Das Ende einer Ehe muss nicht in einem schmutzigen Scheidungskrieg enden. Eine Mediation kann hilfreich sein. Foto: Mile Cindric

Die erwachsenen Kinder reagieren entgeistert. Soeben hat ihnen ihr Vater eröffnet: »Eure Mutter und ich wollen uns scheiden lassen.« Sie können es nicht fassen, schließlich ist die Mutter Mitte sechzig, der Vater fast siebzig. »Ihr seid doch schon so lange zusammen und habt euch doch immer ganz gut verstanden«, sagen sie hilflos. Und ihr Widerspruch geht weiter: »Mein Gott, Krach gibt es doch mal in jeder Ehe.« Doch die Eltern sind keinem Argument zugänglich. Sie haben den Entschluss, sich zu trennen, nach langen Gesprächen und heftigen Auseinandersetzungen gefasst. Nun bleiben sie dabei.
So exotisch, wie es jüngeren Menschen vorkommt, ist das Vorhaben aber nicht. »Trennungen im Rentenalter – Besondere Belastung oder der ganz normale Wahnsinn?« lautet der Titel einer Diplomarbeit, die Rita Probst, Sozialpädagogin und Master of Mediation, vor einigen Jahren vorlegte. Ihren damaligen Aufruf im Magazin sechs+sechzig, an dieser Studie mitzuwirken und dafür einen entsprechenden online-Fragebogen auszufüllen, erwiderten die Leserinnen und Leser mit einer ungewöhnlich hohen Resonanz. So konnte Probst ihre mit Fachinstitutionen abgestimmte Arbeit mit zahlreichen Fakten und Zahlen aus der Praxis unterfüttern.
Mittlerweile hat sich Rita Probst in Heroldsberg mit eigenen Beratungsräumen etabliert und bietet neben Kommunikationstraining, Paar- und Einzelberatungen auch Mediation im Fall von Trennung und Scheidung an. Das spezielle Thema »Trennung im Rentenalter« hat sie über die Jahre nicht losgelassen. Immer häufiger erlebt sie, dass grauhaarige Klienten ihre Hilfe als Mediatorin in Anspruch nehmen, um ihre geplante Scheidung möglichst einvernehmlich und unkompliziert in die Wege zu leiten. Auch wenn sich die Modalitäten einer »Trennung von Tisch und Bett« im fortgeschrittenen Alter formal nicht wesentlich von einer Scheidung nach kurzer Ehedauer unterscheiden, so sind doch die Befindlichkeiten, vor allem aber die Perspektiven der Älteren anders als die der Jüngeren. Derzeit arbeitet Rita Probst an einem Buch, das sich mit dieser Problematik befasst.
»Früher war die Situation alter Ehepaare ganz anders als heute«, sagt sie. »Auch wenn man sich nichts mehr zu sagen hatte, blieb man in der Regel beisammen bis zum Tod.« Das war schon aus wirtschaftlicher Sicht ratsam. Außerdem »gehörte sich das einfach so«. Heute ist der gesellschaftliche Makel einer Scheidung entfallen, die finanzielle Lage oft entspannter. Ehefrauen sind nicht mehr per se nur Hausfrau und Mutter, sondern haben durch eine Berufstätigkeit eigene Rentenansprüche erworben. Ihr Selbstbewusstsein ist gestärkt, die Emanzipationsbewegung hat, wenn auch oft unbewusst, Früchte getragen. Das ist das eine.
Das andere ist die verlängerte Lebenszeit. »Das ist ein ganz wesentlicher Faktor«, sagt Rita Probst. »Ein Mensch um die Sechzig weiß, dass er, sofern er gesund ist, noch eine ganze Reihe von Jahren vor sich hat. Die möchte er nutzen. Er sieht noch Perspektiven, hat noch Pläne, aber der langjährige Ehepartner zieht nicht mit. Vielleicht ist es auch ein ewiger Streit, in den sich die beiden verwickelt haben, oder, das ist vielleicht noch häufiger, eine Sprachlosigkeit, die nicht mehr zu überwinden ist. Er, der Mensch, ob männlich oder weiblich, träumt von einem Neuanfang und – wenn er Mut genug hat oder der Druck zu groß ist – entscheidet sich für Trennung oder Scheidung.«
Diesen Mut oder diese Entschlusskraft haben meistens die Frauen, weiß die Mediatorin. Etwa 90 Prozent der Trennungswünsche gehen von der Partnerin aus. Eher selten ist es ein anderer Mann, eine neue Liebe, die sie zu dieser Entscheidung drängt, sondern vielmehr der Wunsch, sich von Frustration, Enge, physischer oder psychischer Gewalt zu befreien und den letzten Lebensabschnitt nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Zwar ist das Verlangen nach »gelebter Sexualität« auch auf weiblicher Seite vorhanden – nach oft jahrelangem Stillstand während der Ehe – doch bei den Männern ist er ausgeprägter. »Männer definieren sich mehr als Frauen über ihre Sexualität und suchen sich deshalb häufig jüngere neue Partnerinnen«, sagt Probst. Sie haben nach Eintritt in den Ruhestand oft etwas Wesentliches eingebüßt: die Bestärkung durch Kollegen, Chefs oder die Untergebenen. Es fehlt die Herausforderung, die die Arbeit beschert hat, die Anerkennung, wenn das Tun gelingt. Es fehlt, so banal es auch ist, die Sekretärin, die morgens lächelnd den Kaffee serviert. Stattdessen steht »Papa ante portas«.
Der Ehefrau, falls auch sie im Beruf stand, fehlen ebenfalls Arbeit und menschlicher Kontakt, Anerkennung und Bestätigung. Zu Hause ist das Nest verlassen, der Nachwuchs ausgeflogen, die Gespräche sind versiegt. Jahrelang hat man sich als Familie ausgetauscht, die Kinder standen im Mittelpunkt – jetzt sind sie weg, und es bleibt eine Leere. Für die Töchter und Söhne, die nun ihr eigenes Leben leben, ist es schwierig nachzuvollziehen, in welche Krise ihre Eltern nun leicht geraten: »Ihr könntet es jetzt doch so schön haben«, sagen sie dann.
Doch es gibt auch andere Reaktionen. Rita Probst weiß von erwachsenen Kindern, die ihre Mutter oder ihren Vater geradezu beglückwünschen: »Gut, dass der ganze Jammer jetzt ein Ende findet und Ihr Euch endlich trennt!«
Doch bevor vor Gericht Fakten geschaffen werden, gibt es vieles zu regeln. Gerade bei einer Scheidung im Rentenalter ist der finanzielle Aspekt von großer Wichtigkeit, hat doch keiner der Beiden eine berufliche Karriere mit entsprechendem Verdienst mehr in Aussicht. Jetzt geht es um Rentenansprüche und Rentenausgleich, um die Aufteilung von gemeinsam Erworbenem, um Anteile und Verzicht. Damit nicht im Endspurt die Fetzen fliegen, sondern das Unerfreuliche möglichst friedfertig und gerecht über die Bühne geht, schalten die Trennungswilligen gern einen Mediator, eine Mediatorin ein.
Zusammen mit ihren Klienten bemüht sich Probst um Einvernehmen zwischen den Parteien und verweist für den erforderlichen juristischen Akt auf Anwälte, die die in der Mediation erarbeiteten Lösungen in ihre Überlegungen und Scheidungsakten einbeziehen. Das hilft Zeit und Geld zu sparen.
Und wie geht es den Geschiedenen im Seniorenalter in der Zeit danach? »In der ersten drei Jahren ist es manchmal schwie-rig, nicht anders als bei Geschiedenen der jüngeren Generation«, sagt Rita Probst. »Doch dann wird es besser. Viele leben zufriedener, manche finden noch einmal ihr Glück.«
Brigitte Lemberger