen. Die Geschichte dieses Unternehmenszweigs begann bereits 1877 mit einem Gewerbebetrieb, den Erwin Moritz Reiniger am Schlossplatz 3 in Erlangen gründete, um zunächst nur elektrische Geräte zu bauen und zu reparieren. Zusammen mit Max Gebbert und Karl Friedrich Schall gründete er 1886 die »Vereinigten physikalisch-mechanischen Werkstätten Reiniger, Gebbert & Schall, Erlangen – New York – Stuttgart (RGS)«. Sieben Jahre lang blieb man am Schlossplatz.
Nachdem Wilhelm Conrad Röntgen 1895 die Röntgenstrahlen entdeckt hatte, sicherten sich RGS das Recht, Röntgenröhren und die zugehörigen Apparate herstellen zu können. Das Werk stand im heutigen Museumswinkel. RGS schloss sich 1932 mit anderen Firmen zusammen, und so entstand die Firma Siemens-Reiniger-Werke AG (SRW). An Gebbert und Schall erinnern heute nur noch Straßen, der Name Reiniger lebte in den SRW fort und führt weit hinein in die Siemens-Firmengeschichte.
»Dieses Erbe von Moritz Reiniger wollen wir fortsetzen«, betont Ludwig Kleiner. Anfang des 20. Jahrhunderts entstanden in Erlangen die Familienstrukturen, die das Unternehmen jahrzehntelang prägten, wie der 71-Jährige versichert. Die Firma sorgte für junge Familien und half Beschäftigten, die Kranke pflegten und ältere Angehörige betreuten. Dies war Standard, als kurz vor und dann nach Kriegsende die Siemens-Hauptverwaltung und andere Unternehmensbereiche von Berlin nach Erlangen verlegt wurden. Dorthin, wo der Med-Bereich schon lange heimisch war.
»Wir waren in der Produktion tätig«, sagt Ludwig Kleiner, »die anderen kamen aus der Verwaltung.« Aus den unterschiedlichen Personalstrukturen entstanden zwei getrennte Pensionärskreise, die auch heute in zwei eigenen Organisationen geführt werden. Kleiner will sich dazu nicht weiter äußern, aber eine Fusion ist vermutlich so schnell nicht zu erwarten.
»Wir wollen den früheren Mitarbeitern und ihren Angehörigen das bieten, was sie auch früher bei Reiniger hatten«, betont Ludwig Kleiner. Eigentlich war schon alles nicht mehr so wie früher, seit 1966 Siemens-Reiniger, Siemens & Halske und Siemens-Schuckert in die Siemens AG überführt wurden. Auf den früheren Konzernchef Heinrich von Pierer, einen Erlanger, lässt Kleiner nichts kommen. Aber dann seien die alten Ideale nach und nach verschwunden. »Das ›Haus Siemens‹ ist vor mehr als zehn Jahren gestorben«, beklagt der Pensionär, »und Reiniger auch.«
Die Med-Pensionäre sehen sich da als Hüter des Erbes von Moritz Reiniger und alter Siemens-Tugenden. Deshalb, so der Vorsitzende, hätten sie vor 30 Jahren ihre Gemeinschaft gegründet, mit dem Ziel, die vielen persönlichen Kontakte, die im Arbeitsleben bestanden, auch im Ruhestand fortzusetzen und zu nutzen. Und dies unabhängig vom Rang, den ein Pensionär früher in der Firma hatte. So gibt es nicht nur Fahrten-, Wander- und Radlergruppen, sondern auch einen Arbeitskreis »Soziale Kontakte«, der zu Geburtstagen gratuliert, Besuche macht und auch persönliche Hilfestellungen gibt. Da erkennt man sie wieder, die alte Siemens-Familie. Außerdem stehen regelmäßige Fachvorträge auf dem Programm, die, wie Kleiner betont, ausnahmsweise auch geladenen Gästen offen stehen, die nicht zur Pensionärsgemeinschaft gehören. Wer was wo plant oder veranstaltet hat, steht in der Mitglieder-Zeitung, die sich fränkisch-schlicht »Das Bläddla« nennt.
Die Med-Pensionäre sehen sich nicht als Gegengewicht zum Konzern, schon überhaupt nicht als Nörgler, die jene alten Zeiten wiederhaben wollen, in denen sowieso alles besser war. Sie wollen nur nicht, dass die speziellen Beziehungen verschwinden, die den Konzern einst ebenso auszeichneten wie seine wirtschaftlichen Erfolge. Und dafür finden sie auch bei Siemens Healthcare ein offenes Ohr. Im Haus an der Henkestraße sind sie gern gesehene Gäste.
Der grundsätzliche Wandel der Firma lässt sich nach Kleiners Ansicht auch an Äußerlichkeiten festmachen. Früher habe der Med-Bereich einmal »Siemens AG, Wernerwerk für medizinische Technik« geheißen. 1969 wurde »Unternehmensbereich Medizintechnik – UB Med« daraus, 2001 »Siemens Medical Solutions« und 2008 »Siemens Sector Healthcare«. Wohin man schaue, überall herrsche Englisch vor. Viele Pensionäre können sich damit nur schlecht anfreunden. »Wir in der Reiniger-Familie wollen beim deutschen Namen MED bleiben«, betont Kleiner. Der Konzern möge zwar ein Global Player sein, »aber wir sind Erlanger«.
 
Herbert Fuehr
Foto: Mile Cindric