Zwei Schulfreundinnen meiner Mutter waren Ende der 1950-er Jahre nach Amerika ausgewandert. Die eine, weil sie in Fürth einen US-Soldaten kennen und lieben gelernt hatte und ihm in seine Heimat nach Texas folgte. Die andere, weil sie sich mit ihrem Mann eine Zukunft in Kanada aufbauen wollte. In schmalen alten Holzkoffern verstauten sie ihr gesamtes Hab und Gut und stiegen in Frankfurt in riesige Flugzeuge. Dann waren sie aus dem Leben ihrer fränkischen Clique verschwunden. Monate später kam von ihnen ein Lebenszeichen in Form eines zartblauen Umschlags. Erst trudelte der eine Brief aus Toronto ein, der die Aufschrift »air mail« und allerlei exotische Stempel trug und mit großen Augen bestaunt wurde. Als drei Wochen später der zweite aus Texas anlandete, war man in Fürth schon etwas vertrauter mit der Luftpost. Beiden jungen Frauen ging es gut, doch dass sie Heimweh hatten, konnte man aus den Zeilen herauslesen. Von da an berichteten meine Mutter und die anderen Schulfreundinnen abwechselnd auf
hauchdünnem pastellfarbenen Luftpostpapier, was sich in der Heimat gerade so getan hatte, wer gerade Mutter geworden war und dass man nun auch so einen tollen neuen Kühlschrank besitze wie die beiden Auswanderer-Damen, die stolz von ihrem »Refridge« geschrieben hatten. Noch war diese Form der Kommunikation eine teure. Post per Flugzeug kostete mehr als die – ewig lang dauernde – Sendung per
Schiff. Mit dem dünnen Papier sparte man eben ein paar Pfennige, da die Gebühr nach Gewicht berechnet wurde.
Elke Graßer-Reitzner