Eine Kittelschürze für Barbie? Zu kaufen gibt es die natürlich nicht. Eigens für sechs+sechzig hat Leserin Hanne Dehn das Stück angefertigt. Womit bewiesen ist, dass man auch in einem altmodischen Kleidungsstück eine gute Figur machen kann. Foto: Michael Matejka

Eine Kittelschürze für Barbie? Zu kaufen gibt es die natürlich nicht. Eigens für sechs+sechzig hat Leserin Hanne Dehn das Stück angefertigt. Womit bewiesen ist, dass man auch in einem altmodischen Kleidungsstück eine gute Figur machen kann. Foto: Michael Matejka

Wer sich gedanklich in die 50er Jahre versetzt, sieht vor seinem inneren Auge vermutlich Resopalmöbel und Wachstuchtischdecken, Dauerwellen und plüschige Pantoffeln. Frauen, die kochen und kneten, putzen und werkeln. Und was haben sie an? Eine Kittelschürze, was sonst? Geblümt, gestreift oder kariert, mit oder ohne Ärmel, gehört sie dazu wie Sonntagsbraten und selbstgebackener Kuchen.
Doch ihr Ruf war und ist nicht der beste. Die Kittelschürze gilt als altmodisch, spießig, als Sinnbild des Bestrebens, der Familie fleißig zu dienen und eine gute Hausfrau ohne Ansprüche zu sein. Wer will das heute noch? Junge Frauen ohnehin nicht, aber auch die älteren fahren lieber als moderne Rentnerin von Welt in den Urlaub oder belegen Kreativ- und Wellness-Kurse, statt sich für den Haushalt aufzuopfern. Andererseits muss der Haushalt in Ordnung gehalten werden, ganz kommt niemand ums lästige Putzen und Waschen herum. Und dafür braucht man passende Kleidung, die robust, bequem und praktisch ist. Hat hier die Kittelschürze noch ihr Refugium?
Alter und Schönheit
Janin Abt (24), die im fünften Semester Pflegemanagement an der Evangelischen Fachhochschule in Nürnberg studiert, hat sich dem Thema zwischen Mode und sozialem Leben zugewandt und eine kleine Studie erstellt. Im Rahmen des Kongresses »Ganz schön alt« zum Thema Alter und Schönheit im Januar 2009 in Nürnberg befasste sie sich mit der »Kittelschürze – ein aussterbendes Merkmal des Alters?« Die Idee dazu kam ihr, als die junge Schwabacherin gebeten wurde, über Alter und Schönheit nachzudenken. Befragt hat sie 50 Frauen im Alter von 40 bis 85 Jahren, von denen sie Dinge wissen wollte wie »Was denken Sie über das Kleidungsstück?«, »Tragen Sie eine Kittelschürze, und wenn ja, bei welcher Tätigkeit? Wenn nein, haben Sie früher eine getragen und warum jetzt nicht mehr?«
Janin Abts Resümee: Zum Leben der Älteren gehört sie tendenziell nach wie vor dazu und wird auch heute noch übergezogen; bei den Jüngeren ist sie aus dem Alltag verschwunden. Von den über 60-Jährigen äußerten sich immerhin rund 80 Prozent positiv über den Kittel. Ganz anders bei den unter 60-Jährigen: Sie verwiesen auf ihre Mütter-Generation, die solche Kleidungsstücke noch getragen hat. Erinnerungen an Omas und Tanten wurden wach. Immer wieder hörte Janin Abt: »Das ist einfach passé, vor allem seit es Waschmaschinen gibt.« Hin und wieder war auch von einem überholten Frauenbild die Rede.
Else Kling aus der »Lindenstraße« oder Lia Wöhr als Putzfrau Siebenhals bei den »Hesselbachs«, die stets die Schürze trugen, werden heute allenfalls belächelt.
Von solchen Klischees hätten sich Frauen in den 1960er und 1970ern abgrenzen wollen, als die Emanzipation verstärkt auf die Tagesordnung trat. »Denn die Kittelschürze stand für sie auch für eine bestimmte Moral, eine Keuschheit und Mütterlichkeit, die sie ablegen wollten«, sagt Studentin Abt. Irgendwie schien das gute Stück nicht nur vor Staub, Flecken und Schmutz zu schützen, sondern auch vor »unreinem« Verhalten. Doch genau diese Gedankenwelt wollte man durchbrechen.
Zudem: Wer keine jungen Frauen mit Kittelschürzen kennt, möchte auch selbst keine haben. Doch was spricht aus der Sicht der Trägerinnen dafür? »Sie ist einfach praktisch«, sagt Gerti Faber (76) aus Heroldsbach, die man jeden Tag so gekleidet antreffen kann. »Besonders die Taschen mag ich sehr, in die ich alles stecken kann, was ich brauche: Taschentücher, Knöpfe, Scheren.« Natürlich spielt auch das Bequeme, die schnell zu öffnende Knopfleiste und die gute Waschbarkeit eine Rolle. Gerti Faber nutzt ihre Schürzen hauptsächlich, um bei der Hausarbeit die Kleidung zu schonen. So wie sie es seit ihrer Kindheit kennt. »Natürlich geht das mit dem Waschen heute einfacher, vielleicht brauchen die jungen Frauen sie deshalb nicht mehr«, vermutet sie. Sie erzählt von damals, als die »große Wäsche« noch eine lange Prozedur war, als alles eingeweicht, im Kessel gekocht, am Waschbrett »gerumpelt« und dann dreimal gespült wurde. »Ich trage meine Kittelschürzen trotzdem, weil ich mich einfach wohl darin fühle. Kleidung ist ja auch viel Gewohnheit«, fügt Gerti Faber hinzu.
Eine Haltung, der Theresa Waldner (75) aus Nürnberg widerspricht. »Klar habe ich früher auch so ausgesehen. Aber heute ist mir das viel zu unmodisch. Ich will mich schick kleiden, nicht übertrieben, das wäre albern, aber doch zeitgemäß. Da passt die Kittelschürze einfach nicht mehr ins Bild.« Alte Fotos, auf denen sie noch in der »Hausfrauenuniform« zu sehen ist, bringen sie zum Schmunzeln.
Rosa Bambis
Janin Abt ist aufgefallen, dass früher auch jüngere Frauen Kittelschürzen trugen. Ihre Mutter hatte im Alter von 30 Jahren beim Hausputz immer eine an, heute trägt sie sie nicht mehr. »Und ich bekam als kleines Mädchen eine süße Mini-Schürze mit rosa Bambis, auf die ich sehr stolz war«, erinnert sich Abt. Ob es damit zusammenhängt, dass sie aus einem kleinen Dorf bei Dessau in Sachsen-Anhalt stammt, wo jeder einen großen Garten und viel Arbeit hatte? »Meine Oma, die leider verstorben ist, kannte ich jedenfalls nur in Kittelschürze.«
Als Spezialistin für die Betreuung alter Menschen hat Janin Abt, die vor ihrem Studium Altenpflegerin gelernt hat, noch eine andere Feststellung gemacht: Demenzkranken kann es gut tun, ihnen eine Kittelschürze zu geben, weil sie Erinnerungen an früher weckt. Einmal hat Abt sogar in einem Heim eine entsprechende Modenschau organisiert, die hervorragend ankam.
Damit ist die junge Frau mit der Ost-West-Biografie in bester Gesellschaft. Die US-Künstlerin Andrea Zittel vermochte vergangenen März mit ihren »Smocks« Berufsgenossinnen wie Damen aus der Schickeria von Berlin hellauf zu begeistern. Ihre Ausstellung von handgemachten Kittelschürzen, jede davon ein Unikat, avancierte schnell zum Liebling der Gesellschaft. Freilich sahen die Designer-Stücke etwas anders aus als die Modelle, die man in fränkischen Dörfern, wie etwa bei Gerti Faber in Heroldsbach, antrifft. Manche erinnerten an eine römische Toga, andere an androgyne Kapuzenkleider. Der Schnitt war der gleiche: aus einem einzigen Stück geschneidert, locker herabfallend, figurfreundlich. Und so bodenständig-fröhlich bunt waren sie auch nicht. Doch dafür kosteten sie bis zu 1000 Euro. Auch Star-Couturier Marc Jacobs bearbeitete den Klassiker. Doch er hatte weniger Glück, als er im Jahr 2008 Hollywood-Größen in Kittelschürzen präsentierte. »Scheußlich… guten Gewissens entsorgen«, ätzte die Frauenzeitschrift Amica.
Nicht mehr im Programm
Bei Quelle, wo so viele Frauen ihr gutes Stück jahrzehntelang kauften, hat man sie nicht mehr im aktuellen Programm, bei Otto auch nicht mehr, zumindest nicht in den gedruckten Haupt-Katalogen. Allein in den letzten fünf Jahren habe sich der Markt halbiert, heißt es bei Quelle. Drei von vier Käuferinnen sind älter als 50 Jahre. Ganz will man aber auf den Klassiker nicht verzichten. Nur muss sich die Kittelkundschaft jetzt aus dem Spezialkatalog »Classics« oder auf Quelle.de im Internet versorgen. Dagegen macht der »Ostprodukte-Versand« im sachsen-anhaltinischen Tangermünde damit ein gutes Geschäft. Bis Größe 60 ist das Ostalgieprodukt aus Dederon, der einstigen DDR-Kunstfaser, zu haben – für 19,50 Euro. Die Firma ist mit dem Absatz zufrieden und registriert auch einige junge Käuferinnen. »Wenn ich in der Shell-Jugendstudie lese, dass Werte wie Familie und Geborgenheit wieder im Kommen sind und Karriere nicht mehr so wichtig genommen wird, kann ich mir durchaus vorstellen, dass die Kittelschürze ein Comeback erlebt und ihr negatives Image los wird«, urteilt Janin Abt.
Claudia Schuller