Mit 79 Jahren fühlt sich Franz Müntefering noch sehr fit. Jedenfalls, was den Kopf anbelangt. Körperliche Einschränkungen müsse man schon eher hinnehmen, ließ er das zahlreich erschienene Publikum im Fabersaal wissen. Die beiden SPD Bundestagsabgeordneten Gabriela Heinrich und Martin Bukert hatten den prominenten Gast eingeladen. Schließlich hat der leidenschaftliche Sozialdemokrat lange Zeit im Zentrum der Macht gestanden. “ich bin der ideale zweite Mann”, sagte er von sich. An die Spitze habe es ihn nie gedrängt.

Doch auch von der zweiten Reihe aus hat er viel bewegt. So wurde er SPD Generalsekretär, ein Posten, der wie für ihn geschaffen war. Und den er selbst geschaffen hatte – zumindest gab er den Anstoß dazu. In seinem Buch “unterwegs” beschreibt Müntefering zahlreiche Stationen seiner Karriere, vom noch unbedarften Jungen aus der Provinz zum Mitglied des Bundesvorstands der SPD.
In seiner Lebensbilanz blickt er auf spannende Momente in der Bundespolitik zurück, beispielsweise während der Kanzlerschaft von Gerhard Schröder und zeichnet damit eine Chronik der Bundesrepublik nach der Wende. Zu den letzten großen Weichenstellungen gehörte die Einführung der Rente mit 67. Zu diesem Schritt steht Müntefering noch heute, das Publikum im Saal war da nicht ganz an seiner Meinung.

Alexander Liebel im Gespräch mit Franz Müntefering. Foto. Nossek-Bock

Die 224 Seiten hat der Senior übrigens nach alter Väter Sitte auf einer Schreibmaschine getippt. Social Media und andere Errungenschaften der Neuzeit nutzt er wenig oder gar nicht. Das koste zu viel Zeit, meint der Vielbeschäftigte. “Ich will gar nicht alles wissen”, erklärt er im Hinblick auf die Newsfeeds von Twitter und Co. Und ihn treibt die Frage um, wie “kann man soziale Kontakte aufbauen in einer sich ständig stark verändernden Gesellschaft, in der die Familien immer kleiner werden?” Ein gelungenes Beispiel dafür sei eine Initiative in Bielefeld mit dem Namen ” Wir kümmern uns umeinander”. Hier unterstützen sich Bewohner eines Viertels beim bewältigen täglicher Aufgaben. Alle Aktiven sind zwischen 70 und 90 Jahre alt.

Münteferings Tipps für ein gelingendes Altern: “Bildung, immer Neues lernen, neugierig bleiben.” Der digitale Wandel, dessen Folgen für die Arbeitnehmer und andere aktuelle Entwicklungen bleiben an diesem Nachmittag im angestammten Gebäude der Altenakademie am Gewerbemuseumsplatz in Nürnberg außen vor. Stattdessen noch ein sozialpolitischer Ausschlag Richtung Transaktionssteuer für Finanzprodukte. Der Politiker alter Schule wird auch weiterhin für seine SPD sprechen, auch wenn er jetzt mehr die Senioren im Blick hat.

Alle Fotos: Petra Nossek-Bock