Peter und Gracia Knott mit Yorkshire Terrier Paula im Wohnzimmer ihres Reihenhauses in Oberasbach. Foto: Michael Matejka

Für Peter war die Angelegenheit schnell klar: Diese Frau war’s und sonst keine. Allerdings bedurfte es schon einer gewissen Hartnäckigkeit, um sie zu erobern. Denn Peter Knotts Auserwählte war keine Fränkin. Peters Traumfrau stammte von den Philippinen: Gracia Guerrero aus Makati, kurz Grace genannt, war eine aparte, lebhafte Schwarzhaarige mit dunklem Teint. Kennengelernt hatten sich die beiden beim deutsch-amerikanischen Volksfest in Fürth. Das war im Jahr 1981. Grace war damals zu Besuch bei amerikanischen Freunden. Drei Jahre später waren sie ein Ehepaar.
Die Strategie des ruhigen Peter war endlich aufgegangen. Doch er hatte viel Geduld gebraucht: Nachdem die schöne Philippina seinem Werben nichts mehr entgegenzusetzen gehabt hatte, hatte er einen behutsamen Briefwechsel mit der Frau Mama Guerrero. Denn Grace war 1982, nachdem ihr Visum abgelaufen war, wieder in ihre Heimatstadt Makati nahe Manila zurückgekehrt. Also plante Peter einen Besuch bei der verwitweten Mutter Guerrero und den beiden Geschwistern von Grace. Der Rest ist rasch erzählt. Grace, Krankenschwester mit US-Diplom, ließ alles hinter sich: großes Haus, Mutter und Geschwister, und zog in Peters kleine Wohnung nach Nürnberg.
Eine Stelle im Wastl
Damals, Anfang der achtziger Jahre, erregten binationale Ehen mehr als nur Aufmerksamkeit – nicht nur bei den Behörden. Misstrauen schlug den Fremden entgegen, auch Ablehnung. Die Ämter prüften akribisch jedes Dokument. Indes, der Verdacht auf eine Scheinehe war bei Peter und Grace gar nicht erst aufgekommen. Grace hatte alle Papiere im Goethe-Institut in Manila übersetzen lassen. »Ich bekam sofort eine Stelle als Krankenschwester im ›Wastl‹«, sagt Grace heute noch freudig. Sie erinnert sich aber auch an manche Heimbewohner im Sebastiansspital, die sie, weil Ausländerin und sanft dunkelhäutig, als Pflegerin ablehnten. Doch bei ihrer Stationsschwester und allen Kolleginnen fand Grace hilfreiche und verständnisvolle Unterstützung. »Das war eine schöne Erfahrung«, sagt sie. Sie büffelte in der Volkshochschule fleißig die deutsche Sprache. Bis sie sie beherrschte, verständigte man sich auf Englisch. 1986 hatte sie bereits die deutsche Staatsbürgerschaft in der Tasche.
Im Gegensatz zu heute, wo vor allem in den Großstädten Ausländer zum Stadtbild gehören und binationale Paare meist gar nicht mehr bewusst wahrgenommen werden, erregte ein Paar wie Grace und Peter in den Anfangsjahren ihrer Ehe Aufsehen. Grace sah sich im Bus skeptischen und kritischen Blicken ausgesetzt, und Peter musste sich im Fußballverein, wo er als Trainer tätig war, Sprüche anhören wie »Wo hast Du denn die gekauft…?«. Man brauchte schon ein dickes Fell, sagen beide.
Heute, nach 28 Jahren Eheleben, können sie, ohne Aufmerksamkeit zu erregen, in einem Landgasthof einkehren und »Schäufele« essen. Und wenn es im Vereinsheim von Peters Club etwas zu feiern gibt, gehört Grace einfach dazu.
Grace kann der fränkischen Küche durchaus etwas abgewinnen, und Ehemann Peter hat nichts gegen philippinische Spezialitäten einzuwenden. »Aber eigentlich«, versichert Grace, »gibt es bei uns internationale Küche. Nicht nur philippinisch.«
»Wir profitieren heute von den Multi-Kulti-Zeiten«, sagt die 56-Jährige. Und ihr vier Jahre jüngerer Ehemann sieht die Entwicklung hierzulande durchaus positiv. Mittlerweile leben in Deutschland schätzungsweise zwei Millionen Menschen in einer binationalen Partnerschaft.
Freilich, auch zwischen Grace und Peter lief und läuft nicht alles immer glatt. »Wie in jeder Ehe gibt es halt auch bei uns mal Meinungsverschiedenheiten«, meint Peter. So hatte es dem frischgebackenen Ehemann partout nicht in den Kopf gewollt, dass sich seine Angetraute vor dem Schlafengehen dick einmummte, Strümpfe und noch einen Pullover überzog. Wenn er dann darüber witzelte, war sie leicht angesäuert. »Ich hab einfach gefroren, es war ja Februar«, sagt sie achselzuckend.
Nackt in die Sauna zu gehen, war für die junge Philippina undenkbar. An vielen solchen banalen Alltagsdingen wurde die Verschiedenartigkeit von Herkunft und Kultur der beiden deutlich.
Heute hat Grace weder mit der Kälte noch mit dem Saunabesuch Schwierigkeiten. Eher schon beim Besuch in der alten Heimat. Wenn sie den Markt besucht in T-Shirt und kurzer Hose, ist sie für die Händler eine Fremde. Und sie ist nicht mehr die heißen Temperaturen gewöhnt.
Keine Frage: Grace hat sich in jeder Hinsicht an ihre neue Heimat angepasst.
Der Stolz des Paares sind die beiden Kinder: Daniel (25) und die 16-jährige Janine. Beide sind Sportler wie der Vater. Janine wohnt noch zu Hause, aber Daniel, Beamter im öffentlichen Dienst, steht auf eigenen Beinen.
Wenn Grace ans Älterwerden denkt und daran, dass sie beide vielleicht eines Tages auf Hilfe und Pflege angewiesen sein könnten – dann kommt sie doch ins Grübeln. Sie, die heute in der Demenz-Abteilung des Diakonie-Seniorenzentrums Rangau in Oberasbach im Landkreis Fürth Dienst tut, erlebt täglich Mühsal und Gebrechen, die das Alter mit sich bringen können. Und sie erlebt die Verlassenheit mancher Heimbewohner.
»Oft haben die Kinder keine Zeit, die alte Mutter oder den Vater zu besuchen«, klagt sie. »Dann kommt schon der Gedanke, ob ich nicht im Alter in meine Heimat zurückkehre, wo die alten Menschen bis zu ihrem Tod in der Familie leben.« Gleichzeitig wird ihr aber bewusst, dass die Philippinen nicht mehr ihre Heimat sind. Sie sind wie ein Traum aus einer anderen Zeit.
Peter kann die Zerrissenheit seiner Frau verstehen. Er versucht ihr aber deutlich zu machen, dass auch auf den Philippinen die Zeit voranschreitet. Grace weiß, dass es auch dort Heime für alte Menschen gibt.
Günter Dehn, Foto: Mile Cindric
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