Foto: privat

Foto: privat

Neulich fuhr ich mit meiner Tochter im Bus. Ich hatte sie im Tragetuch umgebunden und konnte somit bequem auf einem freien Vierersitz Platz nehmen. An diesem Tag entspann sich um uns herum ein Gespräch, das ich zugegebenermaßen doch recht interessiert mitverfolgte. Eine Gruppe von fünf Frauen, schätzungsweise in den Mittsiebzigern, traf sich im Bus. Sie schienen sich gut zu kennen. Nachdem sich zunächst darüber ausgetauscht wurde, warum die ein oder andere Bekannte heute nicht beim Ausflug dabei sein könne, gingen zwei der Frauen zu einem Evergreen des Smalltalks über: Das Verhalten der Jugend von heute. Die eine echauffiert sich darüber, dass die jungen Leute eigentlich nie Plätze im Bus freimachten und auch sonst wenig zuvorkommend seien. Ihre Gesprächspartnerin widersprach jedoch prompt: Sie erlebe das anders. Sie bekomme sehr häufig Hilfe und Plätze angeboten und das meistens sogar von den jungen Leuten, von denen sie es nicht erwarte – von denen, die irgendwie nicht so danach aussähen.

Zwei Tage später war ich auf dem Weg in einen Zeitungsladen und manövrierte den Kinderwagen eher weniger erfolgreich an der Stufe umher. Normalerweise hätte ich nach Hilfe gefragt, aber der einzige Mensch, der in Rufweite war, war ein Herr Anfang 60, der in meinen Augen irgendwie nicht der Richtige für mein Ansinnen zu sein schien. Kurzum, ich traute mich nicht ihn zu fragen, weil er Piercings und Bikerkluft trug. Dabei steuerte er geradewegs auf den Laden zu. Als er uns sah, lächelte er sofort und fragte, ob er helfen könne. Er trug den Wagen ins Geschäft und verabschiedete sich freundlich.

Und ich, ich streifte erstmal noch kurz um die Regale und schämte mich etwas. So ist das also mit den Vorurteilen, egal wie alt man ist und über welches Alter man sie hat.